Genauso (gut!) wie das Original
Von Julius VietzenBraucht es nach zehn Jahren wirklich schon ein Realfilm-Remake von „Vaiana“? Aus rein wirtschaftlichen Gründen lautet die Antwort auf die Frage auf jeden Fall „Ja“. Dafür muss man sich nur mal die weltweiten Einspielergebnisse im Kino und die Rekordzahlen von „Vaiana“ und „Vaiana 2“ auf Disney+ anschauen. Aus künstlerischer Perspektive sieht die Sache natürlich anders aus und viele Fans des animierten Originals von 2016 scheinen die Frage für sich vorab schon mit „Nein“ beantwortet zu haben – jedenfalls wenn man sich die vielen negativen Kommentare unter den offiziellen Trailern auf YouTube so anschaut.
Wer Realfilm-Remakes grundsätzlich (oder das „Vaiana“-Remake im Speziellen) ablehnt, wird sich wahrscheinlich auch von dieser Kritik nicht umstimmen lassen. Für alle anderen haben wir an dieser Stelle eine frohe Botschaft: Die Heldinnenreise der jungen Vaiana (oder Moana im Original) begeistert und berührt auch als Realfilm genauso wie das animierte Original. Schade nur, dass die leuchtenden Farben und die ausdrucksstarken Bilder des Animationsfilms einem austauschbar-farbentsättigten Blockbuster-Look weichen mussten. Durch das charmant aufspielende Ensemble des Remakes wird das jedoch größtenteils wieder wettgemacht.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
Die junge Vaiana (Catherine Laga'aia) lebt gemeinsam mit ihrer Familie und ihrem Stamm auf der polynesischen Insel Motunui. Eigentlich scheint ihre Heimat das Paradies auf Erden zu sein und ihr Vater, der Häuptling Tui (John Tui), hat sie bereits als künftige Anführerin ihres Dorfes auserwählt. Doch obwohl es streng verboten ist, das die Insel umgebende Riff zu überqueren, zieht es Vaiana immer wieder hinaus aufs Meer, zu dem sie schon seit ihrer Kindheit eine besondere Verbindung hat.
Als die Pflanzen auf Motunui von einer mysteriösen Krankheit befallen werden und gleichzeitig die Netze der Fischer leer bleiben, bedroht das die Existenz des Stammes. Da enthüllt Vaianas Großmutter Tala (Rena Owen) ihr, dass ihre Vorfahren nicht immer auf der Insel gelebt haben, sondern einst Reisende waren. Das ist für Vaiana der entscheidende Schubs hinaus aus der Tür. Und so bricht sie schließlich auf, um den Halbgott Maui (Dwayne Johnson) zu finden, der einst das Herz der Göttin Te Fiti gestohlen und damit die mysteriöse Krankheit über die Menschheit gebracht hat...
Die obige Synopsis deutet es bereits an: Der Realfilm „Vaiana“ erzählt genau dieselbe Geschichte wie der Animationsfilm, Unterschiede muss man fast schon mit der Lupe suchen. Wer das Original gut kennt, weiß also auch bei der Neuauflage ganz genau, was in jeder Szene passiert – auch wenn hier und da mal ein kleinerer Moment fehlt oder eine kurze neue Szene hinzugefügt wurde. Doch das ändert wenig an der Wirkung der Geschichte, denn auch beim zweiten Mal funktioniert die Entwicklung von Vaiana von der zwischen ihrem Pflichtgefühl und ihrem Herzen hin- und hergerissenen Tochter zur eigenständigen Heldin und Anführerin wieder hervorragend.
Zu verdanken ist das zu einem großen Teil dem wunderbaren Ensemble des Films. Newcomerin Catherine Laga'aia ist eine sehr gute Vaiana, die in berührenden Szenen mit Rena Owen („Die letzte Kriegerin“) als ihre Großmutter oder Frankie Adams („The Expanse“) als ihre Mutter nicht nur die innerliche Zerrissenheit ihrer Figur glaubhaft abbildet. Sie erweist sich mit ihrem frech-charmanten Grinsen auch als eine mehr als ebenbürtige Szenepartnerin für Superstar Dwayne Johnson, mit dem sie prächtig harmoniert.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
Der ehemalige Wrestler hat sichtlich Spaß daran, die von ihm schon in der Originalfassung des Animationsfilms gesprochene Figur Maui nun auch in Live-Action zum Leben zu erwecken. Dafür wirft er sein ganzes Charisma und seine ganze Leinwandpräsenz in die Waagschale – auch wenn ihm seine etwas alberne Perücke dabei hin und wieder ein wenig in die Quere kommt. Die Perücke wurde schon seit dem zweiten Trailer zum Realfilm im Internet diskutiert und belächelt und sieht tatsächlich hier und da schlichtweg falsch auf Johnsons sonst meist kahlem Kopf aus. Sobald die Haare nass oder zusammengebunden sind, stört das allerdings schon deutlich weniger.
Auch die (wenigen) anderen Schwächen von „Vaiana“ sind zumeist optischer Natur. Wie einleitend bereits erwähnt, kommt auch der Realfilm zu großen Teilen im flachen, farbentsättigten Look vieler anderer gegenwärtiger Blockbuster daher. Das ist bei „Vaiana“ wegen des eigentlich so farbenprächtigen Südsee-Settings besonders enttäuschend. Zumal der Realfilm sogar auf der hawaiianischen Insel O'ahu gedreht wurde. Im Vergleich zum Animationsfilm verblasst der Realfilm so wortwörtlich – man denke nur an den Ozean, der im Original dank seiner schillernden Palette von Farbtönen zu einer richtigen Figur wurde.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
Die fehlende visuelle Ausdruckskraft im Vergleich zum Original wird jedoch dadurch ausgeglichen, dass Regisseur Thomas Kail (Emmy-prämiert für den Musical-Mitschnitt „Hamilton“) auf die Ausdruckskraft von echten menschlichen Gesichtern setzt. „Vaiana“ ist ein Film über große Emotionen, über schwierige Entscheidungen und traurige Verluste. Und so zeigt Kail immer wieder ganz bewusst seine Darsteller*innen in Nahaufnahmen, um die Gefühle der Figuren zu verdeutlichen. Das kann ein Animationsfilm einfach nicht leisten – und dadurch gewinnt der Realfilm in diesen Momenten sogar im direkten Vergleich.
Die grandiosen Songs begeistern hingegen auch beim Realfilm wieder genau wie beim animierten Original: „How Far I'll Go“ bzw. „Ich bin bereit“ in der deutschen Fassung wurde schließlich nicht umsonst für einen Oscar als bester Song nominiert – und den schmettert Catherine Laga'aia genauso schön wie ihre Vorgängerin Auliʻi Cravalho aus dem Animationsfilm. Auch die anderen Songs sorgen verlässlich für Gänsehaut – oder im Fall von Dwayne Johnsons „You're Welcome“ bzw. „Voll gerne“ für ein breites Grinsen. Den Ohrwurm-Garanten inszeniert Kail übrigens als eine der wenigen Szenen ganz anders als im Original: nämlich als eine große Show mit Johnson als Rockstar, der Vaianas Ruder als Mikro benutzt, und sogar einigen animierten Elementen.
Fazit: „Vaiana“ erzählt einfach noch mal ganz genau dieselbe Geschichte wie das animierte Original von 2016 – und zwar beinahe Szene für Szene. Das macht aber nichts, weil die Heldinnenreise von Vaiana als Realfilm genauso begeistert und berührt.