Rose Of Nevada
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Rose Of Nevada

Maritimes Mindfuck-Kino

Von Janick Nolting

„Jesus Christ!“, ist der erste gesprochene Satz im Film und er passt bestens zu dem, was Mark Jenkin später auf der Leinwand entfesselt. Denn „Rose Of Nevada“ fegt tatsächlich ebenso aggressiv wie hirnverdrehend über sein Publikum hinweg. Jenkin spielt derart innovativ, stilsicher und eigenwillig mit der Form und Ästhetik seines Films, wie man es nur bei den wenigsten Horror-Regisseur*innen der Gegenwart erleben kann. Damit knüpft der in Cornwall geborene Filmemacher nahtlos an seinen experimentellen Folk-Horror „Enys Men“ (2022) an, der in Deutschland bislang leider nie breiter veröffentlicht wurde.

Jenkin ist Autorenfilmer durch und durch. Seine Handschrift, gerade im Umgang mit dem analogen Filmmaterial, ist inzwischen unverwechselbar. Neben Regie und Drehbuch hat er bei „Rose Of Nevada“ auch Kamera, Musik, Schnitt und das Sounddesign (mit-)verantwortet. Jenkin präsentiert sich dabei einmal mehr als Mann fürs Maritime. Wieder hat er einen Stoff erdacht, der von verschollenen Seefahrern, bedrohlichen Naturphänomenen und Räumen an und auf dem Meer erzählt.

Die Schiffsmänner Liam (Callum Turner) und Nick (George MacKay) finden sich plötzlich in einer Zeitschleife wieder. Bosena
Die Schiffsmänner Liam (Callum Turner) und Nick (George MacKay) finden sich plötzlich in einer Zeitschleife wieder.

Alles beginnt mit der Ankunft eines Fischerkahns. Das Boot, die titelgebende „Rose Of Nevada“, taucht plötzlich wieder im Hafen auf, nachdem es zuvor nebst seiner Besatzung verschwunden war. Nun soll es erneut auf große Fahrt gehen. Zwei junge Männer, Liam (Callum Turner) und Nick (George MacKay) heuern an. Unter dem Regime eines raubeinigen Captains schippern sie los, um auf Fischfang zu gehen. Doch als sie wieder nach Hause kommen, finden sie sich in der Vergangenheit wieder. Die Bevölkerung des Fischerdorfes hält die beiden für die verschollenen Seeleute von damals…

Und täglich grüßt das Fischerboot…

Der Zeitschleifen-Horror von Mark Jenkin gibt sich auf der reinen Plotebene durchweg kryptisch. Er ist voller Leerstellen und Offenheiten. Man kann dem Film ankreiden, dass sein ganzer gesellschaftlicher Kontext so vage wie abstrakt skizziert bleibt. Zugleich vertraut „Rose Of Nevada“ auf die zeitlose Faszinationskraft des Gespenstischen und der Idee einer Heimsuchung durch die Vergangenheit, die alle erprobten Regeln und Gewohnheiten fremd werden lässt.

„Rose Of Nevada“ begreift seine Handlung und Prämisse also weniger als beengende Struktur oder als Rätsel, das es eindeutig zu entschlüsseln gilt. Vielmehr bildet es einen Rahmen für allerlei Assoziationen und Fragen, mit denen dieses unheimliche Szenario mit der Gegenwart in Kontakt tritt. Unheimlich wird Jenkins Film überraschenderweise vor allem dann, wenn das Unheimliche der Zeitschleife plötzlich an Bedrohlichkeit verliert. Auf einmal geht es um die Frage der Anpassung. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht, in dieser Vergangenheit festzustecken? Die Dorfkneipe, die zuvor ein öder Ort war, ist plötzlich wieder mit Leben gefüllt. Familiäre Konstellationen wachsen zusammen, auch wenn sich Menschen hier selten viel zu sagen haben. Man schweigt lieber über all das, was im Innern brodelt.

Flucht in die Vergangenheit

Dazu erkundet „Rose Of Nevada“ eine ökonomische Krise. Eine Ortschaft verfällt, die Geldnot ist offenkundig. Durch Löcher im Dach regnet es bereits herein. Die Alten können nur mühsam versorgt werden, sofern sie nicht gerade mit dem Trauern beschäftigt sind. Und für junge Männer wie die beiden Protagonisten scheinen wenige Perspektiven zu existieren, dieser Welt zu entkommen oder in ihr ein glückliches Leben zu führen. Also erscheint nur noch die Flucht in irgendein mythisch verklärtes, nostalgisches Gestern als Hoffnungsbringer.

