Klara und die Sonne
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Klara und die Sonne

Der gefeierte Bestseller kommt ins Kino!

Von Christoph Petersen

Als Kazuo Ishiguro im Jahr 2017 den Nobelpreis für Literatur erhielt, hob die Schwedische Akademie in ihrer Begründung ausdrücklich seine Fähigkeit hervor, „die Abgründe in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt“ aufzudecken. Und wenn man sich die Verfilmung seines Romans „Alles, was wir geben mussten“ ansieht, versteht man sofort, was damit gemeint ist: Andrew Garfield, Keira Knightley und Carey Mulligan spielen in dem Film aus dem Jahr 2010 Internatsschüler*innen in einem Liebesdreieck, die zugleich ihre jugendlichen Hormone sortieren und als menschliche Ersatzteillager herhalten müssen. Schließlich wurden sie nur geklont, damit später einmal ihre inneren Organe geerntet werden können. Regisseur Mark Romanek beweist dabei eine große Sensibilität für das alltägliche Gefühlsleben seiner Protagonist*innen – und zieht einem im selben Moment mit einer Erweiterung des Blicks auf das große Ganze ihrer Existenz den Boden unter den Füßen weg.

Nun ist Ishiguros 2021 erschienener Bestseller „Klara und die Sonne“ zwar weniger harsch, er bleibt aber trotz des nach kitschiger Bahnhofsliteratur klingenden Titels eine abgründige Dystopie auf den Spuren von Steven Spielbergs „A.I. – Künstliche Intelligenz“. Nur kann man sich nicht sicher sein, ob Regisseur Taika Waititi („Thor 3: Tag der Entscheidung“) das auch mitbekommen hat: Seine Kinoadaption mit „Wednesday“-Superstar Jenna Ortega als titelgebender KI-Androidin wirkt jedenfalls streckenweise, als hätte er nicht unbedingt jede Seite gelesen, sondern stattdessen einen Film gedreht, wie man ihn sich auf Anhieb unter dem Namen „Klara und die Sonne“ vorstellen würde. Oder anders: Da scheint eine ganze Packung Zuckerguss über dem Drehbuch ausgelaufen zu sein. Wobei das zumindest für kitschunempfindliche Nicht-Romankenner*innen am Ende gar nicht so schlimm ist, wie es vielleicht im ersten Moment klingt.

Selbst mit Rabattaktionen hat die Ladenmanagerin (Natasha Lyonne) kaum Hoffnung, ihre spleenige Roboter-KI Klara (Jenna Ortega) noch verkauft zu bekommen. Sony Pictures
Selbst mit Rabattaktionen hat die Ladenmanagerin (Natasha Lyonne) kaum Hoffnung, ihre spleenige Roboter-KI Klara (Jenna Ortega) noch verkauft zu bekommen.

Die Ladenmanagerin (Natasha Lyonne) hat eine gute und eine schlechte Nachricht für ihre menschlichen Roboter, die sich morgens selbstständig in den Schaufenstern als Skifahrer*innen oder Strandurlauber*innen drapieren. Die gute zuerst: Die Sommerferien haben begonnen – und da suchen besonders viele Eltern nach KI-Freund*innen für ihre beschäftigungslosen Kinder, um sie durch die anstrengenden Jahre der Pubertät zu begleiten. Und die schlechte: Genau gegenüber hat ein neuer Megastore eröffnet, dessen neue B3-Modelle alle aussehen, als wären sie gleichzeitig Fitness-Influencer*innen und Instagram-Models. Da hat es ein veraltetes B1-Modell wie Klara (Jenna Ortega) natürlich schwer – zumal sie auch noch andauernd ohne ersichtlichen Grund auf einem Bein herumsteht.

