Look Back
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Look Back

Die Realverfilmung des Manga-Megahits

Von Christoph Petersen

Mit mehr als 280.000 Besucher*innen avancierte der Anime „Chainsaw Man – The Movie: Reze Arc“ im vergangenen Jahr auch in Deutschland zum Kinophänomen. Der titelgebende Teufelsjäger mit seinen Kettensägen-Gliedmaßen ist die populärste Schöpfung des Manga-Künstlers Tatsuki Fujimoto, der 2021 mit dem immens persönlichen One-Shot-Manga „Look Back“ aber ebenfalls einen massiven Erfolg sowohl bei der Kritik als auch bei der Leserschaft. In der Folge entwickelten sich gleich zwei Filmprojekte parallel: Zunächst erschien 2024 der Anime „Look Back“, an dem der Regisseur und Zeichner Kiyotaka Oshiyama – wie seine jungen Protagonistinnen – bis zur körperlichen Erschöpfung arbeitete, um dem rohen, skizzenhaften Stil der Vorlage gerecht zu werden.

Der Lohn: Trotz eines schmalen Budgets und einer Laufzeit von gerade einmal 58 Minuten sorgte eine überwältigende Mundpropaganda dafür, dass sich der Film wochenlang an der Spitze der japanischen Kinocharts halten konnte. Zwei Jahre später folgt nun die ungleich großzügiger budgetierte Realverfilmung – und auch die dürfte sicher wieder einschlagen wie eine Bombe. Der japanische Meisterregisseur und Goldene-Palme-Gewinner Hirokazu Koreeda („Shoplifters - Familienbande“) hat zwar noch nie zuvor einen Manga verfilmt, ist aber berühmt dafür, aus seinen Kinderdarsteller*innen regelmäßig so starke Leistungen wie sonst niemand herauszukitzeln. Das ist auch in „Look Back“ nicht anders – und so ist es ein pures Glück, zwei junge Mädchen bei ihrer unbeirrbaren Zeichenkarriere zu begleiten. Bis das Schicksal gnadenlos-herzzerreißend zuschlägt.

Die selbstbewusste Fujino (Furi Nanase) und die schüchterne Kyomoto (Rokka Okada) werden durch ihre gemeinsame Leidenschaft fürs Manga-Zeichnen zu besten Freundinnen. GKIDS / Goodfellas / K2 Pictures
Die selbstbewusste Fujino (Furi Nanase) und die schüchterne Kyomoto (Rokka Okada) werden durch ihre gemeinsame Leidenschaft fürs Manga-Zeichnen zu besten Freundinnen.

Die Viertklässlerin Fujino (Furi Nanase) ist stolz darauf, pro Ausgabe zwei kurze Manga-Strips für die Schulzeitung zu zeichnen. Allerdings sieht sie auch keinen Grund, sich noch mehr anzustrengen, schließlich ist ihr die Bewunderung aller eh schon sicher. Aber das ändert sich, als ihr Lehrer sie eines Tages fragt, ob sie nicht ausnahmsweise einen der Plätze an eine andere Schülerin abgeben könnte, die zwar offiziell Teil der Schule ist, aber wegen ihrer Phobien das eigene Haus nicht verlässt. Fujino stimmt selbstsicher zu, fragt aber auch nach: „Wenn sie sich nicht mal in die Schule traut, wie soll sie dann Mangas zeichnen?“

Doch dann die Überraschung: Kyomotos (Rokka Okada) Zeichnungen sind sehr viel ambitionierter und detailreicher als die von Fujino, die die „Niederlage“ aber nicht einfach so akzeptiert, sondern den ganzen Sommer über mit Zeichenlehrbüchern über ihren Schreibtisch gebeugt verbringt, um an ihrer Technik zu arbeiten. Doch auch das reicht nicht, um an Kyomoto heranzukommen. Irgendwann völlig frustriert will Fujino ihre Leidenschaft sogar schon aufgeben, als sich die beiden Mädchen schließlich das erste Mal persönlich begegnen. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und einer jahrelangen künstlerischen Partnerschaft …

