100 Prozent Feel Good, 0 Prozent Kitsch
Von Christoph PetersenEs kommt nicht oft vor, dass ein Titel als Redewendung in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht. Aber genau das ist der französischen Autorin Anna Gavalda passiert, als „Zusammen ist man weniger allein“ 2004 zunächst als Roman erschien und 2007 mit Audrey Tautou und Guillaume Canet fürs Kino verfilmt wurde. Offenbar hat die beschwingte Romantikkomödie einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass der als Regisseur, Autor, Kameramann, Schnittmeister und Produzent in Personalunion agierende Alexander Conrads sein Langfilmdebüt nun nach dem französischen Arthouse-Megahit – mehr als 900.000 verkaufte Tickets allein in Deutschland – benannt hat: In „Zusammen ist man weniger getrennt.“ geht es allerdings nicht um eine Zufalls-WG, welche die verschiedensten Menschen zusammenbringt, die sich ansonsten vermutlich nie kennengelernt hätten …
… sondern um eine Zwangs-WG, welche die meisten Außenstehenden in dieser Form wohl eher als potenziell toxisch beschreiben würden: Nach acht Jahren Beziehung haben sich die mit 34 noch immer auf ihren Durchbruch wartende Kunstfotografin Sophie (Abenaa Prempeh) und der kaum erfolgreichere Schauspieler Jojo (Konstantin Gerlach) schon vor einigen Monaten getrennt. Aber weil er noch Gefühle für seine Ex und sie Angst vor dem Alleinsein hat (sowie eigene Wohnungen angesichts der angespannten Kölner Immobilienmarktlage ohnehin illusorisch wären), leben sie noch immer zusammen und schlafen sogar weiterhin in Löffelchenstellung (aber ohne Sex) im selben Bett. Im Gegensatz zu „Zusammen ist man weniger allein“ vermeidet Alexander Conrads jedweden Kitsch – und wirft stattdessen einen ehrlichen Blick auf die Situation. Dass dabei trotzdem nicht nur eine verdammt lustige, sondern auch leichtfüßig-beschwingte Trennungs-Komödie entstanden ist, gleicht einem kleinen Kinowunder.
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Eigentlich scheinen sich die beiden in ihrer neuen Situation recht komfortabel eingerichtet zu haben. Aber dann kommt Sophies Mutter Barbara (Johanna Gastdorf), die noch nichts von der Trennung weiß, mit einem überraschenden Angebot um die Ecke: Während ihre Eltern bislang nur die Miethälfte ihrer Tochter zahlen, würden sie sogar die kompletten Kosten übernehmen, falls sich Sophie und Jojo doch noch entscheiden sollten, gemeinsam ein Kind zu bekommen.
Ansonsten sollte sich Sophie doch mal um einen festen Job kümmern, wenn das mit ihrer Kunst – neun Jahre nach ihrer Auszeichnung als deutsche Nachwuchsfotografin des Jahres – nicht langsam mal was wird. Und auch Jojos bester Freund Hakim (Amer El-Erwadi) stellt ein Ultimatum: Nach sechs Monaten Rumgeheule soll Jojo endlich bei seiner Ex ausziehen – ansonsten bräuchte er sich auch bei ihm nicht mehr sehen lassen …
Authentisch, aber garantiert kein Problemfilm
Wenn Konstantin Gerlach (ein Snowboarder in „James Bond: Spectre“) und Amer El-Erwadi (ein Huge Fighter in „Dune: Part Two“) in ihren Rollen stolz über Drehtage bei einer der zahlreichen „SOKO“-Serien sprechen oder Hakim sich inbrünstig auf einen Part als pädophiler Priester vorbereitet, weil er dann endlich mal keinen kriminellen Araber spielen muss, spürt man einfach, dass die Schauspielenden in „Zusammen ist man weniger allein.“ sehr genau wissen, wovon sie da sprechen. Aber während es solche Referenzen an die eigene Bubble ja gerade im Indie-Bereich wie Sand am Meer (wenn auch nur ganz selten in dieser Qualität) gibt, ist es vielmehr der hochgradig spezifische Blick auf die Nicht-mehr-Beziehung, der nachhaltig begeistert und berührt.
Man könnte die Antwort sicherlich leicht recherchieren oder auch einfach nur ein Interview mit dem Regisseur zum Film lesen, aber ich persönlich möchte die Antwort eigentlich lieber gar nicht wissen: Nach „Zusammen ist man weniger getrennt.“ würde man jedenfalls Geld darauf wetten, dass Alexander Conrads hier (auch) ganz persönliche Erfahrungen verarbeitet. Denn selbst wenn wir Sophie und Jojo erst nach ihrem Schlussmachen kennenlernen, hat man nach knapp 100 Minuten das Gefühl, das Paar schon die ganzen acht Jahre über gekannt zu haben – und man drückt alle Daumen, dass das mit der richtigen Trennung auch noch hinhaut. Und wenn sich der Autor das alles nur komplett aus den Fingern gesogen hat, dann erst recht Chapeau!
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Aber „Zusammen ist man weniger getrennt.“ ist ja nicht nur ein fein beobachteter Beziehungsfilm, der sich um einen sonst selten verhandelten Schwebezustand dreht, sondern auch eine Komödie – und auch hier beweist Alexander Conrads auf Anhieb ein wahnsinnig gutes Timing. Inszenatorisch verbleibt er zwar auf dem bodenständigen Niveau eines Mumblecore-Kammerspiels, aber in der Zusammenarbeit mit seinen Schauspielenden gelingt ihm Erstaunliches:
Vom Dreh eines Casting-Videos für einen Freizeitpark-Werbespot, bei dem Jojo auf dem Wohnzimmerstuhl so tut, als säße er in einer Achterbahn, bis hin zum Running Gag, dass ihre Mutter jedes Mal genau dann anruft, wenn sich Sophie einen Porno anmacht und gerade mit dem Masturbieren beginnen will, sitzen die Pointen (und keine Sorge, hier gibt es keinen „American Pie“-Cringe, stattdessen wird die Porno-Pause angenehm reif und unaufgeregt aufgelöst).
Fazit: Für alle, die eigentlich gerne einen amüsant-optimistischen Volle-Kanne-Wohlfühlfilm sehen würden, aber bei lebensfremden Klischee-Romantikkomödien das Kotzen bekommen, gibt es mit „Zusammen ist man weniger getrennt.“ jetzt endlich genau den passenden Film. Dafür räumten Alexander Conrads und sein Team beim Festival in Hof völlig zu Recht den Hauptpreis ab.
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