Nur noch drei Tage bleiben ihr, um im Schaufenster aufzufallen – anschließend droht das Einschmelzen. Doch dann das Wunder: Die per Gentechnik zur Hochbegabten gepimpte Teenagerin Josie (Mia Tharia) entscheidet sich tatsächlich für Klara – und das, obwohl ihre Mutter Chrissy (Amy Adams) ihr nachdrücklich zu einem neueren Modell rät. Während sich Josie und Klara in den kommenden Wochen immer mehr anfreunden, wird zugleich klar, dass in dem abgelegenen Landhaus noch etwas Tragisch-Düsteres vor sich geht – und der geheimnisvolle Porträtkünstler Capaldi (Steve Buscemi) scheint etwas damit zu tun zu haben …

Die fantastische Welt der Klara

Obwohl sie im konsequent aus der Sicht der naiven KI-Klara erzählten Roman als Hausfrau und Mutter eingeführt wird (die Familie lebt vom hinterlassenen Vermögen des abwesenden Vaters), ist Chrissy in der Verfilmung eine erfolgreiche und vielbeschäftigte Innenarchitektin. Nun könnte man meinen, dass diese Entscheidung nur fünf Jahre nach dem Erscheinen des Romans vor allem eine Frage des Zeitgeistes sei. Aber vermutlich ging es den Verantwortlichen eher darum, eine logische Erklärung für den Look des Films zu finden:

Bietet die Vorlage noch eine klassisch-graue Dystopie, kommt „Klara und die Sonne“ im Kino plötzlich als retrofuturistischer Ausstattungs-Overkill daher. Das Landhaus ist vollgestopft mit Accessoires im 1950er-Jahre-Stil, während selbst Chrissys autonomes Auto das Aussehen eines Oldtimers hat. Ein wenig wirkt es fast, als hätte „Moonrise Kingdom“-Mastermind Wes Anderson ein merkwürdiges Zwitter-Remake von „A.I. – Künstliche Intelligenz“ und „Die fabelhafte Welt der Amélie“ gedreht.

Josie (Mia Tharia) muss ihre Mutter Chrissy (Amy Adams) erst mal überreden, bis diese einwilligt, Klara zu kaufen. Sony Pictures
Josie (Mia Tharia) muss ihre Mutter Chrissy (Amy Adams) erst mal überreden, bis diese einwilligt, Klara zu kaufen.

Man hat also zumindest immer was zum Gucken, denn der Film ist nicht nur mit detailreich ausgestatteten Sets, sondern auch mit vielen kleinen Sci-Fi-Einfällen gespickt. Jenna Ortega („Beetlejuice Beetlejuice“) geht zudem voll auf in der Rolle der immer optimistischen KI, die ganz naiv die Sonne wie eine Göttin anbetet. Der eigentliche Star bleibt dennoch Newcomerin Mia Tharia („September & July“), die hier alles und jeden locker an die Wand spielt. Aber all das hilft nur bedingt, wenn man das Gefühl nicht loswird, dass Taika Waititi auf die dunkleren Elemente der zweiten Hälfte eigentlich gar nicht so richtig Bock hat …

… und sich stattdessen viel lieber einfach weiter in seinem sonnendurchfluteten Ausstattungs-Kitsch austoben würde. Im Buch geht es darum, durch den Blick der KI etwas über den Kern des Menschseins zu erfahren – aber davon sind im Film kaum mehr als ein paar Kalenderweisheiten übriggeblieben. Und wenn man im Finale eigentlich wie ein Schlosshund losheulen sollte, lässt einen „Klara und die Sonne“ doch enttäuschend kalt.

Fazit: Es wird bis zum Schluss leider nie so ganz klar, ob Regisseur Taika Waititi mit seiner Verfilmung des dystopischen Romanmeisterwerks tatsächlich etwas sagen oder einfach nur den lichtdurchflutetsten Tränenzieher-Wohlfühlfilm des Jahres abliefern will. Man braucht deshalb zwar eine gehörige Portion Kitsch-Toleranz, doch dann bietet „Klara und die Sonne“ trotz seiner tonalen Entgleisungen eine ganze Reihe sympathischer Sci-Fi-Ideen.

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