Charmantes "Star Wars"-Kino-Comeback nach (fast) sieben Jahren
Von Markus TruttSechseinhalb Jahre ist es mittlerweile her, seit es auf der großen Leinwand das letzte Mal in die weit, weit entfernte Galaxis ging. Verschiedene Versuche, die legendäre „Star Wars“-Saga nach dem umstrittenen „Aufstieg Skywalkers“ wieder ins Kino zu bringen, verliefen im Sande. Dennoch war das Franchise durch den seit 2019 massiv vorangetriebenen Ausbau auf dem heimischen Bildschirm omnipräsenter denn je. Ganze zwölf (!) neue Serien (sieben Live-Action- plus fünf animierte Titel) haben seitdem ihren Weg zu Disney+ gefunden – was „Star Wars“-Nachschub schon per se zu einem weniger großen Event macht, als es noch beim Auftakt der Sequel-Trilogie zehn Jahre nach „Star Wars: Episode III - Die Rache der Sith“ der Fall war.
Da passt es nur gut, dass das Leinwand-Comeback des Weltraum-Märchens nun auch der erwähnten Streaming-Expansion entspringt – und das merkt man dem Ergebnis durchaus an. „The Mandalorian And Grogu“ hat nicht die epischen Ausmaße einer Episode der Skywalker-Saga, macht das aber zumeist mit ebenjenem Charme wett, den schon die drei Staffeln von „The Mandalorian“ ausgezeichnet haben.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
Die Tage, in denen er als Kopfgeldjäger auch die zwielichtigsten Jobs angenommen hat, so lange die Bezahlung stimmte, liegen nun schon lange hinter Din Djarin (Pedro Pascal). Nicht ganz unschuldig daran ist sein kleiner Ziehsohn Grogu. Der machtsensitive Racker aus der Spezies von Jedi-Meister Yoda hat das Herz des stoischen Mandalorianers (und das des Publikums) zum Schmelzen gebracht – und wurde letztlich gar von ihm adoptiert.
Mittlerweile bereist das ungleiche Duo gemeinsam die Galaxis, um im Auftrag der Neuen Republik Hinterbliebene des untergegangenen Imperiums zur Strecke zu bringen. Als sie aber von der ehemaligen Rebellen-Pilotin Ward (Sigourney Weaver) angeheuert werden, den mysteriösen Commander Coin ausfindig zu machen, sind sie gezwungen, erneut mit dubiosen Gestalten gemeinsame Sache zu machen. Denn ausgerechnet die Verwandtschaft des verstorbenen Gangster-Bosses Jabba the Hutt lockt mit wertvollen Informationen, im Austausch für die Rettung von Jabbas Sohn Rotta (Stimme im Original: Jeremy Allen White). Eine Schnitzeljagd quer durch das Universum beginnt…
Die „The Mandalorian“-Masterminds Jon Favreau und Dave Filoni hatten eigentlich bereits die Drehbücher für eine vierte Staffel ihrer revolutionären „Star Wars“-Serie ausgearbeitet, als während des Hollywood-Streiks im Jahr 2023 die Kino-Zukunft der Marke noch einmal überdacht wurde. „The Mandalorian And Grogu“ wurde im Zuge dessen auserkoren, um „Star Wars“ zurück auf die große Leinwand zu hieven. Dafür wurde aber nicht etwa die geplante vierte Season zu einem zweistündigen Leinwand-Spektakel umgemodelt. Stattdessen haben Favreau (Regie, Drehbuch) und Filoni (Drehbuch), die sich erneut die kreative Hauptverantwortung teilen, ein gänzlich neues, im Grunde komplett eigenständiges Abenteuer erdacht – was Fluch und Segen zugleich ist.
„The Mandalorian And Grogu“ ist erfreulich in sich geschlossen und funktioniert grundsätzlich ohne jegliches „Mandalorian“-Vorwissen und auch ohne dass einem an jeder Ecke „Star Wars“-Fanservice oder -Cameos um die Ohren gehauen werden. Am ehesten wird noch der Bogen zu Dave Filonis „Baby“ „Star Wars: The Clone Wars“ geschlagen, insbesondere mit der Rückkehr von Rotta the Hutt, der (Überraschung Nr. 1) ordentlich durchtrainiert ist und (die noch größere Überraschung Nr. 2) erstaunlich verletzlich mit seinem Erbe hadert, wodurch er sein 18 Jahre zurückliegendes unrühmliches Debüt im drögen „Clone Wars“-Pilot-Kinofilm erfolgreich vergessen machen kann.
