Possible Love
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Possible Love

Der beste Netflix-Originalfilm überhaupt!

Von Christoph Petersen

Als beim Filmfestival in Venedig das Netflix-Logo auf der Leinwand erschien, hat eine Reihe anwesender Journalist*innen kurz gebuht. Das hat sich auf den großen Festivals dieser Welt seit einigen Jahren so eingebürgert, als Statement gegen das Streaming und für das Kino. Natürlich ist das eine eher hohle Geste, schließlich läuft im Anschluss ein Film, den es ohne die Netflix-Kohle vermutlich gar nicht erst gegeben hätte – und dann doch besser so als gar nicht. Aber in diesem Fall tat es trotzdem ganz schön weh, als ich mich beim Rollen des Abspanns daran erinnert habe, dass er ja „nur“ bei Netflix erscheinen wird (dafür immerhin nur zwei Monate nach seiner Weltpremiere). Schließlich ist „Possible Love“ einer dieser Filme, bei denen man schon beim Rausgehen damit beginnt, guten Freund*innen in der Heimat zu schreiben, dass sie ihn sich unbedingt ansehen müssen …

… und zwar auf der großen Leinwand! Immerhin liefert der südkoreanische Meisterregisseur Lee Chang-dong („Poetry“) acht Jahre nach „Burning“, für meinen FILMSTARTS-Kollegen Daniel Fabian nicht weniger als der beste Film der letzten 15 Jahre, auch diesmal wieder ein Werk, das mit seiner Laufzeit von 165 Minuten eine gewisse Ausdauer und Konzentration erfordert, die auf der heimischen Couch womöglich nicht ganz so leicht aufzubringen sind wie in der Stille des dunklen Kinosaals. Aber ich kann auch nicht mehr tun, als euch an dieser Stelle regelrecht anzubetteln: „Macht es bitte trotzdem!“

Zwei Paare im gemeinsamen Kurzurlaub am Meer – aber die Kluft zwischen ihnen scheint dennoch unüberwindbar. Netflix
Zwei Paare im gemeinsamen Kurzurlaub am Meer – aber die Kluft zwischen ihnen scheint dennoch unüberwindbar.

Die Arbeiterin Mi-ok (Jeon Do-yeon) tut alles für ihren Mann Ho-seok (Sul Kyung-gu), der vor zwei Jahren nicht nur seinen Job als Schweißer in einem großen Unternehmen verloren hat, sondern als Reaktion auf einen einfach als illegal erklärten Streik von der Polizei brutal zusammengeschlagen und inhaftiert wurde. Eine Therapie verweigert der wortkarge Ho-seok – und abends bedarf es viel Alkohol, um mit seinen verbliebenen Schmerzen zumindest ein wenig schlafen zu können. Da wird die etwa gleichaltrige Ye-ji (Cho Yeo-jeong) auf das Paar aufmerksam:

Die Independent-Dokumentarregisseurin, die mit dem sehr reichen Sang-woo (Zo In-sung) verheiratet ist, plant einen Film über die Probleme der Arbeiterklasse – und findet gerade mit Mi-ok eine willige Protagonistin, selbst wenn sich Ho-seok zunächst noch querstellt. Die beiden Paare unternehmen auch abseits der Filmaufnahmen zunehmend mehr miteinander, auf ein Abendessen folgt irgendwann sogar ein Kurzurlaub in Sang-woos Familienvilla am Meer. Aber wie weit kann es mit Freundschaft und Solidarität wirklich her sein, wenn am Ende des Tages doch nur eines der Paare mit einem superteuren Porsche-Sportwagen nach Hause fährt …

Weder "Burning" noch "Parasite" - und das ist gut so!

