So bunt und rasant war der legendäre Klassiker noch nie
Von Michael MeynsFast einhundert Jahre liegt die Veröffentlichung von Erich Kästners Kinderbuch „Emil und die Detektive“ zurück. Das 1929, in den letzten Jahren der Weimarer Republik, erschienene Werk wurde schnell ein großer Erfolg und bereits zwei Jahre später zum ersten Mal verfilmt. Allein in Deutschland entstanden im Lauf der Jahre mehrere Neuverfilmungen, doch auch in Argentinien, den USA und sogar Japan diente der Roman als Vorlage. Nun wagt sich David Dietl (Sohn des großen Münchner Romantikers und Satirikers Helmut Dietl) an eine neue, moderne Version.
Mit „Emil und die Detektive“ gelingt dem „König von Deutschland“-Regisseur und seiner Drehbuchautorin Antonia Scheurlen („Last X-Mas“) das Kunststück, der Vorlage überraschend treu zu bleiben und sie gleichzeitig gekonnt in die Gegenwart zu übertragen. Das Ergebnis ist ein rasanter Kinderfilm, der einen pointierten, überdrehten Blick auf das gegenwärtige Berlin wirft.
Warner Bros. Film Productions Germany / UFA Fiction / UFA Mitte / Xiomara Bender
Der zwölfjährige Emil (Nicholas Jonah Peter) wächst im beschaulichen Bernburg bei seiner alleinerziehenden Mutter (Luise Heyer) auf. Weil er keine Freunde hat, lässt sich Emil auf eine Mutprobe ein, um so Teil einer Clique Gleichaltriger zu werden. Doch dabei wird ein Bagger zerstört, was die Polizei auf den Plan ruft. Zum Glück steht für ihn eine Berlin-Reise an, bevor ihn die Behörden aufspüren können. Weil der Friseursalon der Mutter unter Wasser steht, muss Emil die Reise zur Oma (Ursula Werner) nach Berlin allein antreten – und zwar im Zug statt im Auto.
Auf der Fahrt begegnet er dem schleimigen Max Grundeis (Merlin Sandmeyer), der ihn mit K.-o.-Gummibärchen betäubt und die 1.000 Euro stiehlt, die Emil bei sich trägt, um seiner Oma ein modernes Smartphone zu kaufen. Doch so leicht gibt sich Emil nicht geschlagen: Am Berliner Hauptbahnhof nimmt er die Verfolgung des Diebes auf und wird dabei bald von Pony Hütchen (Lara Toni Lüdders), dem cleveren Gustav (Kilian Kasa) und anderen Kindern unterstützt.
Wie sehr sich die Zeiten doch verändert haben: Dass ein kleiner Junge allein mit dem Zug fährt und Kinderhorden bis abends durch die Straßen einer Metropole wie Berlin tollen, fühlte sich in den späten 1920er-Jahren völlig normal an. Heute mutet das angesichts von Helikoptereltern und verbreiteter Ängstlichkeit fast schon unwirklich an. Doch das ist eben ein zentrales Element von Erich Kästners Kinderbuchklassiker „Emil und die Detektive“, und wer diesen Roman neu adaptieren will, kommt nicht darum herum, zumindest dieses Grundgerüst zu übernehmen.
David Dietl geht sogar noch weiter – vielleicht auch aus Respekt vor der Vorlage, die so bekannt ist, dass gravierende Änderungen zwar weniger das kindliche Zielpublikum stören würden, deren mit dem Roman vertraute Eltern aber umso mehr: Bis ins kleinste Detail folgt diese Neuverfilmung dem Original. So werden weder altmodische Namen wie Tischbein oder Grundeis modernisiert noch feine Details gestrichen: Dietl behält sogar die kleinen Löcher in den Geldscheinen bei, die am Ende beweisen, dass das Geld tatsächlich Emil gehört.
Warner Bros. Film Productions Germany / UFA Fiction / UFA Mitte / Xiomara Bender
Diese Werktreue hätte bieder und trocken wirken können, doch das Gegenteil ist der Fall. Dietl und sein Team stürzen sich mit großer Lust in das moderne Berlin. Dass sie die Metropole bis zum Klischee überzeichnen und bisweilen wie in einem touristischen Imagefilm inszenieren, lässt das Ergebnis gerade dadurch zu einer treffenden Porträtierung der Hauptstadt werden. Das kommt wiederum den Intentionen Kästners sehr nahe. Schließlich zeichnete sich schon der Originalroman dadurch aus, dass es die soziale Wirklichkeit in einer realistisch beschriebenen Großstadt verortete und eine kindgerechte, umgangssprachliche Sprache nutzte. Genau das schafft Dietl nun auch mit seiner Verfilmung.
Die Odyssee beginnt im Gewusel des Hauptbahnhofs und führt weiter zum Schiffbauerdamm, wo Grundeis in einem Luxusrestaurant speist. Das ist aber nur der Auftakt für eine abwechslungsreiche, bewusst überzeichnete Darstellung des vielfältigen Berlins. Da geht es auch nach Lichtenberg in das vietnamesische Einkaufsparadies Dong-Xuan-Center, das hier gleich noch ein bisschen bunter und exotischer wirkt, als es in Wirklichkeit ist. Das trifft auch auf das Treiben auf der Neuköllner Sonnenallee zu, die mit ihren arabischen Gemüseläden und Barbieren für Besucher aus der Provinz ein beliebtes Fotomotiv darstellt.
Kaum ein Berlin-Klischee wird ausgelassen, und Dietls Bild der Hauptstadt ist ungefähr so realistisch wie das im fast schon legendären Liam-Neeson-Kracher „Unknown Identity“, der wie ein durchgestylter Berlin-Instagram-Account wirkte. Und doch trifft die fast schon satirische Überhöhung oft ins Schwarze: Bei einem Abstecher in eine Bar an der Spree (warum auch immer es Zwölfjährige dorthin verschlagen sollte) spricht das Servicepersonal kein Deutsch – eines jener typischen Erlebnisse im heutigen Berlin. Ebenfalls treffend: Der finstere Grundeis plant als Immobilienhai, die extreme Wohnungskrise in der Hauptstadt eiskalt auszunutzen.
All das wäre jedoch nur schöner Hintergrund, wenn die Kinderdarsteller nicht so überzeugend agieren würden. Auch hier gelingt dem Film ein treffender Querschnitt durch die Berliner Demografie: vom patenten Scheidungskind Pony über die reiche Dienstag (Bela Louis Plass), der die Eltern Kreditkarte und Chauffeur zur Verfügung stellen, bis hin zum lässigen Gustav und Anh (Ai Vy Bui) mit ihren vietnamesischen Wurzeln. Dietl versammelt dabei nicht einfach nur eine bunte Truppe, sondern eine echte Gemeinschaft, der man mit großem Vergnügen bei ihrem Abenteuer in Berlin zusieht. Dabei siegen am Ende natürlich die Kinder über den Ganoven – ganz nach dem Motto: Parole Emil!
Fazit: Mit seiner Neuverfilmung des Erich-Kästner-Klassikers „Emil und die Detektive“ liefert David Dietl einen bunten, überdrehten Kinderfilm ab, der der literarischen Vorlage erstaunlich treu bleibt, sie aber zeitgemäß modernisiert und gekonnt mit den Klischees des heutigen Berlins spielt.