Vom YouTube-Phänomen zum Horror-Meisterstück!
Von Kamil MollIm Untergeschoss des in die Jahre gekommenen, schmuddeligen Möbelhauses, das Clark (Chiwetel Ejiofor) betreibt, ist ein kaum sichtbarer Riss in der Tapete. Ein schmaler Lichtstreifen scheint im Halbdunkel hindurch – aus einem hinter der Wand gelegenen Raum, den das Gebäude an dieser Stelle eigentlich nicht haben dürfte. Wenn Clark am Anfang von Kane Parsons‘ meisterlichem Regiedebüt „Backrooms“ zum ersten Mal in dieses ungekannte Zimmer tritt, wird sich jeder, der jemals ein altes Ego-Shooter-Spiel gezockt hat, an einen gängigen Cheat-Code erinnern: Durch eine komplizierte Tastenkombination ließ sich meist das sogenannte „Noclipping“ aktivieren, mit dem man durch Wände gehen konnte, als seien sie nur ein überwindbarer Glitch. Das unwirkliche Gefühl, das ich so beim Spielen empfand, als man plötzlich ohne Hindernis von Raum zu Raum gehen konnte, stellt sich nun sofort wieder ein, wenn jemand die titelgebenden Backrooms betritt.
Hinter diesem Portal steht Clark plötzlich in einem alten Bürozimmer: Die Tapete wirkt verblichen und ist wie der ausgetretene Teppichboden in einen hässlichen pissgelben Farbton getaucht. Beleuchtet ist der Raum von zahlreichen, in die Decke eingelassenen und flackernden Leuchtstofflampen, die ein surrendes, statisches Rauschen erzeugen. Unfassbare 78 Millionen Views hat das neun Minuten lange YouTube-Video bis heute gesammelt, in dem Kane Parsons 2022 zum ersten Mal einen solchen albtraumhaften Backroom mit bescheidenen Mitteln erschaffen hat. Gerade 16 Jahre alt war die A24-Regiehoffnung damals, ein Highschool-Schüler, der mit der kostenlosen 3D-Software Blender einen Raum zum Leben erweckte und so Ende der 2010er-Jahre mit einem simplen Foto auf dem Imageboard 4chan einen riesigen Hype ins Rollen brachte.
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Um dieses Bild eines gelblichen, leer geräumten Zimmers entstand damals eine schnell wachsende, riesige Online-Fancommunity, die in endlos verzweigten Reddit-Threads sogenannte Creepypastas entwickelte: eine moderne, stark internetbasierte Form urbaner Horrorgeschichten, die schließlich durch Parsons‘ 22-teilige Webserie „The Backrooms“ im Laufe der frühen 2020er zu einem populären Mainstreamphänomen wurde. Sehr viel Erwartungsdruck muss nun auf dem jugendlichen Regisseur gelastet haben, aus diesem komplex verästelten Onlinekosmos einen großformatigen Kinostoff zu entwickeln. Tatsächlich ist Kane Parsons nun aber mit der Filmfassung von „Backrooms“ ein Meisterstück gelungen, das die bestmögliche Version seiner selbst ist: ein Film, der zum einen den Creepypasta-Ursprüngen sehr treu bleibt und dadurch selbst jene Fans begeistern wird, die die detailreiche Backrooms-Lore seit den frühesten Anfängen verfolgen. Zum anderen funktioniert er aber auch einwandfrei als intensiv-immersives Horrorerlebnis für bislang noch komplett Uneingeweihte!
Auf nahezu 30.000 Quadratmetern wurde dafür ein riesiges Filmset entworfen, wie man es so vergleichbar in einem Horrorfilm wohl seit dem Hotellabyrinth in Stanley Kubricks „The Shining“ nicht mehr gesehen hat: Das zutiefst Beunruhigende, das von den sich ins Unendliche erstreckenden Büroräumen bei „Backrooms“ ausgeht, liegt darin, dass sie eigentlich normalen Zimmern ähneln, unzählige Details aber irritierend und scheinbar ohne eigene Logik verschoben sind. Es ist ein Effekt, als würde man jemandem einen Hund beschreiben, der noch nie einen gesehen hat, damit dieser dann ein Bild davon zeichnet – mit diesem Vergleich versucht Clark zumindest seiner Psychotherapeutin Mary (Renate Reinsve) dieses beklemmende Gefühl zu erklären. In einem Raum sind alte Möbel zusammengeschoben und geradezu verwachsen, in einem anderen ragen Schuhe mitten aus dem Boden heraus oder es hängen Banner mit spiegelverkehrten Schriftzeichen ohne Halterung direkt von der Decke herab.
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Anders als in seiner Webserie, deren einzelne Folgen eher wie lose zusammenhängende, immer wieder neu kombinierbare Puzzlestücke funktionierten, erzählt Kane Parsons dabei eine in sich geschlossene und für sich stehende, betont psychologisch grundierte Geschichte. Spoilern sollte man im Vorfeld also möglichst wenig, selbst wenn der tatsächliche Schrecken auch im Film eher darin liegt, in langen Einstellungen menschenleere Räume erkunden zu können, die auf den ersten Blick gewöhnlich wirken, jedoch zunehmend bedrohlicher werden, je länger man in ihnen verweilt und irritierende Unstimmigkeiten registriert. Der einzigartige Horror, den „Backrooms“ dabei entfaltet, erinnert weniger an andere Genrevertreter, sondern viel mehr an jene Nächte, in denen man sich online stundenlang in Rabbit Holes hineingegooglet hat, die umso beunruhigender wurden, je tiefer und endloser sie hinabgingen.
Fazit: Dem gerade mal 20 Jahre alten Kane Parsons gelingt mit „Backrooms“ das Kunststück, einen eigentlich zutiefst internetbasierten urbanen Horrormythos in großes Kino zu übersetzen, ohne dabei dessen eigentlichen Reiz zu verlieren. Parsons macht genau jenes diffuse Gefühl greifbar, das schon seine Webserie so einzigartig erscheinen ließ: die verstörende Ahnung, in einer Realität gelandet zu sein, die unserer eigenen fast vollkommen gleicht – und gerade deshalb falsch wirkt. Das Ergebnis ist einer der intensivsten und einzigartigsten Horrorfilme der letzten Jahre.