Rache um jeden Preis!?
Von Michael Meyns14 Jahre lang stand der mit einem Arbeitsverbot belegte iranische Regisseur Jafar Panahi in seiner Heimat unter Hausarrest. Dennoch drehte er mit schöner Regelmäßigkeit Filme, die auf bedeutenden Festivals von Berlin über Cannes bis Venedig liefen, wo sie auch oft mit wichtigen Preisen ausgezeichnet wurden. Filme des Widerstands sind „Drei Gesichter“ oder der Goldene-Bär-Gewinner „Taxi Teheran“, die dem autokratischen Regime mit Subtilität und feinem Humor die Stirn boten.
Seit 2023 sind zumindest die Reise-Restriktionen aufgehoben, Panahi kann sich wieder frei(er) bewegen. Seine Filme dreht er aber weiterhin ohne offizielle Genehmigung und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen – sowie mit einer ganz schönen Wut, die sich da, gerade nach mehreren Inhaftierungen im berüchtigten Folter-Gefängnis Evin, über die Jahre angestaut hat. Es ist deshalb absolut verständlich, dass Panahi in „Ein Einfacher Unfall“ über weite Strecken deutlich plakativer und weniger subtil vorgeht. Trotzdem ist es schade, dass er mit seinem moralisch-ambivalenten und auch sonst ziemlich spannenden Szenario überraschend wenig anzufangen weiß.
Jafar Panahi
Ein Mann, seine Frau und die kleine Tochter sind auf dem Heimweg, als plötzlich ein Hund vor das Auto springt. Es ist nur ein kleiner Unfall, der aber weitreichende Konsequenzen haben wird. Der Wagen ist beschädigt, und der Vater, der sich Rashid (Ebrahim Azizi) nennt, wendet sich an eine Werkstatt, in der er von einem der Mechaniker erkannt wird. Zumindest glaubt Vahid (Vahid Mobasseri), in Rashid den Mann erkannt zu haben, der ihn einst im Gefängnis folterte – wobei seine Augen immer verbunden waren, er kann also nur nach der Stimme sowie nach dem Quietschen seines künstlichen Beines gehen.
Vahid folgt Rashid, findet heraus, wo er wohnt – und entführt ihn kurzerhand mit seinem Lieferwagen. Aber als er für Rashid bereits eine Grube in der Wüste gegraben hat, kommen Vahid doch leise Zweifel, ob er wirklich den Richtigen erwischt hat. Er wendet sich deshalb an einige weitere ehemalige Gefangene (darunter sogar eine angehende Braut, die sich im Hochzeitskleid anschließt), die ebenfalls hin und her gerissen sind zwischen dem Wunsch nach Rache und Zweifeln, ob sie wirklich den richtigen Mann vor sich haben…
Erst vor zwei Jahren war Jafar Panahi noch einmal im Evin Gefängnis inhaftiert. Die Tage verbrachte er mit verbundenen Augen, war den endlosen Befragungen der Gefängniswärter oder Geheimagenten ausgeliefert. Ob er auf ähnliche Weise gefoltert wurde wie die Figuren in seinem neuen Film, darüber wollte Panahi in Interviews, die er nach seiner Freilassung gegeben hat, verständlicherweise nicht sprechen. Kurz darauf wurden jedenfalls Arbeitsverbot und Hausarrest aufgehoben, in einer Entscheidung, die genauso willkürlich ist wie jene, die ihn viele Jahre zuvor als Feind des Regimes brandmarkte. „Kafkaesk“ ist der offensichtliche Begriff, der einem zu der Willkür des iranischen Regimes einfällt, und auch an Beckett hat Panahi gedacht: Als sie sich mit ihrem Gefangenen in der Wüste abseits von Teheran um einen einsamen verdorrten Baum gruppieren, lässt der Regisseur seine Figuren auf dessen absurd-nihilistisches Stück „Warten auf Godot“ Bezug nehmen.
Es ist einer der wenigen vielschichtigen Momente in einem Film, der gerade für Panahis Verhältnisse erstaunlich laut und plakativ wirkt. So viel geschrien wie hier wurde bei Panahi noch nie, eine nuancierte Darstellung des potenziell komplizierten moralischen Fallstricks findet nur selten statt. Erstaunlich, denn das gelang selbst einem kleinen Film wie „Die Schattenjäger“, der Anfang des Jahres in den deutschen Kinos lief und dort leider unterging. Auch dort spürt ein Folteropfer seinen Folterknecht auf und ringt mit der Entscheidung, was er tun soll, und der Frage, ob die Rache ihn tatsächlich erlösen wird, zumindest für einen Moment.
Gelungener wirken hingegen die Szenen, in denen „Ein Einfacher Unfall“ angesichts seiner brutal ernsthaften Thematik unglaublicherweise ins geradeheraus Komödiantische kippt. So etwa, wenn die Entführer*innen Gewissensbisse bekommen, als die kleine Tochter des wahrscheinlichen Folterers versucht, ihren Vater anzurufen. Die schwangere Mutter sei ohnmächtig geworden, und auf einmal verdingen sich die Entführer*innen quasi als Krankentransport – sie bringen die Mutter ins Krankenhaus und zahlen sogar das Trinkgeld alias Bestechungsgeld für die Schwestern. Solche ironischen Beobachtungen kennt man von Panahi, sie haben lange Jahre die besondere Qualität seiner Filme ausgemacht.
Allzu viel ist davon in „Ein Einfacher Unfall“ ansonten leider nicht zu sehen. Aber es gibt sie trotzdem, die subtilen Momente, etwa beiläufige Bilder, die Frauen ohne Kopftuch zeigen, was früher im Iran und im iranischen Kino undenkbar war, nun aber laut Panahi von einem zumindest momentanen Wandel der Gesellschaft zeugt. Besonders hübsch auch ein Moment, in dem Bestechungsgeld an Polizisten mit der EC-Karte gezahlt wird – der Fortschritt ist eben überall zu spüren. Schade nur, dass es von solchen Szenen nicht mehr gibt und sich Panahi diesmal weitestgehend darauf beschränkt, eine ebenso einfache wie plakative Geschichte zu erzählen, die seinen Qualitäten nur bedingt gerecht wird.
Fazit: Nach Jahren der Inhaftierungen, des Hausarrestes und des Arbeitsverbots darf der iranische Regisseur Jafar Panahi nun wieder (halbwegs) offiziell arbeiten. Doch der erste Film, der unter zumindest etwas größerer Freiheit entstand, fällt in seinem Werk ab. „Ein Einfacher Unfall“ wirkt (verständlicherweise) vor allem wütend, bleibt für den Meta-Papst Panahi aber überraschend simpel gestrickt und holt aus seiner an sich interessanten moralischen Dilemma-Situation enttäuschend wenig heraus.
Wir haben „Ein Einfacher Unfall“ beim Cannes Filmfestival 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.