Ein (filmisches) Erbe, das man besser nicht angetreten wäre.
Von Christoph PetersenDer Italiener Bernardo Bertolucci (1941-2018) ist für mich der beste Regisseur aller Zeiten! In der breiteren Öffentlichkeit vor allem bekannt für den Skandal-Klassiker „Der letzte Tango in Paris“ und das Historien-Epos „Der letzte Kaiser“, lag bei mir lange „Der große Irrtum“ an der Spitze, bis ich meinen aktuellen persönlichen Lieblingsfilm „Shandurai und der Klavierspieler“ gesehen habe. Natürlich war ich da ziemlich hyped, als für das diesjährige Filmfestival in Venedig gleich zwei – auf ihre Art absolut spektakuläre – Bertolucci-Projekte angekündigt wurden: Zum einen ist da eine Doku, die von niemand Geringerem als „Challengers“-Regisseur Luca Guadagnino stammt und 435 Minuten dauert.
Und wenn euch 7 Stunden und 15 Minuten schon zu viel Sitzfleisch abfordern, der Titel ist sogar noch länger: „Joie De Vivre. Notes, Thoughts, Words, Reflections, Faces, And Visions Concerning Bernardo Bertolucci And The Cinephilia Of The 20th Century That No Longer Exists“.
Die Doku sehe ich – aufgeteilt auf zwei Tagen – am Ende des Festivals. Schon einige Tage früher hat nun allerdings das Suchtdrama „The Echo Chamber“ im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert. Das Besondere daran: Die Idee zu dem Projekt stammt noch von Bernardo Bertolucci, der gemeinsam mit Ilaria Bernardini bis zu seinem Tod an dem Stoff getüftelt hat.
Die Autorin hat anschließend allein die Arbeit fortgesetzt – und mit dem Italiener Andrea Pallaoro („Hannah“) schließlich auch einen neuen Regisseur gefunden. Aber nach den sich ziemlich ziehenden, kaum Neues bietenden und zum Ende hin sogar unfreiwillig komischen zwei Stunden von „The Echo Chamber“ müssen wir leider sagen: Man kann ein Erbe auch ausschlagen – und das wäre in diesem Fall wohl die bessere Entscheidung gewesen.
Indigo Film
„The Echo Chamber“ ist – wie der Titel schon andeutet – ein Kammerspiel, in dem wir die Wohnung des Protagonisten nie verlassen: Der Musikproduzent Leo (Luca Marinelli) verliert direkt in der ersten Szene nach einer Überdosis Opioiden das Bewusstsein, nur das Eingreifen seiner Freundin Anne (Alicia Vikander) rettet ihm das Leben. Im Anschluss fährt der Film zweigleisig. Zum einen erfahren wir in Rückblenden, wie sich das Paar kennengelernt hat: Anne war Leos Ärztin, die ihn wegen seiner kaum auszuhaltenden Wirbelschmerzen behandelt hat – und sie war es auch, die ihm aus Mitleid die ersten starken Schmerzmittel gegeben und somit den Grundstein für seine Sucht gelegt hat.
Zum anderen begleiten wir Leo dabei, wie er sich nach 87 tablettenfreien Tagen durch den Alltag quält. Er war es, der die längst in den Ruhestand getretene Sängerin Ava (Susan Sarandon) davon überzeugt hat, doch noch ein Album aufzunehmen. Aber kriegt er das wirklich hin, ohne seine Schmerzen künstlich unterdrücken zu können? Parallel dazu schleicht sich Anne tagsüber, wenn Leo unterwegs ist, heimlich in seine Wohnung. Ihre Schuldgefühle sind offenbar zu groß, um ihm persönlich zu begegnen, aber loslassen kann sie ihn auch nicht. So nehmen sich die beiden nur noch als das titelgebende Echo voneinander wahr …
Es gibt zumindest eine wirklich gelungene Szene. Als Leo Anne sagt, er hätte sie vermisst, küsst sie ihn als Reaktion nicht nur, sie greift im selben Moment in ihre Hosentasche, um die Tabletten für ihn herauszuholen. Ihr ist klar, dass er schon auch „sie“ als Mensch meint, aber eben zugleich auch „sie“ als Erlöserin von den ständigen Schmerzen. Nun fällt es vielleicht nicht ganz leicht zu glauben, dass sich ausgerechnet „Ex Machina“-Star Alicia Vikander ihren Weg in eine Liebesbeziehung mit illegalen Schmerzmitteln „erkaufen“ muss, aber gerade diese totale Selbstverständlichkeit des automatischen Griffs zu den Pillen ist wirklich erschreckend.
Nur gibt es von solchen Momenten leider viel zu wenige. Die musikalische Arbeit am neuen Album ist trotz der herrlich verrauchten Stimme von Susan Sarandon („Rocky Horror Picture Show“) ebenso banal wie dröge. Zudem wirken weder die suchtdominierten romantischen Scharmützel noch der spätere Widerstand gegen die Versuchung, wieder in alte Muster zurückzufallen, irgendwie frisch oder auch nur glaubhaft. Dasselbe gilt auch für die ja auf dem Papier geradezu tragisch-manische Verliebtheit, die dann doch die ganze Zeit nur auf Sparflamme köchelt.
Gerade die Rolle von Alicia Vikander bleibt bis zum Schluss eine einzige Leerstelle – was aber zumindest zu einigen Inszenierungseinfällen passt: Diego García, der bereits mit solchen Meisterregisseuren wie Yorgos Lanthimos („Nimic“) und Apichatpong Weerasethakul („Cemetery Of Splendor“) gearbeitet hat, verleiht der Wohnung mit seinen analogen 4:3-Bildern eine klaustrophobische Enge. Und manchmal werden sogar zwei Aufnahmen so übereinandergelegt, dass Alicia Vikander wie ein halb verblichener Geist durch die Räume schleicht.
Und dann gibt es eine Viertelstunde vor Schluss auch noch eine völlig unverdiente, aus dem Nichts kommende Wendung, die „The Echo Chamber“ für die verbliebenen Minuten noch mal auf ein ganz neues Gleis setzt. Es sollte eine große tragische Wendung sein, die Andrea Pallaoro dann auch passend mit einer langen Plansequenz aus dem Fenster heraus einläutet – einem der ganz wenigen Momente, in denen wir aus der Wohnung schauen, selbst wenn wir sie nie verlassen. Aber zumindest in meiner Pressevorstellung in Venedig haben in diesem Moment viele einfach nur noch erstaunlich laut gelacht.
Fazit: Natürlich klingt es spektakulär, wenn acht Jahre nach seinem Tod plötzlich doch noch ein Drehbuch von Kinolegende Bernardo Bertolucci verfilmt wird. Aber dieser Umstand macht es nur noch schmerzvoller, dass das Ergebnis wirklich kaum der Rede wert ist.
Wir haben „The Echo Chamber“ beim Filmfestival in Berlin gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.