Was zählt ein Mord im Schatten des Krieges?
Von Christoph PetersenIm Kern erzählt „Minotaur“ eine bekannte Geschichte. Vor allem Claude Chabrol kommt einem in den Sinn, einer der Helden der Nouvelle Vague: In seinen in der Oberschicht angesiedelten Mörderstücken geht es selten um die Tätersuche, sondern vielmehr um die (Selbst-)Zersetzung des Bürgertums. Das bekannteste Beispiel ist „Die untreue Frau“ von 1969 (2002 als „Untreu“ in den USA neu verfilmt), in dem ein wohlhabender Mann einen Detektiv anheuert, um den Liebhaber seiner Frau zu identifizieren – und diesen dann im Affekt erschlägt. In „Minotaur“ ist dieser reiche Mann der russische Lokal-Oligarch Gleb (Dmitriy Mazurov), der seine abweisende Frau Galina (Iris Lebedeva) verdächtigt, ihn zu betrügen – und auch der Rest der Handlung folgt mehr oder weniger genau den Vorbildern. Aber „Minotaur“ wirkt trotzdem nicht wie ein bloßer Abklatsch, der allein mit seinen grandios-hochglänzenden Cinemascope-Bildern und seiner straffen Spannungsinszenierung punkten könnte.
Denn manchmal entfaltet dieselbe Geschichte an einem anderen Ort plötzlich noch mal eine ganz neue Wirkung. Der Cannes-Stammgast Andrey Zvyagintsev (2015 oscarnominiert als bester fremdsprachiger Film: „Leviathan“) war schon immer ein ausgewiesener Kritiker der Institutionen seines Heimatlandes – und nachdem er 2021 aufgrund einer schweren Covid-Erkrankung für mehrere Monate in einem deutschen Krankenhaus im Koma lag und während des Reha-Aufenthalts der Angriff auf die Ukraine stattfand, kehrte er gar nicht mehr nach Russland zurück. „Minotaur“ ist jetzt aber trotzdem während des Krieges im Jahr 2022 in einer bewusst nicht näher definierten russischen Provinzstadt (gedreht wurde im lettischen Riga) angesiedelt – und dieser abgewandelte Kontext der abgründigen Noir-Erzählung ändert tatsächlich fast alles!
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Denn bevor sich Gleb den jungen Lover seiner attraktiven Frau vorknöpfen kann, muss er sich zunächst um ein anderes Problem kümmern. Der Bürgermeister hat den Wirtschaftsbossen der Stadt nämlich gerade eröffnet, dass die Rekrutierungsbehörde innerhalb einer Woche eine Liste mit 150 Namen von Männern für den Kriegsdienst von ihm erwartet. Der Speditionskonzern von Gleb soll 14 Leute beisteuern – dabei gibt es ohnehin schon genug Rückschläge bei dem Versuch, das Unternehmen am Laufen zu halten:
Jeden Morgen hat die Leiterin der HR-Abteilung eine Liste mit Angestellten, die sich über die Grenze nach Georgien abgesetzt haben und deshalb allenfalls noch remote zur Verfügung stehen. Aber Gleb hat einen Plan: Wenn er keine seiner aktuell beschäftigten Leute für Putins Krieg opfern will, dann müssen stattdessen eben ganz schnell 14 Neue her, die er auf die Liste setzen kann …
„Minotaur“ beginnt mit familiären Alltäglichkeiten: einem Besuch der Schwiegermutter, einem kurzen Zwist beim Einräumen des Geschirrspülers. Solange noch nichts Wichtiges passiert, hat man genug Zeit, um das Haus von Gleb und seiner Familie zu bewundern – der absolute Wahnsinn! Auch das Büro ist sehr schick und geschmackvoll, luftig und mit ganz viel Glas. Der Film verharrt ausschließlich in den Chefetagen, wo die HR und die IT angesiedelt sind. Gleb verdient sein Vermögen zwar mit Trucks, aber wir kriegen den ganzen Film über kaum einen zu sehen. Dasselbe gilt für die Fahrer, zwischen denen er ja eigentlich aussuchen müsste, wen er auf die Liste der Armee setzt. Die Einschläge kommen näher, die Personalnot ist eigentlich nicht länger zu verheimlichen – aber noch hält der Schein! Auch beim Essen mit anderen lokalen Wirtschaftsbossen dominiert weiterhin der Luxus.
Jeder weiß, dass ein Platz auf der Liste für die Männer vermutlich einem Todesurteil gleichkommt. Die Kirche und der Staat stimmen im Gleichklang das Lied von der Opferbereitschaft fürs Mutterland an. Aber wenn Gleb doch staatlich eingefordert schon 14 Menschen zum Schafott führen muss, was zählt dann noch einer mehr oder weniger? „Minotaur“ zeigt sehr ausführlich, wie Gleb nach der spontanen Tat mehr schlecht als recht seine Spuren zu beseitigen versucht. Allein das Wegwischen der Blutlache wird minutenlang begleitet. Sowas Amateurhaftes ist eigentlich kein Stoff für einen Thriller – selbst Studierende an der Polizeischule im ersten Semester hätten den Fall vermutlich in fünf Minuten gelöst.
Aber die Art und Weise, wie „Minotaur“ auch hier noch einmal sehr deutlich macht, wo wir uns befinden, produziert nicht nur eine der besten Einstellungen des Kinojahres – zumindest bei der Weltpremiere in Cannes gab es dafür auch einen sehr verdienten spontanen Szenenapplaus!
Fazit: Ein in grandiosen Cinemascope-Bildern eingefangenes Noir-Drama, das zwar im Kern eine hinlänglich bekannte Geschichte von einem aus Eifersucht mordenden Ehemann erzählt, aber durch den neuen Kontext trotzdem noch mal einen ganz anderen, ziemlich heftigen Punch entfaltet. Bitterböse und brillant inszeniert!
Wir haben „Minotaur“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere im offiziellen Wettbewerb gefeiert hat.