Als Ye-ji beim ersten Treffen in einem Café kurz ihre Tasche stehen lässt, greift Mi-ok sofort zum Handy, um mit einer App den Kaufpreis des Luxusmarken-Lederstücks zu checken. Ganz ohne bösen Hintergedanken, sondern einfach aus purer Neugierde. Es ist eben eine Welt, die sie bisher nicht kannte. So schießt sie auch immer wieder Fotos vom schicken Essen – sogar vom „simplen“ Frühstück, wie es Sang-woo und Ye-ji vermutlich jeden Morgen von ihrer privaten Köchin serviert bekommen. Ye-ji wiederum erklärt ihrem Mann an einer Stelle im Auto, als gute Dokumentarregisseurin „müsse sie die Menschen in ihren Filmen doch lieben“. Schon eine merkwürdige Formulierung, aber zumindest der Titel spricht ja von einer „Possible Love“ („Mögliche Liebe“).

Also irgendwas brodelt hier zwischen den Reichen und den Armen – und wer „Burning“ gesehen hat, könnte da durchaus auf (falsche) Ideen kommen: Schließlich begann dieser ebenfalls als ruhig-elegische Alltagsstudie, um sich erst nach der Hälfte der Laufzeit plötzlich als hochspannender und wahnsinnig intensiver Psycho-Thriller zu entpuppen. Und dann ist auch noch „Parasite“-Star Cho Yeo-jeong mit an Bord. Aber Lee Chang-dong braucht bei seiner unnachgiebigen Stände-Abrechnung gar keinen großen Knall, ganz im Gegenteil. Sein Gespür für Details und Dialoge ist den ganzen Film hindurch bereits derart gnadenlos-genau, dass es auch im Finale nur ein paar kleine Gesten bedarf, um alles noch Nötige auf den Punkt zu bringen.

Lustig, berührend, spannend, mitreißend

Sowieso ist trotz der stolzen Laufzeit kein Moment überflüssig. Selbst wenn man zu Beginn ganz naiv glauben möchte, dass es doch möglich sein muss, dass sich zwischen Menschen mit unterschiedlich dickem Bankkonto eine Freundschaft entwickeln kann, arbeitet Lee Chang-dong mit einer unvergleichlichen Präzision heraus, warum dem wahrscheinlich doch nicht so ist. Dabei legt er übrigens genau die bedingungslose Liebe für seine Arbeiterklasse-Protagonist*innen an den Tag, die man Ye-ji eben vielleicht doch nie so ganz abnimmt. Gerade die Rückblenden zur Zeit des Streiks und des alles beendenden Polizeieinsatzes, nach dem Ho-seok seine ihn im Stich lassenden Kollegen noch mehr verachtet als die prügelnde Staatsgewalt, sprechen hier eine deutliche Sprache.

Dennoch ist der durch die Bank grandios gespielte „Possible Love“ alles andere als ein trockenes Drama. Lee Chang-dong lässt immer wieder einen wunderbar verspielt-trockenen Humor durchscheinen – und auch inszenatorisch packt er in einigen Szenen absolute Wahnsinns-Einfälle aus, die man so wohl niemand anderem zutrauen würde: Dazu gehören selbst solche vermeintlich banalen Momente wie ein kurzes Bad im Meer – oder der (zugegeben ziemlich fehlgehende) Versuch, beim Pinkeln im Stehen das Klo zu treffen. Solche Sequenzen gehen einem danach mit Sicherheit lange nicht mehr aus dem Kopf. Dort würden sie ebenso wie die eingängigen Figuren sicherlich sogar bis ins Jahr 2034 verharren, wenn sich Lee Chang-dong mit seinem nächsten Film wieder so lange Zeit lässt. Aber vielleicht ist ja auch noch etwas von der Netflix-Kohle übrig.

Fazit: Das Jahrhundert-Meisterwerk „Burning“ ist einer dieser Filme, bei denen man sich im Anschluss fragt, was zum Teufel danach eigentlich noch kommen soll. Mit „Possible Love“ und seinem zweiten absolut brillanten Fünf-Sterne-Meisterwerk in Folge liefert Lee Chang-dong eine beeindruckende Antwort.

Wir haben „Possible Love“ beim Filmfest in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.

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