Kein zweites Meisterwerk
Von Kamil Moll64 Prozent aller User, die extremistischen Gruppen auf Facebook beigetreten sind, wurden durch den Empfehlungsalgorithmus der Seite darauf aufmerksam gemacht: Das ergab 2016 eine interne Studie der Plattform, die fünf Jahre später mit weiteren Geheimdokumenten durch die Whistleblowerin Frances Haugen geleakt und schließlich durch eine 17-teilige Artikelserie des „Wall Street Journal“-Reporters Jeff Horwitz namens „The Facebook Files“ bekannt gemacht wurde. In der Form eines klassischen Verschwörungsthrillers zeichnet Aaron Sorkins „The Social Reckoning“ den jahrelangen Weg dieser Enthüllungen nach, der die Reputation von Mark Zuckerbergs Technologiekonzern nachhaltig hätte beschädigen sollen, letztlich aber nur zur profanen Markenumbenennung in Meta Plattforms führte.
Eigentlich ist die Idee eines sozialen Netzwerks für die von Oscar-Preisträgerin Mikey Madison („Anora“) mit wachsamer Nervosität gespielte Informatikerin Frances Haugen eine persönliche Mission. Als Produktmanagerin arbeitet sie für das Civic Integrity Team von Facebook, einer Abteilung, die die Wirkung der Plattform auf ihre Benutzer untersucht und der Verbreitung von Hassposts und Fake News entgegenwirken soll. Ihre Aufgabe liegt in der Verfeinerung eines Algorithmus: Werden bei Kommentaren unterschiedliche Risikovektoren getriggert, soll anhand von passend codierten Klassifikatoren der Beitrag automatisch als bedenklich eingestuft und heruntergenommen werden.
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Frances bemerkt Unstimmigkeiten: Anstelle dagegen vorzugehen, belohnt der Algorithmus Posts, die polarisieren und wütende Reaktionen erzeugen, durch erhöhte Sichtbarkeit. Mit sechs eng und beidseitig beschriebenen Indexkarten voller Beobachtungen und Notizen wendet sie sich an unmittelbare Arbeitskolleg*innen und schließlich an ihren Vorgesetzten. Auch dieser zeigt sich gleichwohl nicht alarmiert, weist Frances darauf hin, dass niemand gerne mit einer Kassandra zusammenarbeite wolle, die „Feuer!“ rufe, wenn keines brenne. Doch in der griechischen Mythologie ist Kassandra ja eigentlich – solche dramatisierenden kulturellen Verweise wird Sorkins Drehbuch noch so einige Mal bemühen und den Zuschauern allzu deutlich einhämmern – eine Wahrsagerin, der keiner Beachtung schenkt, weil sie eine Wahrheit ausspricht, die niemand hören möchte.
Im Büro des Wall Street Journals in San Francisco lässt sich 2019 längst das Ende des Printjournalismus beobachten: Als der Investigativjournalist Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) dort aufschlägt, um eine Reportage über Facebook zu pitchen, sitzt kaum noch jemand vor Ort, um zu arbeiten. Obwohl er eigentlich politischer Reporter ist und von Technologie wenig Ahnung hat, will Jeff hinter die Fassade des dekadent anwachsenden Social-Media-Konzerns schauen. Seine Chefredakteurin (Betty Gilpin) gibt ihm dafür zwei Praktikanten und eine Frist von 90 Tagen: genügend Zeit also, um sich etwa damit vertraut zu machen, was verschlüsselte Nachrichten genau sind. Über LinkedIn schreibt er bei Facebook Beschäftigte an, in der Hoffnung, dass jemand bereit ist, über all das zu sprechen, was das Unternehmen nicht öffentlich macht. Eines Nachts antwortet ihm Frances.
Sehr wenig erinnert bei dieser Geschichte an David Finchers Meisterwerk „The Social Network“ über den Aufstieg von Mark Zuckerberg vom programmierenden Studenten zum milliardenschweren Unternehmer, für das Aaron Sorkin einst das Drehbuch schrieb und das heute nicht von ungefähr als einer der prägenden Filme der 2010er-Jahre gilt. Jahrelang pitchte Sorkin eine Fortsetzung, für die er letztlich weder den ursprünglichen Regisseur noch den einstigen Hauptdarsteller Jesse Eisenberg gewinnen konnte, der längst nicht mehr auf seine Darstellung von Zuckerberg als abgründigem Tech-Bro reduziert werden will. Bemerkenswert ist nun zunächst der augenscheinliche Wechsel im Tonfall: Fincher erzählte die Story mit amüsierter Ironie als eine moderne Sittenkomödie voller Ambivalenzen, Sorkin setzt sie als Regisseur nun trocken und dialoglastig in der Form eines aufrichtig motivierten Investigativdramas mit Hang zur überdeutlichen Message fort.
Das gelingt zunächst noch recht gut, wenn der Film die wohlbekannten Standards eines anständig geölten Verschwörungsthrillers abspult: die tastende Kontaktaufnahme zur Informantin, die klandestinen Treffen in einem abgelegenen Park, ein sorgsam gespanntes Netz aus Paranoia und Enthüllung, das von Sorkins bewährtem Händchen für leichtgängige, schnelle Dialoge eine Zeit lang recht flott getragen wird. Doch mit dem Auftritt von Jeremy Strong als seltsam überaltertem Mark Zuckerberg gerät der Film in eine große Schieflage.
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Auf einer zweiten zeitlichen Ebene erzählt „The Social Reckoning“ nämlich von den konfliktgeladenen Vorbereitungen auf eine Kongressanhörung, der sich Zuckerberg im Jahr 2021 stellen musste. Eine Krisenmanagerin schult ihn für den drohenden Ausnahmezustand: Der amerikanische Paragraf 2-30 soll abgeändert werden, wodurch Internetseiten für das haftbar gemacht werden können, was auf ihnen veröffentlicht wird – für Zuckerberg ein Angriff auf den Markenkern seines Unternehmens, freie Meinungsäußerungen ungefiltert zu ermöglichen.
Den libertären Milliardär spielt Strong dabei mit Hang zur verkrampften Method-Acting-Überkompensation. Eine leblose Reißbrettfigur, die in aufrechter Sitzposition verharrt und emotionslos abgehackt Merksprüche über seinen Konzern zum Besten gibt: „Wir sind nicht der Schiri, wir sind der öffentliche Raum!“ Diese eindimensionale Verkörperung des unkontrollierten Tech-Kapitalismus wird so zur willkommenen Projektionsfläche für das aufdringlich belehrende Pathos, in das sich der Film in seiner zweiten Hälfte hineinsteigert.
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Den gewaltsamen Sturm auf das Kapitol in Washington durch Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Donald Trump im Januar 2021 kontextualisiert er als Konsequenz aus ungesteuerten Social-Media-Richtlinien, die Polarisierung und Radikalisierung begünstigen. Von so was kommt so was, zeigt Aaron Sorkin so penibel wie widerspruchsfrei anhand von dramatisierten Fallbeispielen: Ob man von einem Kinofilm allerdings mehr erwartet als nur eine sicherlich zutreffende Diagnose, dürfte darüber entscheiden, wie gelungen man „The Social Reckoning“ letztlich findet.
Fazit: Aaron Sorkins „The Social Reckoning“ ist ein zunächst durchaus packender Verschwörungsthriller über die Gefahren sozialer Medien – doch je näher der Film seiner Botschaft kommt, desto weniger interessiert er sich für Zwischentöne. Wo „The Social Network“ noch mit satirischer Ironie und Ambivalenz glänzte, setzt Sorkin diesmal auf überdeutliche Figuren und Thesen.