Mutig: Die erste Komödie – und dann gleich neben Christoph Maria Herbst!
Von Gaby SikorskiMala Emde („Und morgen die ganze Welt“) ist eines der größten darstellerischen Talente im deutschen Film: Mit elf Jahren stand sie zum ersten Mal für verschiedene TV-Serien vor der Kamera. Gleich für ihre erste Hauptrolle im Doku-Drama „Meine Tochter Anne Frank“ wurde sie als 19-Jährige mit dem Nachwuchsförderpreis des Bayerischen Filmpreises ausgezeichnet. Weitere Ehrungen folgten, zuletzt der Deutsche Schauspielpreis für „Köln 75“. Erstmals ist die vielseitige junge Charakterdarstellerin nun in einer Komödie zu sehen – und dann gleich mit Christoph Maria Herbst als ihrem Gegenüber. Kann das gutgehen?
Um es gleich zu sagen: Ja, und Mala Emde macht das in „Sommer auf Asphalt“ hervorragend. Sie schlägt sich nicht nur wacker, sondern gibt ihrer Rolle einen prächtig realistischen und gleichzeitig tragikomischen Schwung – vom temporeichen Auftakt bis zum beinahe besinnlichen Ende.
Filmwelt
Les (Mala Emde) ist die einzige Frau bei den Hamburger Pedalpiloten. Tagsüber rast sie wie tollwütig mit ihrem Rennrad durch die Stadt, nachts wird gefeiert – der eine oder andere One-Night-Stand inklusive, wobei das Geschlecht keine Rolle spielt. Doch dann wird sie nicht nur ungewollt schwanger, plötzlich steht da auch noch ihr Vater (Christoph Maria Herbst) vor der Tür, zu dem sie lange keinen Kontakt hatte. Er ist gekommen, um zu bleiben, sagt aber nicht, warum. Die eigentlichen Gründe verpackt er zunächst in die vage Formulierung, dass bei ihm „was nicht so gut sei“. Aber noch bevor Les den ungebetenen Gast vor die Tür setzen könnte, macht er sich nützlich: Nach einem Sturz kann die Fahrradkurierin nicht mehr arbeiten – und Papa Bert, eigentlich Norbert, übernimmt ihren Job.
Er macht seinen Job gut und freundet sich sogar mit den Kolleg*innen an. Allen voran mit dem unkonventionellen Chef Maniok (Leon Ullrich mit wischmoppartiger Alt-Hippie-Frisur) und dem niedlichen Tyler (Aaron Hilmer) – also genau dem Typen, mit dem Les das Kind gezeugt hat, das nun eigentlich gar nicht zur Welt kommen soll. Schließlich erfährt sie auch noch, dass ihr Vater schwer krank ist und sich dringend einer riskanten Operation unterziehen muss …
Drama, Liebe, Schwangerschaft, Unfall, Krankheit und Familienprobleme – und trotzdem inszeniert Simon Ostermann sein Kinodebüt als flotte Komödie mit lebendigen, oft lakonischen Dialogen (Drehbuch: Brix Vinzent Koethe). Dazu kommt eine schöne Sensibilität für die Fallstricke des Lebens, die bekanntlich mal mehr, mal weniger komisch oder tragisch oder beides sein können. Dafür hat Koethe den Roman „Pedalpilot Doppel-Zwo“ von Wolf Schmid umgestaltet und den Drama-Faktor noch mal extra gesteigert, indem er die männliche Hauptfigur in eine ungeplant schwangere Frau verwandelt.
Aus der Vater-Sohn-Beziehung wurde dementsprechend eine Vater-Tochter-Beziehung – im Kino eine eher selten gesehene Konstellation. Der Kontakt zur Mutter (Jenny Schily) wird später ebenfalls thematisiert, steht aber deutlich weniger im Fokus: Sie ist eine erfolgreiche Bestseller-Autorin, und Les hat ein schwieriges Verhältnis zu ihr, so wie auch Bert, der schon lange von ihr getrennt lebt. Und während sich im Film sehr langsam und in schöner Beiläufigkeit eine komplizierte, aber irgendwie gerade noch glaubwürdige Familiengeschichte entfaltet, wird Bert immer kränker und Les immer schwangerer.
Filmwelt
Mala Emde scheint sich mit dem vielbeschäftigten und nach wie vor grandiosen Komödien-Titan Christoph Maria Herbst („Extrawurst“) richtig pudelwohl zu fühlen. Da fliegen die witzig-ironischen Dialoge wie Pingpong-Bälle durch die Gegend: „Jaja, ich weiß: Erst schwangerer, und jetzt auch noch das … aber Tischtennis hört sich einfach nicht lustig genug an!“ Ähnlich wie in „Die Mittagsfrau“ wirkt Mala Emdes Darstellung ganz zurückgenommen, unprätentiös sozusagen, als würde sie gar nicht spielen, sondern einfach immer sie selbst sein. Ihr vermeintlich unauffälliges Spiel wiederum ist sehr auffällig, vor allem in den humorvollen Passagen – und macht sie zu einer ganz besonderen Schauspielerin.
Im Fußball nennt man sowas einen Unterschiedsspieler – und ja: Mala Emde ist eine Unterschiedsdarstellerin. Sie kann alles, ist eben noch ganz goldig und im nächsten Moment ein Kotzbrocken. Ihr Charakter bleibt dabei aber immer liebenswert, nicht weil sie so freundliche Texte spricht, sondern weil sie so verdammt authentisch ist und auch mal einfach nebenher einen coolen Spruch rausrotzt. Ein wenig wie der Meister der Lakonie selbst, Christoph Maria Herbst, der unter anderem auch deshalb so gut ist, weil er gelegentlich große Wahrheiten zwischen den ganzen ironischen Frozzeleien versteckt, die dann mitten ins Gemüt treffen.
Fazit: Gemeinsam mit Christoph Maria Herbst gelingt es Mala Emde, aus diesem mit Problemen vollgestopften Drehbuch, aus dem eine überfrachtete Großstadtschmonzette hätte werden können, eine relativ leichte und ziemlich unterhaltsame Sommerkomödie zu machen. Der Film wurde von Simon Ostermann schwungvoll und sogar mit ein bisschen Tiefgang inszeniert – das wird manchmal direkt anrührend, ohne dabei den lockeren Tonfall zu verlieren.