"Blade Runner" in (sehr) doof
Von Thorsten HanischDass „April X“ überhaupt in die deutschen Kinos kommt, dürfte vor allem dem Umstand geschuldet sein, dass Hauptdarsteller Connor Storrie mit der Sportserie „Heated Rivalry“ (bei uns seit Februar 2026 auf HBO Max zu sehen) zum Superstar wurde. Und das ist nicht übertrieben, denn die Verfilmung der „Game Changers“-Buchreihe von Rachel Reid entwickelte sich schnell zu einem globalen Phänomen und sorgte dafür, dass der kanadische Streamingdienst Crave (der die Serie in Auftrag gab) einen Abonnenten-Zuwachs um satte 400 Prozent verzeichnen konnte. Allein in den USA erreichte die queere Eishockey-Romanze über 10,6 Millionen Zuschauer*innen auf HBO Max!
„April X“ erscheint nun hierzulande nach „Heated Rivalry“, abgedreht wurde der Film aber bereits vorher – Regisseur Michael K. Parandi hatte also rein zufällig einen Besetzungscoup gelandet! Tatsächlich ist es auch Connor Storrie, der sich sichtlich bemüht, das Maximum aus dem schwachen Skript herauszuholen. Mit seinem Charisma sorgt er dafür, dass man bei diesem teilweise ganz hübsch gefilmten, aber total uninspiriert daherwabernden Science-Fiction-Thriller zumindest einigermaßen dranbleibt. Denn viel mehr als ein Malen nach Zahlen bekommt man hier nicht geboten. „April X“ orientiert sich vor allem am allseits beliebten Genre-Primus „Blade Runner“ und mengt noch etwas „Strange Days“ bei, bietet aber keine originelle Variation der bekannten Versatzstücke, sondern hakt sie müde ab.
Tiberius Film
Die Story spielt in naher Zukunft in einer Stadt, die im Wesentlichen aussieht wie das Bukarest von heute (gedreht wurde komplett in Rumänien). Kleingauner Bax (Connor Storrie) schlägt sich mit dem Diebstahl künstlicher Körperteile, die er auf dem Schwarzmarkt verhökert, mehr schlecht als recht durchs Leben. Die kleine Wohnung teilt er sich mit seiner Zwillingsschwester April (Veronica Ferres’ Tochter Lilly Krug), die die Fähigkeit besitzt, ihre Träume perfekt zu kontrollieren und digital aufzuzeichnen.
Damit fängt das Drehbuch leider nicht viel mehr an, als sie zum Ziel diverser Hightech-Konzerne und der Unterwelt zu machen, weshalb April dann eines Tages auch plötzlich verschwindet. Ihr Bruder setzt alles daran, sie wiederzufinden, doch die Suche zieht sich über Jahre. Eines Tages sieht er April dann doch – jedoch nicht nur einmal, sondern mehrmals an verschiedenen Orten. Bax muss erfahren, dass seine Schwester zu mehreren Sexworkerinnen geklont wurde...
"Blade Runner" minus Tiefe
Dass das alles gedankenlose Pastiche ist, wird bereits nach wenigen Minuten klar. Parandi, der als Co-Autor auch das Drehbuch mitverantwortete, setzt nicht nur auf ein ähnliches Setting wie „Blade Runner“, er übernimmt zudem dessen Kernfrage, was einen Menschen eigentlich zum Menschen macht – dabei erreicht er aber nicht ansatzweise die Tiefe seines berühmten Vorbildes. Auch Bax ähnelt dem von Harrison Ford gespielten Deckard in seiner Mischung aus mürrisch, gequält und melancholisch auf frappierende Art und Weise. Immerhin gelingt es Storrie, seine Figur mit einer gewissen Sanftheit und Verletzlichkeit auszustatten.
Zu allem Überfluss hat Parandi aber eines der umstrittensten Elemente von „Blade Runner“ übernommen: den eigentlich absolut überflüssigen Off-Kommentar, der Regisseur Ridley Scott einst vom Studio aufgezwungen wurde, um seinen Film den Zuschauer*innen verständlicher zu machen. Die inneren Monologe sind bei „April X“ sogar noch verzichtbarer, da sie Bax dem Publikum nicht wirklich näherbringen – und der völlig unterkomplexe Film schlichtweg keine Erklärungen braucht.
Tiberius Film
„April X“ frühstückt eine Station nach der anderen ab. Kurz nach dem Verschwinden Aprils wird sogar unvermittelt ein Zeitsprung um fünf Jahre in die Zukunft gemacht, der sich aber komplett sinnlos anfühlt. Bax' Haar ist jetzt zwar länger und er trinkt viel Alkohol, aber ansonsten ist alles gleich geblieben. Der wohl angepeilte Ausdruck innerer Verzweiflung verpufft total, da auch dieser Einfall wie reingeklatscht wirkt.
Die generelle Doofheit des Skripts erreicht dann gegen Ende noch mal einen leicht schmierigen Tiefpunkt: Einerseits soll der Sexworker-Twist wohl schockierend wirken, andererseits lassen die Macher die überaus attraktive und als Model für bekannte Mode-Magazine wie Vogue tätige Lilly Krug das letzte Drittel perfekt geschminkt in Lingerie und Pelzmantel bestreiten.
Fazit: Viel „Blade Runner“, ein wenig „Strange Days“: Regisseur und Co-Drehbuchautor Michael K. Parandi bedient sich bei seinen beiden Inspirationsquellen so kopflos wie ein Kind im Süßwarenladen, was zu einem nahezu ungenießbaren Resultat führt. Das einnehmende Auftreten von Hauptdarsteller Connor Storrie und ein paar stimmungsvolle Bilder retten „April X“ vor dem endgültigen Absaufen, ändern aber auch nichts an dem Umstand, dass Parandis Debütfilm schon bald wieder vergessen sein wird – Storrie wird da bestimmt nichts dagegen haben.
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