Pferd am Stiel - Ein Hobby-Horsing-Abenteuer
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Pferd am Stiel - Ein Hobby-Horsing-Abenteuer

Da will man am liebsten direkt selbst aufs Steckenpferd steigen

Von Jörg Brandes

Die 2013 ins Leben gerufene Förderinitiative „Der besondere Kinderfilm“ bringt tatsächlich immer wieder bemerkenswerte Werke ins Kino. Anders als etwa „Die Schule der magischen Tiere“ oder die Filme rund um Bibi Blocksberg basieren die geförderten Projekte weder auf eingeführten Marken noch auf literarischen Vorlagen. Zudem sind sie in der Regel eng mit der Lebensrealität ihres Zielpublikums verknüpft. So entstanden zum Beispiel „Auf Augenhöhe“, „Sieger sein“ und „Der Prank“ – und auch beim aktuellen Film mit dem Emblem der Initiative ist Originalität Trumpf!

Die beschränkt sich hier allerdings nicht allein auf die Story. Auch die reale Sportart, die Drehbuchautorin Gerlind Becker und Regisseurin Sonja Maria Kröner („Sommerhäuser“) in den Mittelpunkt ihres Familienfilms rücken, ist bereits ziemlich besonders: Die Rede ist von Hobby Horsing! Wie beim echten Pferdesport gibt es Disziplinen wie Parcoursspringen und Dressur. Dabei wird jedoch nicht auf einem Pferd aus Fleisch und Blut geritten, sondern mit einem Steckenpferd zwischen den Beinen. Das bringt schon der Titel „Pferd am Stiel - Ein Hobby-Horsing-Abenteuer“ originell auf den Punkt. Und das ist längst nicht das einzige Positive, das sich über die beschwingt-beglückende und authentisch gespielte Teen-Komödie sagen lässt.

Auch nach einem peinlichen Video steht Sarah (Manon Debaille) weiter zu ihrem neuen Hobby! Port au Prince Pictures GmbH
Auch nach einem peinlichen Video steht Sarah (Manon Debaille) weiter zu ihrem neuen Hobby!

Die „Besties“ Sarah (Manon Debaille) und Dilek (Chiara Kitsopoulou), beide 13, leben in der Münchner Hochhaussiedlung Neuperlach. Gemeinsam posten sie Selfie-Videos auf ihrem eigenen Kanal, sind mit der Resonanz aber bislang eher unzufrieden. „Wir sollten was machen, was wir richtig gut können“, meint Sarah. „Wir können doch nichts“, erwidert Dilek. Aber stimmt das eigentlich? Als Sarah im Internet Hobby Horsing entdeckt, ist sie jedenfalls direkt Feuer und Flamme. Sie bastelt sich einen Pferdekopf, montiert ihn auf einen Stecken und überredet die skeptische Dilek, dasselbe zu tun.

Dummerweise werden die Mädchen bei ihren ersten Übungen von ein paar Jungs gefilmt. Prompt macht das Video in der Schule die Runde, die Reiterinnen werden zur Zielscheibe von Gespött – und zerstreiten sich. Während sich Dilek, die das ganze Unternehmen eh für „sozialen Selbstmord“ gehalten hatte, den coolen Girls der Tanztruppe „New Pearls“ anschließt, lässt sich Sarah von der Häme nicht beirren. Sie findet in der gleichaltrigen Turnierreiterin Beatrice (Aurelia Ott) eine neue Freundin. Beide reisen ohne Erlaubnis zur Hobby-Horsing-Meisterschaft nach Finnland. Sarah als Wettkämpferin, Beatrice als ihre Trainerin und Managerin …

Skurril? Schon. Aber auch erstaunlich anspruchsvoll

Zugegeben: Der Coolness-Faktor von Hobby Horsing erreicht (bislang) nicht unbedingt luftige Höhen. Stattdessen wirkt es zumindest im ersten Moment ungewohnt und deshalb skurril; für Situationskomik ist also gesorgt. Gleichwohl nehmen die Regisseurin und ihre Drehbuchautorin die Randsportart angenehm ernst, zumal sie sich bei näherer Betrachtung als erstaunlich anspruchsvoll erweist. Sarah muss erst mal lernen, sich oberhalb der Gürtellinie wie eine würdevolle Reiterin zu verhalten, während ihre Beine gleichzeitig den Pferdepart übernehmen. Gar nicht so einfach, mit dem Sportgerät über einen Hindernisparcours zu hüpfen, der tatsächlich an ein Springreitturnier mit echten Pferden erinnert.

Aber der Film möchte ja nicht in erster Linie Reklame fürs Hobby Horsing machen, sondern vor allem gut unterhalten. Und das tut er völlig ungezwungen mit einer gar nicht gehässigen Komik, die noch eine Steigerung erfährt, wenn die Handlung in Finnland angekommen ist. Dazu kommen frische, nie aufgesetzt wirkende Dialoge und witzige Sprüche, die zeigen, dass die beiden Filmemacherinnen Ohren für authentische Jugendsprache haben. Auch die Spannung entsteht hier längst nicht nur aus der Frage, wie sich Sarah wohl bei der Meisterschaft in Finnland schlagen wird.

Was „cool“ ist, liegt im Auge der Betrachterin! Port au Prince Pictures GmbH
Was „cool“ ist, liegt im Auge der Betrachterin!

Im Kern geht es um die Freundschaft zwischen Sarah und Dilek. Dass der Bruch nicht endgültig sein muss, zeigen immer wieder Sequenzen, die nahelegen, dass sich die beiden trotz allem immer noch verbunden fühlen. Dabei steht Sarah einfach zu dem, was sie tut. Das wiederum gibt Dilek zu denken. Vielleicht ist es ja doch nicht das Wichtigste, besonders „cool“ zu wirken. Die beiden vorzüglichen Hauptdarstellerinnen stehen dabei an der Spitze eines Casts, der recht lebensnah agiert. Fast alle verkörpern sympathische und nahbare Charaktere. Beatrice, Tochter aus reichem Hause, könnte eingebildet sein, ist es aber nicht.

Die Nachwuchsreiterin leidet vielmehr unter dem Druck ihrer ehrgeizigen Mutter, der Pferdehofbesitzerin Katharina (Valerie Neuhaus). Aber auch für die „Prosecco-Bitch“ (O-Ton Dilek) hat das Drehbuch ein Herz. Das zeigt sich, als Katharina mit Sarahs nassforscher Nagelstudio-Mama Jenny (Lana Cooper) den getürmten Mädchen folgt – und beide sich in der finnischen Pampa verirren. Da bleibt keine Zeit, lange auf sozialen Gegensätzen herumzureiten, das gemeinsame Abenteuer verbindet. Überhaupt herrscht in „Pferd am Stiel“ ein versöhnlicher Ton. Das mag vielleicht nicht gerade perfekt zu den derzeitigen Verhältnissen passen. Trotzdem kann es nicht schaden, zumindest im Kino zu sehen, wie es besser laufen könnte.

Fazit: „Pferd am Stiel“ ist längst nicht der erste Kinostart, der die Vorzüge der Initiative „Der besondere Kinderfilm“ zeigt – und hoffentlich auch noch lange nicht der letzte.

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