Von Schönheit, Sterblichkeit – und seltenen Schnecken
Von Björn SchneiderSeit 2019 realisiert das Regie-Duo Elsa Kremser und Levin Peter experimentelle, kunstvolle Filme für ein anspruchsvolles Publikum. Die Zusammenarbeit des Deutschen und der Österreicherin begann jedoch bereits 2016, als sie ihre eigene Produktionsfirma gründeten. Das gemeinsame Filmdebüt folgte drei Jahre später mit der von magischem Realismus durchzogenen, essayistischen Dokumentation „Space Dogs“. Einen realistischeren, zugänglicheren Ansatz wählten die beiden 40-jährigen Filmschaffenden anschließend mit „Dreaming Dogs“, ebenfalls eine dokumentarische Arbeit. Sie handelt von einer Frau und ihren sieben streunenden Hunden, die gemeinsam im Schatten der Millionenmetropole Moskau leben.
Nun liegt mit dem romantischen Drama „White Snail“, der von der Annäherung zweier großstädtischer Außenseiter*innen erzählt, der erste Spielfilm von Kremser und Peter vor. Darin vermengen sie einige der bewährten Elemente und Handlungsmuster aus den Vorgängerwerken und fügen dem fiktiven Geschehen ergänzend eine ganz eigene, originelle Note hinzu. Auch Tiere spielen diesmal wieder eine Rolle, wenn auch ganz anders als erwartet.
Real Fiction
Masha (Marya Imbro) lebt als Model in der belarussischen Hauptstadt Minsk und träumt von einer großen Karriere. Die junge Frau ist psychisch instabil und hat erst kürzlich einen Suizidversuch unternommen. Seither versucht sie, zwischen ihrem Unterricht an der Model-Schule, therapeutischen Behandlungen und ausgedehnten Spaziergängen wieder zurück ins Leben zu finden.
Eines Nachts trifft sie zufällig auf Misha (Mikhail Senkov), der in einer Minsker Leichenhalle arbeitet. Masha ist sofort fasziniert von seiner Arbeit und spürt auch zu Misha selbst eine seltsam intensive Anziehung, die offenbar auf Gegenseitigkeit beruht. Es ist der Beginn einer außergewöhnlichen Verbindung zweier Menschen, die einander ergänzen und im Gefühl der Entfremdung von der Welt geeint sind…
Die Protagonist*innen könnten auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein. Da ist die zierliche Masha, die in all ihrer Zerbrechlichkeit und Androgynität optisch wie eine Kreuzung aus David Bowie zu „Ziggy Stardust“-Zeiten, Tilda Swinton und (der frühen) Annie Lennox anmutet. Sie stößt auf den wohl beleibten, tätowierten Misha, der seit über 20 Jahren beruflich täglich mit Toten zu tun hat. Er hat eine esoterische Ader und etwas für Folklore und alte Mythen übrig. Dennoch wirkt er rein äußerlich, nicht zuletzt wegen seines konzentrierten Blickes, eher einschüchternd. Aber hinter der rauen Fassade schlummert ein feinfühliger, hoch empathischer Charakter. Er ist der Mensch, der Masha den lang ersehnten Halt gewährt. Und er ist ein passionierter Maler, der sich in seinen schwermütigen Ölgemälden mit den Themen Sterben und Vergänglichkeit befasst.
In einem sehr persönlichen Moment fasst er sein Verhältnis zu seiner großen, ihm Kraft spendenden Leidenschaft wunderbar zusammen: „Die Kunst ist mein Leben geworden.“ Kremser und Peter benötigen nur wenige Szenen, um ihren Hauptfiguren eine erstaunliche Tiefe zu verleihen. Und sie generieren diese Momente meist aus dem ganz Alltäglichen, indem sie Masha und Misha (von Marya Imbro und Mikhail Senkov einfühlsam gespielt) in ihrem privaten wie beruflichen Umfeld beobachten: Wenn wir Masha beim Catwalk-Training oder bei Probe-Shootings mit der Model-Agentin zusehen und Misha beim Begutachten und Sezieren der Leichen beobachten, dann wirkt „White Snail“ fast dokumentarisch – und in diesem Metier kennen sich Kremser und Peter ja bekanntlich bestens aus.
