Robert Pattinson gegen die Polarbären aus "Lost"
Von Christoph PetersenIn den USA muss man das Phänomen niemandem mehr erklären, aber für eine deutsche Leserschaft sollten wir vorne anfangen. Ab 2004 war „To Catch A Predator“ ein Segment innerhalb des immens populären NBC-Nachrichtenmagazins Dateline, später wurde es dann auf dezidierte Primetime-Specials ausgeweitet: Lockvögel, die sich im Internet als Kinder ausgeben, locken Pädophile zu Treffen, bei denen sie der Investigativ-Journalist Chris Hansen vor laufenden Kameras mit ihren Chatnachrichten konfrontiert.
Nach einem kurzen Interview wird den Männern zwar freigestellt zu gehen, aber vor der Haustür wartet bereits ein Spezialkommando der Polizei, das sie – ganz im Sinne der sensationslüsternen TV-Logik – oft lachhaft übertrieben niederringt. Vor allem Chris Hansen selbst erlangte als im Umgang mit den angelockten Männern stets beherrscht-autoritär auftretender Moderator einen beachtlichen Kultstatus.
Aber das Ansehen von Hansen bröckelt spätestens, seit 2025 die gefeierte TV-Dokumentation „Predators“ erschienen ist. In der wird nämlich nicht nur die Sinnhaftigkeit des Formats als Ganzes infrage gestellt, sondern auch Hansen selbst als manipulativer Narzisst entlarvt. Nur ein Jahr später folgt nun eine Spielfilmversion, die weitgehend dieselben Ereignisse beleuchtet: Basierend auf dem bereits 2007 erschienenen Esquire-Artikel „Tonight On Dateline This Man Will Die“ dringt „Primetime“ zwar an vielen Stellen nicht so tief vor wie „Predators“ …
… aber dafür inszeniert der selbst aus dem Dokumentarfach stammende Spielfilmdebütant Lance Oppenheim die mediale Pädophilen-Hatz als fiebrigen Rausch, bei dem es – für die Macher*innen wie für ihr TV-Publikum – vor allem darum geht, dass der nächste Kick immer noch härter reinknallt. Dieses mitreißende Delirium überträgt sich über weite Strecken auch auf das Publikum, selbst wenn „Primetime“ im selben Moment – gerade im Vergleich zur dokumentarischen Aufarbeitung in „Predators“ – an vielen Stellen nur an der Oberfläche kratzt. Dafür hat Oppenheim allerdings auch noch besonderen Trumpf im Ärmel: den ursprünglich nur als Produzent beteiligten Robert Pattinson in der Hauptrolle!
Leonine
Chris Hansen (Robert Pattinson) ist dabei selbst ein Getriebener. Seit er in Indien mit einer Reihe ungeklärter Kindsmorde konfrontiert wurde, hat er sich in den Kopf gesetzt, die Monster in dieser Welt unschädlich zu machen. Von seinen „ernsthaften“ Kolleg*innen mitleidig belächelt, lechzt er zudem nach Ansehen, das er sich notfalls von seinen eigenen Kindern holt, selbst wenn er sie dafür mitten in der Nacht aufwecken muss, damit sie sich den Teaser für seinen neuesten Pädophilen-Fang ansehen. Senderchef Jeff Zucker (spielt sich selbst) kann mit der Show zwar ebenfalls nichts anfangen, befördert „To Catch A Predator“ aber trotzdem zum Primetime-Format – und zwar als direkte Konkurrenz zu „Lost“.
Während sich im ABC-Megahit ausgerechnet Polarbären auf die in einer tropischen Umgebung gestrandeten Überlebenden stürzen, stehen Hansen und seine Produzentin Andie Bender (Merritt Wever) vor der Herausforderung, ständig neue, immer krassere Konfrontationen aus dem Hut zu zaubern. So steigert sich speziell Hansen in die Vorstellung hinein, wie Captain Ahab in „Moby Dick“ einen Wal (sprich: eine möglichst bekannte, respektierte Person) vor die Kamera zerren zu müssen – ein Wahn, der im November 2006 schließlich zur Katastrophe führt …
Einer der angelockten Pädophilen, der im Netz als „CrazyFrog“ auftritt, bringt wie in den Chats angekündigt eine Dose Sahne mit zum Treffen, um sie sich auf den Penis zu sprühen. Die Szene wäre an sich schon absurd genug, aber dann wird der Sahne-Fetischist auch noch vom inzwischen 35-jährigen Jonathan Lipnicki verkörpert – also jenem unverwechselbaren Kinderstar, der Ende der Neunziger vor allem durch die „Stuart Little“-Reihe zu Weltruhm gekommen ist. Aber womöglich teilt „Primetime“ genau dieses Problem mit dem Format, das es ja eigentlich kritisiert: Die Pädophilen-Auftritte wirken eher belustigend als verstörend, selbst wenn sie auf die Beteiligten selbst eine andere Wirkung haben.
So dreht sich ein zentraler Handlungsstrang um den bislang erfolglosen Nachwuchsdarsteller Dan Plumb (Skyler Gisondo), der aufgrund seines kindlichen Aussehens (trotz seiner 23 Jahre geht er locker als 13 durch) als Lockvogel engagiert wird. Bei seinem ersten Einsatz wird er ohne Schulung oder Erklärungen direkt in die Situation mit dem realen Pädophilen geschmissen – irgendwie verstörend, aber schon auch komisch. In der Folge wird immer mal wieder angeschnitten, dass es den Jungschauspieler durchaus weiter belastet – aber in der Doku „Predators“ erfahren wir, dass gleich reihenweise Lockvögel wegen solcher traumatischen Erfahrungen ausgestiegen sind.
So bleibt vor allem dieser unnachgiebige, fiebrige Drang zu immer spektakuläreren Coups! Und niemand spielt diese auf dem schmalen Grat zum Wahnsinn wandelnde Arschlochhaftigkeit so überzeugend wie Robert Pattinson – zumal er es sich eben nicht so einfach macht, Chris Hansen als bloße Karikatur anzulegen. Mit derselben Präzision und Unnachgiebigkeit, mit der sich der Moderator damals auf die Treffen mit den Pädophilen vorbereitet hat, bohrt sich nun auch der ehemalige „Twilight“-Star ganz tief rein in die Obsessionen der berühmt-berüchtigten TV-Legende.
Nur wenige Monate nach Antinous in „Die Odyssee“ (spielt ca. 1350 vor Christus) jetzt also Chris Hansen in „Primetime“ (spielt 2006) – und wir hätten ehrlich gesagt nichts dagegen, wenn sich der Darsteller, der dieses Jahr daneben ja auch noch in „Das Drama“ und „Dune 3“ im Kino vertreten ist, anschließend auch noch durch all die großartigen Arschlochrollen in den mehr als 3.000 Jahren dazwischen spielt. Denn so wunderbar glatt-schmierig wie Robert Pattinson bekommt das aktuell einfach kein zweiter hin.
Fazit: Wer sich tatsächlich tiefer mit all den spannenden moralischen Fragen rund um das zwischen 2004 und 2007 ausgestrahlte TV-Format auseinandersetzen will, ist mit der Doku „Predators“ besser beraten. Aber als rauschhafter Fiebertrip mit einem – wieder mal! – überragenden Robert Pattinson ist „Primetime“ dennoch eine absolut mitreißende Kinoerfahrung!
Wir haben „Primetime“ beim Filmfest in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.