Wenn Jenkins Figuren überlegen, ob und wie sie ihrer Lage zwischen all den überlagerten Zeiten, Gestalten und Biografien entkommen können, tut sich dort ebenso ein Gewissenskonflikt auf, welche Abhängigkeiten und Symbiosen mit einem Aufbegehren womöglich zerstört werden würden. Welche Folgen hätte es für die Gemeinschaft? Was bedeutet hier Solidarität? Aber was heißt es umgekehrt, sich dem Lauf der Dinge einfach zu fügen und von ihm (auch finanziell) zu profitieren?

Analoger Horror

Mark Jenkins Film ist in seiner analogen Ästhetik und inhaltlichen Ausrichtung in der Vergangenheit verortet. Aber das hat nichts mit einer Retromanie oder dergleichen zu tun. Eine Retrokultur, die auch in der Filmindustrie um sich greift, wird hier den Blicken regelrecht entstellt. Sie wird verstörend. Sowohl wenn es darum geht, die von außen auferlegten Rollen plötzlich mitzuspielen, als auch bei den formalen Tricks, die Jenkin immer wieder kreiert, um dem Publikum jede Orientierung zu rauben.

Man kann zunächst den Eindruck gewinnen, dieser Film sei konventioneller, zugänglicher als Jenkins Vorgängerwerk „Enys Men“. Schließlich ist in „Rose Of Nevada“ anfangs deutlicher ein klarer Plot zu identifizieren. Aber der Eindruck des Erzählkinos wird spätestens in der zweiten Hälfte gnadenlos gegen die Wand gefahren, wenn Jenkin seine Figuren in einen Strudel unheimlicher Stimmen, Erinnerungen, Vorahnungen und mitten hinein in die Naturgewalten stürzen lässt. Hier geht es um die reinste filmische Sinnlichkeit.

Mitten im Sturm

Gerade die Sequenzen auf hoher See sind furios. Jenkin sucht hier die extremen Close-ups. Er zeigt das Fischergeschäft als Knochenjob, zerlegt dieses in seine visuellen Einzelteile und montiert sie immer aggressiver. Die stampfende, zermürbende Klangkulisse aus Sturmgeräuschen steigert das in Richtung eines Überwältigungskinos. Ein wippender Fuß, Utensilien, die auf dem schwankenden Kahn gegen die Wand knallen, und das ohrenbetäubende Rasseln der Seilwinden und Maschinen vereinen sich zur Kakophonie. Dazu diese Bildfetzen: Fische, die aus Netzen aufs Deck klatschen oder aufgeschnitten werden. Ein Rohr spuckt Eis in Bottiche. Wellen schwappen und schäumen. Dann wird das Unscheinbare zur Sensation: ein dreckiger Schuh oder Wasser, das an einem Regenmantel abperlt.

Und daneben gibt es die schaurigen Momente, in denen Bild und Ton plötzlich auseinanderfallen. Geräusche in der Ferne ertönen ganz laut und nah und umgekehrt. Plötzlich herrscht drückende Stille, dann regiert der reinste Lärm. Akustische und visuelle Störeffekte brechen permanent in die Handlung. Bei Mark Jenkin wird das ganze Medium Film in seinen Ausschnitten und Kompositionen von Wirklichkeit unheimlich. Es weiß ganz genau, wie es die Wahrnehmung des Publikums manipulieren und letztlich Zeit und Raum selbst aus den Angeln heben kann. Nichts ist hier gewiss oder berechenbar. Befremdliches schleicht sich manchmal ganz subtil in die Wahrnehmung ein. Und seien es nur kleine Tropfen, die plötzlich im Bild von unten nach oben fallen.

Fazit: Mark Jenkins erzählt in seiner maritimen Zeitschleifen-Geschichte „Rose Of Nevada“ von Anpassung und Aufbegehren gegen die Traditionen, Mythen und Bilder einer verlorenen Gesellschaft. Vor allem aber kreiert dieser experimentelle Horrorfilm mit seinen Nahaufnahmen, ungewöhnlichen Perspektiven und überwältigenden Soundeffekten ein sinnliches Spektakel sondergleichen.

Wir haben „Rose Of Nevade“ beim Venedig Filmfest 2025 gesehen, wo er in der Sektion Orizzonti seine Weltpremiere gefeiert hat.

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