Real Fiction
Noch ein Einschub zur Modebranche: Diese kommt in „White Snail“ – wenig überraschend –alles andere als gut weg. Harter Drill und ein fast menschenfeindlicher, unangenehm schriller und harscher Umgangston bestimmen das Miteinander der Agentin und Model-Ausbilderin mit den jungen Frauen: „Mach mehr Sport“! Umso entschleunigter und entspannter geht es in den stimmungsvollen Momenten der Zweisamkeit zu, wenn die einsamen Seelen auf der Parkbank oder bei ausgedehnten Spaziergängen einander besser kennenlernen – auffällig oft bei Nacht oder in der Dämmerung. Wohlgemerkt geht es hier um das reine Kennenlernen in Form intensiver, tiefgehender Gespräche. Eine Annäherung auf körperliche Ebene erfolgt nicht.
Zu Körperkontakt (einer Umarmung) zwischen den beiden im Zentrum stehenden Sinnsuchenden, so viel darf an dieser Stelle verraten werden, kommt es nämlich erst im letzten Drittel. Kurzum: Kemser und Peter folgen nie den gängigen Prinzipien und Mustern vieler inhaltlich ähnlich ausgerichteter Romanzen. „White Snail“ ist kein typischer Liebesfilm, denn er gewährt Masha und Misha immer eine Art (Sicherheits-)Abstand. Damit vermeidet das deutsch-österreichische Regie-Duo jegliche Sentimentalitäten und umschifft so letztlich auch die Gefahr allzu kitschiger und erwartbarer Momente. Positiv kommt hinzu, dass sie ihre verschiedenartigen Figuren, mit all ihren Widersprüchlichkeiten und Spleens, nie bewerten. Sie verbieten sich ein Urteil und lassen Masha und Misha sein, wie sie sind.
Die Themen, die der Film unter der Oberfläche behandelt, sind vielschichtig und komplex. Zudem erinnern sie stark an die inhaltlichen Schwerpunkte des Vorgängers „Diamond Dogs“. Es geht um das Leben und den Tod, um Verletzlichkeit, Ängste und Isolation in einem Leben voller Gefahren und Unsicherheiten. Diese dringen in Form von Radiomeldungen und Video-News über die unsichere politische Lage im diktatorisch regierten Belarus immer wieder in die Lebenswelt der Charaktere durch. Und dann wäre da noch die Sache mit den Tieren. Es sind diesmal keine Hunde, sondern Schnecken, die eine symbolhafte Rolle einnehmen – der Titel deutet es bereits an.
Die möglichen metaphorischen Entsprechungen, die Kemser und Peter anbieten, sind vielfältig und doch passen sie alle wunderbar zu dieser sanftmütigen, einfühlsam erzählten Geschichte. In manchen spirituellen Kontexten gilt die seltene weiße Schnecke (kein Zufall: Mashas überdeutlicher Albino-Teint) als Symbol für Transformation und Reinheit. Beides lässt sich unmittelbar auf „White Snail“ übertragen. Denn vor allem Masha macht im Laufe des Films eine charakterliche Veränderung durch und ihre Verbindung zu Misha verbleibt bis zum Schluss unschuldig und rein – auf körperliche wie moralische Art.
Fazit: „White Snail“ lebt von seinem dokumentarischen Antlitz und der sinnhaften bildlichen Symbolik. Ebenso langsam wie sich Schnecken durch ihre Welt bewegen, so ruhig und gemächlich entwickelt sich die Verbindung der beiden Hauptcharaktere in diesem unkonventionellen, dringlichen Mix aus Drama und Romanze.