Kommissar Jennerwein - Hochsaison
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Kommissar Jennerwein - Hochsaison

13 Jahre nach "Dampfnudelblues" bekommt Eberhofer erstmals Kino-Konkurrenz!

Von Jörg Brandes

Rita Falks Krimireihe um den Dorfpolizisten Franz Eberhofer aus dem fiktiven bayerischen Niederkaltenkirchen hat es inzwischen auf zehn Verfilmungen gebracht – und jede davon war erfolgreicher als die vorherige. In der bislang letzten ermittelte der Dorfsheriff mal wieder eher beiläufig in einem „Steckerlfischfiasko“ – und lockte so erstmals mehr als 1,7 Millionen Besucher*innen in die deutschen Kinos. Eberhofers von Jörg Maurer ersonnener literarischer Kollege Hubertus Jennerwein, der ebenfalls im bayerischen Raum tätig ist, hat da noch schwer Nachholbedarf. Von den inzwischen 16 Bänden der Reihe wurde bisher lediglich der erste verfilmt: „Föhnlage“ (2011) mit Martin Feifel in der Hauptrolle war allerdings „nur“ eine TV-Produktion.

Im Fahrwasser der kommerziell so wahnsinnig erfolgreichen Eberhofer-Filme schickt sich nun auch der Kommissar aus dem realen Garmisch-Partenkirchen an, die Leinwand zu erobern. Für das Kinodebüt von Florian Brückner als Jennerwein wurde Maurers zweiter Alpenkrimi „Hochsaison“ ausgewählt. Das Skript, an dem mit Maximilian Brückner der Bruder des Hauptdarstellers beteiligt war, folgt allerdings nicht eins zu eins der Vorlage – und dürfte entsprechend selbst für Romanleser*innen noch ein paar Überraschungen bereithalten. Dabei findet Regisseur Hannu Salonen („Blindspot“) ein stimmiges Maß zwischen augenzwinkernder Skurrilität und ernsthafter Beschäftigung mit dem im Zentrum stehenden Kriminalfall.

Im Gegensatz zu Franz Eberhofer nimmt sein Krimi-Komödien-Konkurrent Hubertus Jennerwein (Florian Brückner) seinen Job als Kommissar absolut ernst! Leonine
Im Gegensatz zu Franz Eberhofer nimmt sein Krimi-Komödien-Konkurrent Hubertus Jennerwein (Florian Brückner) seinen Job als Kommissar absolut ernst!

Beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen stürzt ein dänischer Skiathlet beim Flug von der Olympiaschanze in den Tod. Ein bedauernswerter Unfall? Das meint zumindest Bürgermeister Alois (Cornelius Obonya), der ansonsten keine Gelegenheit auslässt, seinen Assistenten Shan (Florian Thongsap Welsch) zu schikanieren. Doch der aus München zurückgekehrte Hubertus Jennerwein (Florian Brückner), der seinen neuen Posten als Kommissar in seiner Heimatstadt gerade erst angetreten hat, glaubt nicht an die Unfalltheorie. Ihm ist vielmehr, als hätte er einen Schuss gehört. Und so beginnt er mit seinen Leuten – dem Urgestein Johann Ostler (Helmfried von Lüttichau) und dem Pärchen Nicole Schwattke und Ludwig Stengele (Sarah Thonig, Frederic Linkemann) – entgegen dem Willen des Bürgermeisters zu ermitteln.

Kurz darauf taucht ein anonymes Bekennerschreiben auf, das sich direkt an Jennerwein richtet. Es folgen weitere Drohbriefe und Schmähschriften an verschiedene Adressat*innen wie etwa den Bäcker Anton Krusti (Gerhard Wittmann) und das Bestatter-Ehepaar Grasegger (Konstantin Moreth, Sushila Sara Mai). Als dann auch noch auf den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (Florian Odendahl) geschossen wird, geht dem Bürgermeister der Po endgültig auf Grundeis. Anlässlich der Bewerbung seiner Stadt als Austragungsort für die Winterspiele 2038 erwartet Alois eine Investorengruppe. Da kann er solche Scherereien gar nicht gebrauchen! Steckt womöglich Großbauer Willi Angerer (Maximilian Laprell), ein erklärter Gegner der Olympiabewerbung, hinter den Anschlägen?

Spiel mit Bayern-Klischees – aber nicht auf Kosten des Falls!

