Coward
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Coward

Einer der ungewöhnlichsten Kriegsfilme der Kinogeschichte

Von Björn Becher

Als der belgische Filmemacher Lukas Dhont („Girl“) das Schwarz-Weiß-Foto eines Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg entdeckte, war sein Interesse geweckt. Direkt hinter der Frontlinie zeigte das Bild den jungen Mann in Frauenkleidern. Bei seinen anschließenden Recherchen stieß er auf eine wenig bekannte Tradition: Mit unterhaltsamen Theateraufführungen wurde die Moral der Truppen hochgehalten, wobei nicht kampffähige Kameraden sich für die Stücke meist als Mütter, Ehefrauen oder Geliebte verkleideten. Doch eine Sache faszinierte Dhont sogar noch mehr: Er fand Zeugnisse dafür, dass für einige schwule Männer ausgerechnet der brutale Krieg zu einem Ort der Freiheit wurde.

Seine Nachforschungen inspirierten Dhont zu einem der außergewöhnlichsten Werke des Genres. Trotz einiger intensiver Szenen im Schützengraben sind die Momente an der belgischen Front im Jahr 1916 in „Coward“ rar gesät. Gerade in einem Genre, in welchem es sonst vor allem um Härte, Opferbereitschaft und Todesmut geht, erzählt der Filmemacher stattdessen von Zärtlichkeit, Kunst und Begehren. So ist „Coward“ am Ende ein sehr sinnliches, zartes, aber in seinen stärksten Momenten gleichzeitig auch überwältigendes Liebesdrama.

Die Stimmung wird aufgepeitscht an der Front: Der junge Pierre (Emmanuel Macchia) inmitten seiner Kameraden. Diaphana Distribution
Die Stimmung wird aufgepeitscht an der Front: Der junge Pierre (Emmanuel Macchia) inmitten seiner Kameraden.

Der junge Bauernsohn Pierre (Emmanuel Macchia) kommt frisch an die Front. Das Pflichtgefühl und der Wunsch, sich zu beweisen, sind ihm anzumerken. Aber zunächst einmal steht der zermürbende Alltag an. Immer wieder muss er mit anderen Soldaten schwere Munition für die Haubitzen durch den Schlamm schleppen oder gefallene Kameraden aus dem Niemandsland bergen. Nicht alle kommen mit dem Druck klar. Ein Kamerad wagt die Flucht, wird aber als Feigling gebrandmarkt und erschossen.

Parallel dazu begegnet Pierre auch Francis (Valentin Campagne), der mit anderen ausgemusterten Soldaten opulente Theateraufführungen organisiert, um die Truppe von den Kriegsgräueln abzulenken. Dank seines handwerklichen Geschicks beginnt Pierre damit, die Gruppe beim Bau von Kulissen zu unterstützen. Dabei kommen sich die beiden Männer näher. Doch für Pierre geht es immer wieder zurück an die Front. Als er eine Nacht nur knapp überlebt, wächst in ihm die Angst, zu sterben. Er muss einen Weg finden, dauerhaft bei Francis und seiner Theatergruppe bleiben zu können ...

Dreckiger Schlamm und weiches Licht

Dhont grenzt die beiden Welten des Protagonisten klar voneinander ab. Abgesehen von einer heftigen Szene, in welcher der junge Soldat das nächtliche Reparieren eines Stacheldrahts gerade so überlebt, ist die eigentliche Arbeit als Soldat keine abwechslungsreiche Abfolge dramatischer Set-Pieces. Stattdessen ist das alles bewusst monoton: Die düster-dreckigen Bilder ähneln sich, wenn stets dieselben Handgriffe nötig sind, um die zentnerschwere Last auszuladen und nach vorne zu tragen.

Demgegenüber steht die kleine Theaterwelt, die in helle Farben und weiches Licht getaucht ist. „Coward“ ist kein auf matschigen Realismus getrimmter Kriegsfilm, sondern ein oft geradezu elegantes Drama. Dieser Gegensatz sticht manchmal überdeutlich hervor. Viele emotionale Zuspitzungen sind sehr präzise auf die maximale Wirkung hin inszeniert. Das wirkt mitunter kalkuliert – aber es geht trotzdem auf, weil Lukas Dhont wie zuletzt ja auch schon in „Close“ einfach versteht, wie man das Publikum mitreißt.

