So geht Seifenoper richtig!
Von Janick NoltingDie Figuren von Nanni Moretti haben sich vereint und fallen doch schon wieder auseinander. Da gibt es zwei Paare und neue Familien im Entstehen. Aber was ist, wenn man sich doch nach etwas anderem sehnt? Wenn sich plötzlich eine unverhoffte Affäre zwischen diesen Figuren entspinnt, die alles ins Wanken bringt? Der Goldene-Palme-Gewinner (2001 für „Das Zimmer meines Sohnes“) durchforstet diesmal gemeinsam mit seinen Co-Autorinnen Federica Pontremoli und Valia Santella eine Kurzgeschichtensammlung von Eshkol Nevo. Das Schaffen des israelischen Schriftstellers diente Moretti schon als Grundlage für seinen Film „Drei Etagen“. Für „It Will Happen Tonight“ wurden nun verschiedenste Einzelteile aus Nevos Kurzgeschichten entnommen und zu einer neuen Erzählung zusammengefügt.
Im Zentrum agieren der Buchhändler Matteo (Louis Garrel) und die Schauspielerin Greta (Jasmine Trinca). Beide stehen in den ersten Filmminuten am Anfang eines neuen Lebensabschnitts, doch dann kommt alles anders. Matteo wird von seiner skandinavischen Partnerin mit dem gemeinsamen Kind im Stich gelassen. Ihr graut vor dem Umzug nach Italien. Am Flughafen wagt sie sich nicht über die Schwelle. Jetzt lernt Matteo Greta bei einem Tennis-Match kennen. Er verliebt sich in sie: ausgerechnet am Tag ihrer Hochzeit. Auch Jahre später denkt der Unglückliche immer noch an die Begegnung, bis sich die beiden zufällig wiedertreffen …
Finden sie sich also oder finden sie sich nicht? Das ist die Frage, die „It Will Happen Tonight“ strukturiert. Das mag einigen vielleicht etwas dürftig und abgedroschen vorkommen, um mit einem solchen Klischee-Plot 103 Minuten zu füllen. Der Film menschelt sich von einer Szene zur nächsten, während der Handlungsrahmen fast zwei Jahrzehnte umfasst. Bisweilen glaubt man, eine Daily Soap zu sehen, wenn man die Figuren und ihre Angehörigen durch den Alltag mit allen Höhen und Tiefen begleitet.
Das ist an dieser Stelle aber gar nicht despektierlich gemeint! Moretti, Pontremoli und Santella haben hier nämlich ein grandioses Drehbuch mit vielen erinnerungswürdigen Momenten entworfen. Auch was den bitteren Humor anbelangt! „It Will Happen Tonight“ beginnt gleich mit einer höchst unangenehmen Sequenz. Da sitzen Matteo und seine schwangere Freundin Thea (Melina Åkerman Kvie) gemeinsam mit Matteos Mutter in einer Sauna. Nun soll der werdende Vater dolmetschen, wie seine Partnerin von der grantigen Schwiegermutter beleidigt und gedemütigt wird.
Sacher Film
Dann gibt es aber auch immer wieder wunderbar verträumte, fast ein wenig surreal anmutende Szenen, von denen der Film eigentlich sogar noch viel mehr vertragen könnte. „It Will Happen Tonight“ ist schließlich auch ein Film über die Fantasie, über Visionen, wie das Leben verlaufen könnte, würde man diese oder jene Entscheidung anders treffen, würde man sich in einem passenderen Moment oder Abschnitt der eigenen Biografie begegnen. So wird das Tennisspiel zwischen Matteo und Greta gleich doppelt ausgeschmückt, weitergesponnen und durch die Brille der Fiktion und Vorstellungskraft verformt. Wenn die Braut den Tennisschläger schwingt, während man ihr angestrengt die Schleppe in bester Slapstick-Manier hinterhertragen muss, ist das nur ein witziges Highlight im Film.
Eine weitere Begegnung zwischen den Liebenden gipfelt in einem Schockmoment: Greta, die gerade von einem Filmdreh kommt, sucht panisch ihre Tochter, ehe sie sich ihre Maske in Fetzen vom Gesicht reißt. Das Verstellen und Maskieren wird den Figuren zum Teil unerträglich. Auch das ist ein wiederkehrendes Motiv im Film. Und das Kino von Nanni Moretti ist dann so vernarrt in die überschwänglichen Gefühle, dass es sich auch auf Musical- und Tanzfilm-Traditionen besinnt.
Zu „She’s A Rainbow“ beginnt eine Tanzchoreografie in der Wohnung und schließlich auf der Straße. Dieser Song wird zu einer Hymne dessen, was unentwegt an den Figuren vorbeizieht. Drei längere Zeitsprünge zerteilen den Film und werfen immer neue Schlaglichter darauf, an welchem Punkt sich die Charaktere gerade befinden. Warum tun sie sich so schwer, ihre Affäre auszuleben? Wollen sie überhaupt ihre jeweilige Ordnung zerstören? Aber was ist diese Ordnung wert, wenn sie eh nur aus Pflichtgefühl besteht? Das sind ganz archetypische romantische Konflikte, die der Film verhandelt. Aber er legt dabei ein solches Timing in der Komik und Tragik an den Tag, dass man da sitzt und sich das Ganze eigentlich auch gern noch länger ansehen würde. Zu verdanken ist das vor allem dem Talent für die Figurenzeichnung. Da gibt es Rollen, die nur ein paar Minuten auftreten, unter anderem die schon erwähnte Schwiegermutter, die allen die Show stiehlt.
Aber sie sind mit wenigen Szenen und Zeilen so lebhaft und markant umrissen und dann auch so nuanciert gespielt, dass „It Will Happen Tonight“ schlicht ein ganz fantastischer Ensemblefilm geworden ist. In diesen kleinen und größeren Familien- und Beziehungsdramen geht es nicht nur um die Liebe. Auch das Sterben drängt ins Bewusstsein, etwa die letzte Reise mit dem kranken Vater (Hippolyte Girardot) zu einem Bruce-Springsteen-Konzert. Allein der Weg dorthin und die unerwartete Verführungskunst des Vaters sind Comedy-Gold für sich, ehe der Film wieder nachdenkliche Töne anschlägt. An einer Stelle geht es darum, wie kurz vor dem Tod der Geruch von Menschen verschwindet. „It Will Happen Tonight“ muss sich darum keine Sorgen machen. Er duftet und duftet und hört gar nicht mehr damit auf.
Fazit: Zwei Liebende, die auch nach Jahren nicht so recht zueinander finden können: Nanni Morettis neuer Film arbeitet mit altbekannten Stoffen. „It Will Happen Tonight“ ist aber mit so interessanten Charakteren und so vielen starken Dialogen und Szenen gespickt, dass man sich von dieser hoffnungslosen Romantik nur allzu gern mitreißen lässt.
Wir haben „It Will Happen Tonight“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.