Father Joe
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Father Joe

Ein Priester sieht rot

Von Janick Nolting

Der erste Auftritt ist schon ein Spektakel für sich. „Father Joe“ beginnt wie ein ganz typischer Gangsterfilm. Da fährt ein reicher Drogenboss zu einem geheimen Labor in Manhattan und ahnt noch nichts Schlimmes. Es sind die 1990er-Jahre in New York. Plötzlich fallen Schüsse. Männer gehen blutig zu Boden. Das Versteck wird attackiert. Die Behörden? Eine feindliche Gang? Nein, es ist Father Joe im Alleingang: ein Priester, rausgeputzt mit Soutane und Kollar, ein Kruzifix vor der Brust und die Knarre in der Hand. Kiefer Sutherland verkörpert diese Figur – und schnell steht fest: Der ehemalige „24“-Star könnte hier eine neue Paraderolle gefunden haben.

Der Vietnamkriegsveteran ist ein gebrochener Mann. Er musste den Untergang seiner Familie erleben. Seine Tochter starb mit 16 an einer Überdosis. Inzwischen hat er der organisierten Kriminalität den Kampf angesagt. Es reicht ihm nicht, das Wort Gottes gegen das Böse zu sprechen. Stattdessen will er eigenhändig dafür sorgen, dass keine Drogen mehr an Jugendliche verkauft werden. Also nimmt er es mit der Unterwelt der Stadt auf. Die Methode, wie er sie gefügig macht, ist so (grandios) skurril, dass man sie vorab lieber nicht verraten sollte. Aber sagen wir mal so: Man glaubt kaum, wie schnell einige der Mafia-Paten anschließend den Weg zum Gottesdienst finden.

Die direkten Begegnungen von Kiefer Sutherland und Al Pacino zählen zu den vielen spaßig-absurden Höhepunkten des Films. Capelight Pictures
Die direkten Begegnungen von Kiefer Sutherland und Al Pacino zählen zu den vielen spaßig-absurden Höhepunkten des Films.

Drehbuchautor Luc Besson („León – Der Profi“) und Regisseur Barthélémy Grossmann („Arthur: Malediction“) machen jedenfalls schnell klar, in welcher Art von Film man sich hier befindet. „Father Joe“ ist Trash. Aber einer der liebenswerten Art und keiner, der sich nur auf Klamauk und zynische Kalauer stützen würde oder den man überhaupt nicht mehr ernst nehmen könnte. Ganz im Gegenteil! Mögen seine Ideen noch so drüber und augenzwinkernd sein: „Father Joe“ will unter seiner reißerischen Oberfläche durchaus etwas Wahrhaftiges erzählen – so wird eine Armenspeisung im Hinterhof etwa mit einer fast schon sakralen Ernsthaftigkeit präsentiert.

Dazu kommt natürlich die offensichtliche Suchtthematik. „Father Joe“ blickt durch seine 90er-Jahre-Brille auch auf die grassierenden Drogenprobleme der Gegenwart in den USA. Gerade auch unter Jugendlichen. Stichwort: Opioidkrise. Ever Anderson verkörpert dabei eine junge Frau, deren sich Father Joe annimmt, um sie vor dem Schlimmsten zu bewahren und auf einen besseren Weg zu lenken. Das schier unaufhaltsame Geschäft hinter der Sucht ist jedoch die andere Angelegenheit. Und an dieser Stelle muss man unbedingt auch über den zweiten großen Star des Films sprechen.

Treffen zweier Schauspiel-Legenden

Neben Kiefer Sutherland als kampferprobter Pfarrer ist nämlich auch die Hollywood-Legende Al Pacino als Mafiaboss mit von der Partie. Auch er spielt auf humorvolle wie selbstironische Weise mit seinem coolen Gangsterfilm-Image. Wenn er den Romanklassiker „Hundert Jahre Einsamkeit“ zuschlägt und zu einem Resümee seiner Lektüre ausholt, gehört das zu den grotesken Höhepunkten des Films. Von seinen Treffen mit Sutherlands Figur einmal ganz abgesehen! „Father Joe“ macht dabei letztlich genau das, was aufregendes Genre-Kino auszeichnet: Er verbindet die Hochkultur mit dem vulgären Exzess, die Moral mit der Grenzüberschreitung, den Spaß und den Ernst.

Der Raum der Kirche wird entweiht, besudelt, beschossen und gesprengt. Hinter der Marienstatue verbirgt sich eine Waffenkammer. Schmutziges Geld wird an die Diözese weitergeleitet. Im Beichtstuhl erkennen sich daneben das Geistliche und das Weltliche vielleicht doch nur als zwei Seiten ein und derselben Produktidee. Nur um am Ende doch wieder zum Glauben an das Gute und zu Werten wie Nächstenliebe zurückzufinden. Vielleicht auch in etwas unkonventioneller Form und Gestalt. In der comichaften Welt von „Father Joe“ ist die Utopie lebendig: Hier kämpfen die Weltreligionen noch vereint gegen die, die andere ins Elend stürzen.

Die Geburtsstunde einer neuen Kultreihe?

Der Film hat in der zweiten Hälfte seine Hänger und Längen. Wenn es etwa darum geht, einen neuen Handlungsstrang rund um Kindesentführungen und illegalen Organhandel zu eröffnen, dann bremst das „Father Joe“ deutlich aus. Man merkt, dass Luc Bessons Drehbuch Anlauf braucht, um seinen Titelhelden auf neue Einsätze zu schicken und den Wahnwitz des ersten Aktes zu toppen. Ob die brutalen Schießereien und Prügeleien auf der Zielgeraden dann wirklich so spannend sind, sei ebenso dahingestellt. Gerade, wenn man bedenkt, dass die Action schon lange vorher in einem Raum voller Ballons ihren Zenit überschritten hat.

Aber womöglich ist das ohnehin nur das Warmlaufen, ein erster Aufschlag und Testlauf, dem man solche holprigen Passagen und kleinen Durchhänger verzeihen kann. Für Father Joe scheint es schließlich so oder so noch jede Menge in der Welt zu tun zu geben – und im Keller lagern bereits so viele Waffen aller Art, dass auch die dafür nötige Feuerkraft definitiv vorhanden wäre. Vielleicht könnte Father Joe auf Geheiß des Heiligen Stuhls ja bald der nächste John Wick werden. Zumindest in Sachen Oneliner hat Father Joe dabei sogar die Nase vorn. Darauf ein Amen!

Fazit: Möge der Herr alle Beteiligten segnen, dass sie der Welt Kiefer Sutherland als ballernden Gottesmann beschert haben.

Wir haben „Father Joe“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er seine Weltpremiere als Midnight Screening gefeiert hat.

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