Wie die etablierte Eberhofer-Reihe lebt auch Kinoneuling Jennerwein ganz gut von reichlich bajuwarischem Flair. Neben dem in Bayern verwurzelten drehbuchschreibenden Trio – außer Maximilian Brückner noch Linus Herbig-Matten und Dinah Marte Golch – trugen sicher auch die vielen Mitglieder des Casts, die in dem Bundesland verortet sind, dazu bei. So kommt es sogar zu direkten Überschneidungen bei der Besetzung: Der jetzt als Bäcker auftretende Gerhard Wittmann spielt in den Rita-Falk-Verfilmungen Franz Eberhofers Bruder Leopold, und Frederic Linkemann ist auch schon in Niederkaltenkirchen gelegentlich als Polizist aufgetaucht.

Da ist es denn auch nicht weiter gravierend, dass Regisseur Hannu Salonen keine enge Bayern-Verbundenheit aufweisen kann. Dafür bringt der gebürtige Finne reichlich Krimi-Expertise mit. Er hat schon viele „Tatorte“ und Folgen anderer Kriminalserien wie „Rosa Roth“ (mit Iris Berben) und „Commissario Laurenti“ (mit Henry Hübchen) gedreht. Fürs Kino hat er zuletzt mit „Adams Acht“ die deutschen Ruderhelden der Olympischen Spiele 1960 in Rom in Szene gesetzt – so wie es jetzt auch in „Hochsaison“ um olympischen Sport geht.

„Sterben, wo andere Urlaub machen“: Aus dem provokanten Werbespruch des Bestattungsinstituts wird bald tödlicher Ernst! Leonine
„Sterben, wo andere Urlaub machen“: Aus dem provokanten Werbespruch des Bestattungsinstituts wird bald tödlicher Ernst!

Anders als bei Eberhofer rückt bei Salonen die Verschrobenheit von Figuren und Story allerdings zugunsten der Lösung des Falles und damit der Spannung etwas mehr in den Hintergrund. Wenn man so will, liegt „Kommissar Jennerwein“ in Sachen Humor und Tiefgang etwa in der Mitte zwischen Wolfgang Murnbergers schwarzen Kriminalgrotesken mit Josef Hader als Simon Brenner („Komm süßer Tod“ und seine drei Fortsetzungen) sowie den leichtfüßigen Krimikomödien um Franz Eberhofer.

Vor allem aus kriminalistischer Sicht hebt sich „Jennerwein“ von der Konkurrenz ab. Anders als der ambitionslose Schlaffi aus Niederkaltenkirchen klemmt sich der Garmischer Cop tatsächlich hinter seinen Job. Florian Brückner, in letzter Zeit im Kino und im Fernsehen als Pumuckls Meister Eder präsent, spielt ihn völlig überzeugend als so eigensinnigen wie wortkargen Analytiker. Dass sein Kommissar an Akinetopsie – einer seltenen, auch Bewegungsblindheit genannten neurologischen Sehstörung – leidet, mag mit dazu beitragen, dass Jennerwein ein Mensch ist, der zum Lachen lieber in den Keller geht.

Nicht jede*r bekommt den nötigen Raum zum Scheinen

Damit bildet er einen guten Gegenpol zum überwiegenden Teil des übrigen Figurenarsenals, das dem Humor mehr zugetan ist. Es gibt in Jennerweins Umfeld freilich so viele Nebencharaktere, dass das Drehbuch nicht allen gerecht werden kann. In Erinnerung bleiben vor allem Cornelius Obonya als schnell hochfahrender Bürgermeister und Eva-Maria Reichert als vom Kommissar hinzugezogene Psychologin Maria Schmalfuß, die mit ihrem Noch-Ehemann (Felix Hellmann) im Clinch liegt. Sie diagnostiziert beim Täter Narzissmus, Medienfixiertheit und Publikumsgeilheit. Ein Schelm, wer dabei an einen gewissen US-Präsidenten denkt.

Fazit: Sterben, wo andere Urlaub machen! „Hochsaison“ ist ein im Großen und Ganzen gelungenes Jennerwein-Leinwanddebüt mit Bayern-Charme und überzeugendem Hauptdarsteller. Kommt es gut an, könnten weitere Auftritte folgen – und dann erhalten hoffentlich auch die Nebenfiguren mehr Konturen.

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