Geupdatete Geschlechteranalyse
Von Jochen Werner„Seid nicht ihr selbst. Seid angenehm.“ Das Lächeln gehört zur Arbeitskleidung, ebenso wie das grotesk kurze violette Kleidchen in der kalten Messehalle und die unbequemen Stilettos, die die Körper der Hostessen zurichten. Eine von ihnen ist Brigitte (Johanna Wokalek), deren im Gesicht festgefrorenes Lächeln von ihrer toughen Chefin immer wieder als vorbildlich gelobt wird. Allerdings ist Brigitte deutlich älter als ihre jungen Kolleginnen – und sie spürt, dass ihre Zukunft langsam zur Neige geht. Denn es kommt der Tag, auch in Caroline Kox‘ Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman „Die Liebhaberinnen“ von 1975, da verlieren das weibliche Gesicht und der weibliche Körper ihren Marktwert.
Insofern geht es für Brigitte um existenzielle Fragen. Kann sie sich noch rechtzeitig in eine Ehe retten, bevor es auch dafür zu spät sein wird? „Rich, aber auch disgusting“, findet sie das Objekt ihrer Bemühungen, das wohlhabende und von den Alphamännern in seinem beruflichen Umfeld gemobbte Muttersöhnchen Heinz (Ben Münchow). Aber macht das wirklich einen Unterschied angesichts der rasant zur Neige gehenden Alternativen, die der verschuldeten und mehr oder weniger obdachlosen Brigitte noch zur Wahl stehen? Eine schöne Villa und eine neue Couchgarnitur, dafür lässt sich der eine oder andere triste Handjob im Badezimmer schon in Kauf nehmen, oder?
Filmwelt
Eine gnadenlosere Chronistin der sexualökonomischen Verwerfungen zwischen Männern und Frauen als die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek wird man wohl kaum finden. Gleichwohl ist ihr Roman „Die Liebhaberinnen“ inzwischen ein halbes Jahrhundert alt, und bei der Übertragung aus der österreichischen Provinz des Jahres 1975 in die Gegenwart des digitalen Zeitalters muss er zweifelsohne einige Transformationen durchmachen. Das ist auch der unter dem Künstlernamen „Koxi“ arbeitenden Regisseurin Caroline Kox bewusst – und so funktioniert der Transfer in die von Insta-Videos rhythmisierte Businesswelt über weite Strecken recht gut.
Dabei steckt hier viel Potenzial zum Schiefgehen drin: Den Businesssprech der patriarchalen Managerwelt hat man ja schon oft zur Karikatur verzerrt gesehen, ebenso wie die toxische Männlichkeit ihrer Protagonisten. Schmierige Anmachsprüche in beruflichen Situationen, uneingeladene Hände auf Hinterteilen, das komplette Repertoire wird hier aufgefahren. Und nicht nur das, auch selbstoptimierende TED-Talks, Webvideos zwischen Instagram und OnlyFans sowie am Ende die Reality-TV-Hölle des Privatfernsehens – all das kommt keinesfalls ungeschoren davon.
Das kommt einem alles nicht neu vor, und im Zusammenspiel mit dem grotesk-überdrehten Performancetheater-Charakter der Inszenierung birgt „Liebhaberinnen“ so einiges Potenzial, einem so richtig auf die Nerven zu gehen. Aber erfreulicherweise kommt es dann nur ganz selten tatsächlich so weit. Getragen wird der Film vor allem von einer ordentlichen Verve in der Inszenierung von Kox, die zugleich auch eine gewisse Freude am Quatsch an den Stoff heranträgt. Einige Episoden ihres Films geraten somit lustig – auch wenn einem in der Gesamtschau das Lachen durchaus intendiert im Halse stecken bleiben darf.
Und bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dann auch so manches in „Liebhaberinnen“ als komplexer, als es insbesondere die karikaturhafte Zeichnung der männlichen Protagonisten erahnen lässt. Auch in Jelineks Vorlage geht es explizit um die Konkurrenzverhältnisse, in die die titelgebenden Frauen gezwungen werden. Und Kox‘ Verfilmung richtet den Blick immer wieder dezidiert auf die Gräben zwischen den verschiedenen Generationen. Da ist Brigitte, deren Zeit im Hostessenjob bald zu Ende geht. Und es gibt ihr jungen Kolleginnen, die beim Sektchen hinter den Kulissen von Solidarität und Streik plaudern und noch nicht verstehen können, dass es für Brigitte in diesem demütigenden Scheißjob um ihre Existenz geht.
Filmwelt
Mittendrin die junge Influencerin Paula (Hannah Schiller), die vom Berühmtwerden träumt und am Ende auch nur in der Messehalle strandet. Und Brigittes Mutter Angelika (Susanne Bredehöft), die es zwar ökonomisch in eine reiche Ehe „geschafft“ hat, aber dafür ihre komplette Autonomie preisgeben musste – und das Gift dieser ausweglosen Lebenseinstellung nun auch ihrer Tochter in die Venen spritzt. Als Krönung schließlich noch die Alpha-Businessfrau, die banale Motivationssprüche in teuren TED-Talks auftischt und somit das Leid der anderen in Profit ummünzt.
Einen kurzen und besonders schönen Moment gibt es, der sich in der Erinnerung festhakt und der „Liebhaberinnen“ vielleicht sogar nochmal auf ein neues Level anhebt. Ziemlich gegen Ende findet er statt, und gemeinsam mit Brigitte erwischen wir Heinz dabei, wie er in einem Zoom-Call mit ein paar anderen Dudes einer Art Männergruppe auf dem Laptopscreen seine eigenen Unsicherheiten diskutiert. Hier fächern sich all die Verstrickungen des mit harten Bandagen karikierten Geschlechterkriegs noch einmal anders auf, und es wird sichtbar, dass im Grunde ein jeder in diesem unbarmherzigen System seine Zurichtungen erfährt. Als Täter und Opfer gleichermaßen.
Fazit: Caroline Kox‘ Verfilmung von Elfriede Jelineks gnadenloser Geschlechterkriegsanalyse schießt gelegentlich übers Ziel hinaus in ihrer Karikaturhaftigkeit, überzeugt aber zumindest passagenweise mit einer Inszenierung voll Verve, Tempo und einem boshaften Witz, der die Düsternis des Stoffes keineswegs abmildert, sondern eher noch stärker konturiert.
Wir haben „Liebhaberinnen“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion Forum seine Weltpremiere gefeiert hat.