Ein Bus voller Leben
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Ein Bus voller Leben

Eine Feelgood-Komödie über Krebs? Ja, das geht!

Von Thorsten Hanisch

Es geht um eine der schlimmsten Krankheiten überhaupt: Krebs. Um Ohrenkrebs, Knochenmarkkrebs, Leberkrebs, Lungenkrebs, Eierstockkrebs, Blutkrebs, Brustkrebs und einen Hirntumor. Es geht aber ebenso um Rockmusik und spontane bisexuelle Dreier, und es wird geraucht und ausgiebig gekifft. Kann das gutgehen? Oh ja! Die spanische Produktion „Ein Bus voller Leben“ von Ibón Cormenzana (vor allem als Produzent von Krachern wie „Wie wilde Tiere“ oder „Robot Dreams“ bekannt) reckt dem Krebs einen steilen Mittelfinger entgegen.

Hier gibt's kein Betroffenheitskino mit triefenden Emo-Streichern auf der Tonspur, sondern eine über weite Teile ansteckend lebensbejahende Tragikomödie mit schmissigen Songs, die ein bleischweres Thema erfrischend leicht angeht. Das funktioniert dank eines ausgewogenen Drehbuchs, das perfekt die Balance zwischen Spaß und Ernst hält, und einer sympathischen Besetzung, die eher auf Zurückhaltung als auf große Gesten setzt – und zwar so wunderbar, dass man hinterher kaum glauben kann, dass man soeben einen Film über Krebspatienten gesehen hat.

Andrés (Dani Rovira) träumt vom Rockstar-Dasein – doch eine schreckliche Diagnose verändert sein Leben grundlegend. 24 Bilder
Andrés (Dani Rovira) träumt vom Rockstar-Dasein – doch eine schreckliche Diagnose verändert sein Leben grundlegend.

Andrés (Dani Rovira) ist ein 40-jähriger Musiklehrer aus Madrid, der Songs für einen befreundeten Musiker schreibt, aber eigentlich eines Tages gerne mal selbst auf der Bühne stehen würde. Doch großes Lampenfieber hat ihn bisher vom Rampenlicht ferngehalten. Seine Zurückhaltung ist so groß, dass kaum jemand weiß, dass in Wahrheit er für die Hitsongs seines Freundes verantwortlich ist.

Als er eine neue Stelle in einem baskischen Dorf antritt, bricht er während des Unterrichts plötzlich zusammen und verliert das Bewusstsein. Grund dafür ist ein Krebsgeschwür im Ohr – eine Diagnose, die sein Leben maßgeblich verändern wird. Allerdings nicht ausschließlich wegen der Krankheit: Um regelmäßig zur Behandlung in ein Krankenhaus in Bilbao zu kommen, fährt er bei Mai (Susana Abaitua) mit, die Betroffene kostenlos in ihrem Bus dorthin bringt. Auf diese Weise lernt er weitere Leidensgenossen wie Unai (Pablo Scapigliati), Santi (Antonio Durán „Morris“) oder Manuela (Elena Irureta) kennen und wird Teil einer Schicksalsgemeinschaft, die sich gegenseitig Kraft gibt.

Klingt kitschig, ist es aber nicht

Natürlich lässt bereits das Poster erahnen, dass der introvertierte, grüblerische Andrés und die lebensfrohe, quicklebendige Mai sich am Ende kriegen. „Ein Bus voller Leben“ verläuft relativ gradlinig. Auch der Verlauf von Andrés’ Musikkarriere ist nur milde überraschend. Das ist aber auch nicht der Punkt, denn Cormenzana geht es vielmehr darum, eine Botschaft zu vermitteln, die auch abseits der Krebsthematik nahe am Puls einer Zeit liegt – hier geht es um das Schwinden (und Wiederfinden) von Gemeinschaft.

Eigenbrötler Andrés entdeckt erst durch seine Krankheit den Wert von Zusammengehörigkeit, die sich auch zwischen komplett unterschiedlichen Charakteren (von ganz jung bis ganz alt ist im Bus alles vertreten) einstellen kann. Er erfährt, dass geteiltes Leid tatsächlich halbes Leid ist und große Rockstar-Träume am Ende vielleicht doch nicht so viel wert sind wie das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Das klingt jetzt ziemlich kitschig, aber die große Kunst des Films ist es, eben diese Kitschklippen elegant zu umschiffen.

Erst durch seine Krankheit findet Andrés Menschen, denen er sich wirklich zugehörig fühlt – darunter Busfahrerin Mai (Susana Abaitua), in die er sich verliebt. 24 Bilder
Erst durch seine Krankheit findet Andrés Menschen, denen er sich wirklich zugehörig fühlt – darunter Busfahrerin Mai (Susana Abaitua), in die er sich verliebt.

Der Krebs wird dabei keineswegs verharmlost. Die Auswirkungen der Chemotherapie werden thematisiert und es kommt auch zu einem Todesfall, aber das Drehbuch gibt sich nie der großen Dramatik hin und zwingt Andrés keine Leidenstour auf, an deren Ende Erkenntnisse erzwungen werden müssem. Alles entwickelt sich nahezu beiläufig, mit zum Teil überraschend keckem Humor – so spielt Unai in der Mensa der Klinik seine Krebserkrankung schamlos aus, um die Bedienung dazu zu bringen, ihm entgegen den Vorschriften einen zweiten Joghurt auszuhändigen. Es dürfte wohl auch kaum einen zweiten Film geben, in dem Krebspatient*innen mit derartiger Inbrunst dem Kiffen frönen – und Andrés' und Mais erster Kuss findet vor einer ganz besonderen Kulisse statt.

Fazit: Schweres Thema, federleicht verpackt. „Ein Bus voller Leben“ erzählt vom Tod, wendet sich aber mit einem breiten Grinsen dem Leben zu: Es ist nicht allzu häufig, dass ein Film über Krebs derart entspannt daherkommt – in diesem Bus nimmt man gerne Platz.

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