Ein intimer Freiraum auf der Bühne

Gerade die Theaterchoreografien haben eine fast schon ansteckende Energie. Wenn die Männer patriotische Lieder anstimmen, marschieren, tanzen und sich in ihren Rollen verlieren, versteht man sofort, warum solche Aufführungen diesen Einfluss auf die Truppen hatten und von den Generälen gefördert wurden. Geschickt verleiht Dhont ihnen dabei eine dreifache Funktion: sie stacheln jene an, die morgen in die Schlacht müssen; sie trösten jene, die einen Kameraden verloren haben; und sie betäuben alle, die an die Heimat denken. Gleichzeitig bieten die opulent ausgestatteten und kostümierten Szenen den Männern die Möglichkeit, ganz offen eine andere Seite von sich zu zeigen.

In diesem Freiraum entwickelt sich die Liebe zwischen Pierre und Francis. Dhont nimmt sich viel Zeit dafür. Ein erster Tanz beim Herumalbern während der Proben ist dem jungen Bauernsohn noch peinlich, beim zweiten lässt er sich schon etwas mehr darauf ein. Die Unsicherheit beider Männer bekommt dabei genügend Raum. Als sie zum ersten Mal Sex haben, steht am Anfang die Frage, wie das überhaupt funktioniert. Gerade diese Unbeholfenheit, die am Ende dazu führt, dass sie einander masturbieren statt zu penetrieren, macht die Szene so berührend.

Ein Film über den Mut, feige zu sein

Herausragend ist das Spiel der beiden Hauptdarsteller. Der für den Film entdeckte Emmanuel Macchia spielt den groß gewachsenen Blonden als oft schweigende, aber trotzdem für das Publikum sehr offene Figur. Dieser Pierre erklärt wenig mit Worten, doch wenn sich seine Schultern anspannen oder der Blick eine gewisse Scheu vermittelt, verrät uns das trotzdem sehr viel über sein Innenleben. Valentin Campagne („Dossier 137“) setzt dem großen Schweiger als Francis eine lebendigere Energie entgegen. Er scheint die Mechanismen verstanden zu haben, die ihm eine dauerhafte Rolle an der Front einbringen, bei der er sich nicht ständig in Lebensgefahr begeben muss. Doch die stärksten Momente sind jene, in denen deutlich wird, dass er gerade nicht der selbstbewusste Verführer ist, sondern auch seine Unsicherheiten hat.

Auch er ist feige, aber das ist für Dhont eindeutig keine Beleidigung. Es ist vielmehr völlig natürlich angesichts des ständigen Sterbens nur wenige Meter weiter in den Schützengräben. Trotz des Titels geht es in „Coward“ daher auch gar nicht um Feigheit, sondern vielmehr um den Mut, zu sich selbst zu finden und angesichts des Grauens nicht hart und verbittert zu werden, sondern sich eine weiche Seite zu bewahren. Genau deswegen ist es auch einer der singulärsten Kriegsfilme. Er hat die üblichen Bilder, die man mit dem Genre verbindet. Die Grausamkeit ist da, nicht nur bei den Szenen an der Front, sondern auch in einem Lazarett voller physisch und psychisch übel zugerichteter Verwundeter. Doch Dhont fügt den bekannten Szenen andere hinzu, zeigt Männer, die füreinander singen, sich verkleiden, sich küssen, sich trösten. Und das ist oft herzzerreißend schön.

Fazit: In Lukas Dhonts außergewöhnlich sinnlichem Erster-Weltkrieg-Film „Coward“ ist nicht jede emotionale Zuspitzung frei von Kalkül, doch das zarte, stark gespielte und visuell eindrucksvolle Liebesdrama an der Front ist dennoch wahnsinnig berührend.

Wir haben „Coward“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo er seine Weltpremiere als Teil des offiziellen Wettbewerbs gefeiert hat.

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