Als hätte Charlotte Brontë statt Bret Easton Ellis "American Psycho" geschrieben!
Von Björn BecherDas Setting erinnert an den Charlotte-Brontë-Klassiker „Jane Eyre“: Eine Gouvernante mit lebhaften Träumen und Visionen führt uns per Ich-Erzählung durch ihre Arbeitstage auf einem abgelegenen Anwesen. Dazu kommen die Geheimnisse der Oberschicht sowie eine dunkle Familiengeschichte. Doch die Protagonistin in „Victorian Psycho“ ist nicht etwa eine moralische Beobachterin, sondern ein Monster, das – passend zum Titel des Films und der Romanvorlage – dem „American Psycho“-Serienkiller Patrick Bateman ernste Konkurrenz macht. Diese Kombination hat eigentlich das Zeug zum Kult – und mit der Besetzung von „It Follows“- und „Longlegs“-Star Maika Monroe in der Hauptrolle stimmt auch direkt die wichtigste Zutat.
Aber am Ende will der Gothic-Horror-Slasher von Zachary Wigon trotzdem nicht so recht zünden. Der ehemalige Kritiker verlässt sich in seinem dritten Spielfilm nach „The Heart Machine“ und „Sanctuary“ einfach ein wenig zu sehr auf sein vielversprechendes Szenario. Gemeinsam mit der Bestsellerautorin Virginia Feito, die selbst die Adaption ihres Romans verantwortete, gibt er es irgendwann auf, weiter makabre Spannung aufzubauen. Stattdessen setzt die Inszenierung auf Metzel-Exzesse, die nicht konsequent durchgezogen werden, sowie eine Fülle von visuellen Spielereien, die irgendwann eher ermüden als unterhalten.
Bleecker Street
„Ich bin die einzige zurechnungsfähige Person, die ich kenne“, erklärt Winifred Notty (Maika Monroe) beim Antritt ihrer neuen Stelle direkt zum Kinopublikum gewandt. Da ahnt man natürlich schon, dass die neue Gouvernante, die sich künftig um die Kinder von Mr. Pounds (Jason Isaacs) und Mrs. Pounds (Ruth Wilson) kümmern soll, alles andere als psychisch gefestigt ist. Auch dem kleinen Andrew (Jacobi Jupe) und seiner älteren Schwester Drusilla (Evie Templeton) dämmert schnell, dass ihre Aufpasserin, die ständig Stimmen hört, ihnen gefährlich werden könnte.
Nur die herzensgut-naive Bedienstete Ms. Lamb (Thomasin McKenzie) scheint völlig blind für die düstere Seite ihrer neuen Kollegin. Daran ändert sich selbst dann nichts, als sie Winifred in der Nacht mit blutverschmierter Kleidung erwischt und am nächsten Tag der Gärtner spurlos verschwunden ist. Aber dass sich der Neuankömmling heimlich durch das stattliche Anwesen im viktorianischen London mordet, ist gar nicht das größte Geheimnis. Schließlich stellt sich auch noch die Frage, warum die Gouvernante eigentlich ausgerechnet bei der Familie Pounds gelandet ist ...
Schon beim Auspacken fällt ein abgetrenntes Ohr aus Winifreds Gepäck. Kurz darauf schlägt sie beim Spaziergang mit den Kindern einem Hirsch den Schädel ein. „Victorian Psycho“ macht nie ein Geheimnis daraus, dass mit dieser Gouvernante etwas fundamental nicht stimmt. Es geht also gar nicht darum, ob Winifred gefährlich ist, sondern vielmehr darum, wann ihre Fassade endgültig zerbricht. Das Morden beginnt zügig – und von da an versucht Wigon gar nicht mehr, durchgängig Spannung aufzubauen. Er verlässt sich stattdessen darauf, dass das Publikum ohnehin der nächsten Stufe der Eskalationsskala entgegenfiebern wird.
Wie höfische Etikette und viktorianische Moral zunehmend in eine blutige Groteske umschlagen, hat einen gewissen Reiz, der sich trotz der knackigen 90 Minuten Laufzeit jedoch im weiteren Verlauf abnutzt. Das Kunstblut darf zwar fließen, doch dann verdecken auch mal Vorhänge das Geschehen – oder es wird sowieso (zu) früh abgeblendet. Dabei überschreitet der Horrorfilm zwar erzählerisch (etwa bei der Auswahl einiger Opfer) durchaus Grenzen, visuell schwächt er diese provozierenden Passagen aber zugleich auch wieder ab. So entsteht ein seltsames Missverhältnis, wenn „Victorian Psycho“ zwar den Tabubruch sucht, diesen dann aber erstaunlich vorsichtig inszeniert.
Bleecker Street
Maika Monroe spielt dabei als Psychopathin stark auf. Man weiß nie, ob es sich um eine makabre Drohung oder die reine Wahrheit handelt, wenn sie dem kleinen Andrew von einem Dämon namens Fred erzählt, der in ihr wohne. Das verleiht der Figur eine wunderbar mysteriöse Aura, die dann aber nicht ausreichend weiter befeuert wird. Regisseur Wigon fokussiert sich mehr darauf, das Spiel seiner Hauptdarstellerin zu unterstützen, wenn diese mit groß aufgerissenen Augen und einem übertriebenen Grinsen zwischen mörderischer Diabolik und lammgleicher Unschuld hin und her springt.
Immer wieder nimmt die Kamera die Perspektive des kindlichen Gegenübers ein, sodass Monroes leinwandfüllendes Antlitz leicht nach vorne gebeugt bedrohlich über dem Publikum thront. Ohnehin wird visuell viel experimentiert. Passt die unruhige Bildführung zu Beginn noch perfekt zur Einführung der Protagonistin, wirken diese Mätzchen im weiteren Verlauf aber beliebig. Sogar die durch Darren Aronofskys „Requiem For A Dream“ bekannt gewordene SnorriCam kommt zum Einsatz – jene am Körper befestigte Apparatur, die das Gesicht starr in Großaufnahme fixiert. Nur bleibt unklar, was dieser Effekt hier über die Figuren erzählen soll.
Sehr wechselhaft sind die zahlreichen eingestreuten Witze. Eine lustig präsentierte Bemerkung von Mr. Pounds, die eine Vergewaltigung durch seinen eigenen Vater andeutet, hängt sogar völlig luftleer im Raum. Viel spannender ist da der Running Gag, dass die Adeligen zwar eine gute Ausbildung ihrer Kinder erwarten, aber deshalb auch nicht zu schlau werden sollen. Vor allem beim Mädchen Drusilla wäre das schließlich eher hinderlich für den weiteren Lebensweg. Das ist zwar etwas platt, eröffnet aber einen interessanten Unterbau für die feministische Rachefantasie, die in „Victorian Psycho“ steckt. Obwohl der Film mit seinem finalen Twist noch weiter auf diese Lesart einzahlt, treibt es Wigon auch hier nicht konsequent genug auf die Spitze.
Fazit: Trotz einer starken Idee, einer groß aufspielenden Maika Monroe sowie gelungenen Einzelbildern geht „Victorian Psycho“ weder als Gothic-Slasher, Gesellschaftssatire noch als feministische Rachefantasie konsequent genug in die Vollen. All das soll kultig, böse und tabulos sein, ist am Ende aber vor allem ein Versprechen auf einen noch besseren Film, der eigentlich in dem Material steckt.
Wir haben „Victorian Psycho“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film in der Sektion Un Certain Regard seine Weltpremiere gefeiert hat.