Ein Austauschjahr in den USA – und dann kommt 9/11
Von Michael MeynsAmerika, Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Sehnsuchtsort für viele, zumindest früher. Auch für die in der ehemaligen Sowjetunion geborene Katharina Rivilis, die im Alter von sechs Jahren nach Deutschland kam, waren die USA immer ein Traum. Anfang des Jahrtausends wurde er wahr: Als Teenagerin verbrachte sie ein Jahr in New Mexico und erlebte so im Herbst 2001 mit, wie der Terrorangriff vom 11. September die Selbstverständlichkeit einer Supermacht erschütterte. Ein Vierteljahrhundert später hat Rivilis ihre Erfahrungen als Basis für ihren direkt nach Cannes eingeladenen Debütfilm „I’ll Be Gone In June“ verwendet. Eine typische Coming-of-Age-Geschichte, die sich bisweilen auf allzu ausgetretenen Pfaden bewegt, aber immer dann besonders überzeugt, wenn sie nicht den Charakter der USA und ihrer Bewohner*innen analysieren will, sondern in impressionistischen Bildern vom Teenagerdasein erzählt.
Nach einem Zwischenstopp in New York fühlt sich Franny (Naomi Cosma) an ihrem eigentlichen Zielort wie am Ende der Welt. Für ein Jahr wird die 16-Jährige in der kleinen Ortschaft Las Cruces im Bundesstaat New Mexico leben, unweit der mexikanischen Grenze. Ihre Gastfamilie ist religiös und wenig begeistert von Frannys bauchfreien Tops. Auch auf der örtlichen Highschool herrschen strenge Regeln; jeden Morgen wird ein Gelöbnis auf die Fahne gesprochen. Der Alltag in den USA läuft ganz anders ab als in Deutschland. Bald wird Franny zu einer anderen Familie abgeschoben. Sie beginnt, Zeit mit der Amerikanerin Sam (Bianca Dumais) und der deutschen Austauschschülerin Ida (Rebecca Schulz) zu verbringen. Vor allem aber lernt sie den attraktiven Elliot (David Flores) kennen, der ebenso mit den Konventionen hadert. Und am 11. September 2001 sieht sie, genau wie der Rest der Welt, die Flugzeuge in die Twin Towers des World Trade Centers fliegen …
Road Movies _ Giulia Schelhas
Nicht in Berlin, München oder der deutschen Provinz siedelte Katharina Rivilis ihren Debütfilm an, sondern in den USA, wo sie erstaunliche 50 Drehtage zur Verfügung hatte, um ihre Vision umzusetzen. Bei diesem ambitionierten Unterfangen dürfte geholfen haben, dass sie von einem der renommiertesten deutschen Regisseure der letzten Jahrzehnte unterstützt wurde, der selbst auch immer wieder in den USA gedreht hat: Wim Wenders! Dass es Rivilis gelang, Wenders als Produzent für ihr Debüt zu gewinnen, ist definitiv eine Leistung – allerdings kommt es in Anbetracht des Sujets und seiner filmischen Umsetzung auch nicht völlig überraschend.
Rivilis wirft einen Blick von außen auf die USA. Mit fantastischen Aufnahmen von den Weiten des amerikanischen Westens liefert sie voller impressionistischer Eindrücke eine eher lose erzählerische Struktur, untermalt von Popsongs, die die Bilder zu kommentieren scheinen. Hinzu kommt ein Spiel mit unterschiedlichen Formaten – hier vor allem dem typischen Digital-Look einer billigen Videokamera, wie sie um 2000 angesagt war und mit der Franny ihren Alltag in New Mexico filmt. Fast wirkt „I’ll Be Gone In June“ wie eine Wenders-Hommage – mit Ausnahme der weiblichen Hauptfigur, die es bei Wenders so wohl eher nicht gegeben hätte.
Road Movies _ Giulia Schelhas
Phasenweise wirkt es allerdings so, als ob sich Rivilis weniger vom klassischen „Paris, Texas“-Wenders hätte inspirieren lassen als von jenem der frühen Nullerjahre. Zu deren Beginn lebte der Regisseur selbst in den USA und drehte verunglückte Filme über seine vorübergehende Wahlheimat. Ein Beispiel dafür ist „Land Of Plenty“, der sich wie der besserwisserische Blick eines Fremden auf ein ihm unverständliches Land anfühlt. Auch bei Rivilis spielt die politische Gegenwart nach 9/11 immer wieder eine Rolle. Neben TV-Ausschnitten der Terrorattacken, von George Bush und dem beginnenden Krieg gegen den Terror sind vor allem Diskussionen in der Schule zu sehen, die von amerikanischer Selbstüberschätzung geprägt sind. Manchmal scheint aber auch Selbstkritik durch und es wird die Frage aufgeworfen, warum die USA immer wieder Kriege führen. Didaktisch wirken diese Szenen oft; geradezu hölzern ist etwa eine Unterrichtsdebatte über das Militär, die weniger authentisch als vielmehr arg geschrieben rüberkommt.
Aber immer dann, wenn sich Rivilis weniger auf Worte und mehr auf ihr Talent für Beobachtung verlässt, hebt sie „I’ll Be Gone In June“ auf eine höhere Ebene. Etwa bei Aufnahmen von der typischen Leere der amerikanischen Landschaften oder vom Rumhängen der Teenager, die ihren Platz in einer Welt suchen, die selbst die Erwachsenen nicht mehr verstehen. In solchen Momenten gelingt es Rivilis, die eigentlich altbekannte Coming-of-Age-Geschichte auf interessante Weise zu variieren. Dann verwendet sie Musik, um Stimmungen zu erzeugen, und lässt die Gesichter ihrer jungen Darsteller*innen sprechen, die ohnehin mehr ausdrücken können als die oft zu forcierten Worte des Drehbuchs.
Fazit: Inhaltlich variiert Katharina Rivilis in ihrem Regiedebüt „I’ll Be Gone In June“ zwar nur bekannte Muster, visuell kann der lose autobiografische Film über das Leben einer Austauschschülerin in den USA dafür aber voll überzeugen.
Wir haben „I’ll Be Gone In June“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere in der Sektion Un Certain Regard gefeiert hat.