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Zugleich hat das neueste „Star Wars“-Kapitel natürlich einen stärkeren emotionalen Unterbau, wenn man mit der Geschichte der beiden Hauptfiguren und der über drei Staffeln ausgearbeiteten Entwicklung ihrer Beziehung vertraut ist. Jedoch lässt man das Geschehen nun gar derart für sich stehen, dass diese Beziehung bei ihrem Abstecher auf die große Leinwand kaum weiterentwickelt wird. Im Grunde ist „The Mandalorian And Grogu“ damit eine überlange und etwas aufwändigere Case-of-the-Week-Folge der Serien-Vorlage – was bei einer spektakulären Serie wie „The Mandalorian“ aber nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeutet, auch wenn alles etwas reduzierter ist und es nicht gleich um das Schicksal der gesamten Galaxis geht.
Die Wiedersehensfreude ist drei Jahre nach Staffel 3 jedenfalls groß – und ohne Frage auch begründet. Mando und sein Schützling sind im Großformat noch immer ein Herz und eine Seele und beweisen, dass sie mit ihrer herrlichen Dynamik auch einen Kinofilm mühelos tragen können. Vor allem Grogu darf nach anfänglicher Passivität in der zweiten Filmhälfte noch mal richtig auftrumpfen und demonstrieren, dass er weit mehr als nur ein putziger Merchandise-Geniestreich ist und sich die Nennung im Filmtitel redlich verdient hat. Dass „Iron Man“-Regisseur Favreau hier gar für eine Viertelstunde ganz gezielt das Tempo aus dem Film nimmt, um seinem kleinen Protagonisten den Raum zu geben, über sich hinauszuwachsen, ist gerade im heute oftmals überfrachteten Blockbuster-Kino eine echte Wohltat.
Stimmungsvoll wird diese kleine Verschnaufpause auch durch die Sumpflandschaft auf dem Planeten Nal Hutta, die als Mischung aus Yodas Exil-Planet Dagobah und den amerikanischen Everglades so lebendig ist, dass man sie regelrecht riechen und schmecken kann. Generell steckt die Welt von „The Mandalorian And Grogu“ voller Leben, nicht zuletzt dank der schon aus der Serie bekannten, noch immer wunderbar aufgehenden Melange verschiedener Effektkünste, von der haptischen Puppenarbeit bei Grogu und den ihm mit ihrem putzigen Gebrubbel fast die Niedlichkeitskrone wegschnappenden Anzellaner-Mechanikern über State-of-the-Art-CGI bis hin sogar zu einer Stop-Motion-Einlage im Finale!
Bildgewalt und Action können da nicht ganz mithalten. Am stärksten sind hier zweifellos die ersten Minuten, wenn Jon Favreau Din Djarin zunächst nur schemenhaft oder über Überwachungskameras als Phantom inszeniert, das aus dem Schatten heraus mit seinen Fähigkeiten und Gadgets seinen Widersachern Angst und Schrecken einjagt, als wäre er die „Star Wars“-Antwort auf Batman. Daran schließt sich ein rasanter Kampf gegen die imperiale Kriegsmaschinerie an, der seinen Höhepunkt in einer atemlosen One-Shot-Sequenz innerhalb eines AT-AT findet.
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Insbesondere Fans von „Top Gun“ können sich im Anschluss dann noch an einer an den kultigen Flieger-Actioner angelehnten Opening-Credit-Szene erfreuen, in der die an einer beschaulichen Küste gelegene Basis der Neuen Republik malerisch in Szene gesetzt wird. Damit hat „The Mandalorian And Grogu“ in Sachen visuelle Ausrufezeichen sein Pulver jedoch weitestgehend verschossen. Der „Star Wars“-Vibe ist zwar da, wenn in bester Franchise-Manier dem Planeten-Hopping gefrönt wird. Wirklich augenöffnende inszenatorische Highlights sucht man im weiteren Verlauf hier allerdings vergeblich.
Aufgefangen wird das jedoch ein Stück weit durch die fantastische Musik von Ludwig Göransson. Der bringt nicht nur sein inzwischen ikonisch gewordenes „Mandalorian“-Thema in verschiedenen Variationen zurück, sondern traut sich auch sonst, die musikalische „Star Wars“-Palette mutig zu erweitern, etwa wenn sphärische Synthie-Klänge beim Anflug auf den düsteren Stadtplaneten Shakari eine „Blade Runner“-Reminiszenz endgültig perfekt machen. Der dreifache Oscar-Preisträger (für „Black Panther“, „Oppenheimer“ und „Blood & Sinners“) reicht damit die – neben „Der Astronaut - Project Hail Mary“ – bislang wohl aussichtsreichste Bewerbung auf einen der vielfältigsten und einprägsamsten Blockbuster-Scores des Jahres ein.
Fazit: Trotz der langen Kino-Abwesenheit sollte man von „The Mandalorian And Grogu“ nicht das ganz große „Star Wars“-Epos erwarten. Doch auch der klar abgesteckte Fokus macht die warmherzige Weltraum-Hatz der unschlagbaren Buddys zu einer durch und durch kurzweiligen Fortführung von „The Mandalorian“ und damit zu einem Muss für alle Fans der Serie.