Soooooooo schön …

Zum Glück haben Filme keine Kalorien, denn die ersten zwei Drittel von „Look Back“ sind so süß, wie eine Geschichte nur sein kann – und das ist absolut nicht negativ gemeint, ganz im Gegenteil: Furi Nanase und Rokka Okada, die auch im realen Leben Klassenkameradinnen sind, haben eine fantastische Chemie zusammen – und ihre nahezu bedingungslose Leidenschaft fürs Zeichnen ist hochgradig ansteckend. Wenn ihre Freundinnen oder ihre große Schwester Fujino davon zu überzeugen versuchen, doch endlich mal von ihrem Schreibtisch aufzustehen, um zum Eiscafé oder zum Karatetraining zu gehen, möchte man sie fast schon mit aus dem Zimmer jagen. Für die Grundschülerinnen gibt es nichts Erfüllenderes, als das nächste Manga-Panel fertigzustellen, und das geht irgendwann auch dem Publikum nicht anders.

Daran ändert sich auch nichts, wenn Fujino und Kyomoto älter werden und fortan von Natsuki Deguchi („Drawing Closer“) und Aju Makita („House Of Ninjas“) verkörpert werden. Die beiden Darstellerinnen haben als Vorbereitung einen viermonatigen Crashkurs im Manga-Zeichnen absolviert, um die Bewegungen bei ihrer leidenschaftlichen Tätigkeit so exakt wie möglich ausführen zu können. Der „Look Back“-Realfilm dauert 40 Minuten länger als der Anime – und viel davon machen die Szenen aus, in denen die Kamera den Mädchen bei der Arbeit über die Schulter schaut. Über die Jahre werden sie immer besser und besser – und mit ihnen werden auch die Methoden immer ausgefeilter. Auch auf den korrekten Sound der raschelnden Bleistifte und kratzenden Füller wurde dabei ganz besonders viel Wert gelegt.

… und soooooooo traurig!

Nach etwa zwei Dritteln gibt es eine Wendung, die nicht nur den Figuren, sondern auch dem Publikum den Boden unter den Füßen wegzieht. Wenn man nicht um die Hintergründe des Mangas weiß, erscheint die plötzliche Katastrophe vermutlich ein Stück weit beliebig (vielleicht sogar unverdient). Aber Tatsuki Fujimoto hat „Look Back“ eben auch als direkte Reaktion auf den tragischen Brandanschlag auf das legendäre Anime-Studio KyoAni im Jahr 2019 verfasst. Er musste es einfach schreiben, um mit der Trauer fertig zu werden – und vermutlich gerade deshalb ist das Verlangen der Figuren, ebenfalls Kunst schaffen zu MÜSSEN, so unglaublich authentisch geraten.

Dieser Verantwortung ist sich auch Hirokazu Koreeda bewusst. „Look Back“ wurde mit einem gewaltigen Extraaufwand über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren hinweg gedreht, um zu allen Jahreszeiten filmen zu können, ohne dabei auf Spezialeffekte zurückgreifen zu müssen. So erinnern besonders die Aufnahmen des kleinen Sees vor dem Städtchen, in dem Fujino und Kyomoto zur Schule gehen, an die alten europäischen Meister – und auch sonst ist „Look Back“ einfach wunderschön, schon als Manga und jetzt auch als Realfilm.

Fazit: Sooo schön und sooo traurig – eine kongeniale Verfilmung des Mangas von „Chainsaw Man“-Mastermind Tatsuki Fujimoto, bei der „Nobody Knows“-Regisseur Hirokazu Koreeda unter anderem erneut beweist, dass niemand besser mit Kinderdarsteller*innen arbeiten kann als er.

Wir haben „Look Back“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.

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