"Da Vinci Code" für Arme
Von Thorsten HanischSchon der Titel von David Baldas tschechisch-deutsch-italienischer Co-Produktion verrät, dass sich hier alles um „Manipulation“ dreht. Doch das betrifft nicht nur den Film, in dem sich ein mysteriöser, aber supermächtiger Geheimbund und ein geheimer Orden der Kirche gegenseitig zu beeinflussen versuchen. Auch wer ins Kino geht, dürfte sich manipuliert fühlen, weil er Lebenszeit für dieses inhaltlich schlichte, auf Amateur-Level umgesetzte und äußerst geschwätzige Thriller-Drama verschwendet hat.
Dabei sind spannende Zutaten da: Geheimbünde! Kirchen! Verschwörungen! Mächtige alte Männer! Da denkt man doch direkt an Bestsellerautor Dan Brown, den ebenso populären wie streitbaren Vorlagenlieferanten von Blockbustern wie „The Da Vinci Code – Sakrileg“ und „Inferno“. Doch was immer man von den Büchern und deren Verfilmungen hält: Spätestens nach einer halben Stunde „Manipulation“ sehnt man sich nach den Tom-Hanks-Vehikeln. Denn hier macht wirklich gar nichts mehr Spaß!
Filmwelt
Im Mittelpunkt steht der von Radoslav Gavlas äußerst farb- und ausdruckslos gespielte Matteo. Der junge Mann gehört seit seiner Kindheit einer mächtigen Geheimgesellschaft an. Nach seinem Initiationsritual wird er befördert und erhält den Auftrag, Kontakt zu Pater Vitus (Heino Ferch auf Autopilot) aufzunehmen, der für die Gesellschaft enorm wichtig ist. Doch als er Zeuge übler Machenschaften seiner bis dato Vertrauten wird, beginnt er – zusätzlich angeregt durch Gespräche mit Anna (Anna Ctvrtnickova) – die bisherigen Verhältnisse zu hinterfragen.
Während seines Studiums in Bologna trifft Matteo zudem einen Universitätsprofessor (Pavel Kriz), der ihn weiter über Sekten und andere Verbünde aufklärt. Da wird ihm bewusst, dass er etwas tun muss. Annas Vater Juraj (Féodor Atkine) ist – genau wie Vitus – Mitglied eines verdeckten Kirchenordens, der mit der Geheimgesellschaft verfeindet ist. Er überredet Matteo schließlich, sein Insiderwissen an den Journalisten Ivan (Arnaud Binard) weiterzugeben. Doch damit begibt sich Matteo in große Gefahr.
Im Rahmen der Promotion von „Manipulation“ wird immer darauf hingewiesen, wie jung der 2000 geborene Regisseur David Balda ist. Er sei 2019 sogar der weltweit jüngste Regisseur gewesen, der einen Film im Kino veröffentlichte. Unterschlagen wird dabei aber, dass Baldas Debüt „Narusitel“ alles andere als positiv aufgenommen wurde. In Kritiken werden unter anderem völlige technische Inkompetenz, Plattheit und endlose Sinnlosdialoge bemängelt. Sein zweiter Langfilm zeigt nur eine einzige Weiterentwicklung. All diese Mankos werden jetzt auf 128 statt wie vormals auf 85 Minuten ausgewalzt.
Die Inspiration für „Manipulation“ kam dem Filmemacher durch Recherchen über Kirchen und Geheimorganisationen während der Corona-Pandemie. Zudem stellte Balda laut eigener Aussage fest, dass gerade seine Generation oft damit kämpft, herauszufinden, was wahr ist, und sich junge Menschen leichter manipulieren lassen. Doch gerade bei diesem Hintergrund darf man schon die Frage stellen, warum das daraus resultierende Thriller-Drama diese Themen dann nicht in unserer Alltagswelt verankert.
Filmwelt
Stattdessen geht es um einen Geheimbund, bei dem man nie versteht, was er eigentlich will und wie auf die Gesellschaft einwirkt. Letztere existiert praktisch gar nicht. Es geht ständig nur um irgendwelche inneren Zirkel der Opponenten, von denen man aber trotz des endlosen Geredes fast nichts erfährt. Das Leben auf der Straße wird auch filmisch ausgeblendet. „Manipulation“ besteht größtenteils aus faden, fast monochromen Aufnahmen von anonymen Räumen, in denen ältere bis ganz alte Menschen sitzen und mit finsterer, besorgter oder ausdrucksloser Miene irgendwelche Ränke schmieden.
Was sind das eigentlich für Leute? Politiker? Börsenmakler? Wissenschaftler? Ikea-Verkäufer? Balda interessiert sich wenig für seine Figuren. Der nur „Meister“ genannte Geheimbundchef sitzt die ganze Zeit in seinem Büro vor roten Samtvorhängen, blickt sinister drein und gibt irgendwelche Anweisungen. Er und seine Untergebenen sind halt böse, die Männer der Kirche die Guten – das muss an Charakterisierung reichen. Okay, am Ende gibt es diesbezüglich einen plumpen „Twist“, doch der ist genauso wenig gelungen wie die bisweilen dilettantische, mit zahlreichen Fehlern durchzogene Inszenierung oder die teilweise miserabel schlechte Nachsynchronisation einiger Beteiligter in der englischen Originalversion
Fazit: „Manipulation“ ist eine totale Katastrophe. Ob man aufs Drehbuch, die Umsetzung oder den Hauptdarsteller schaut – das ist alles durch und durch unterirdisch.