From Inside Out – Die Architektur von Peter Zumthor
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
From Inside Out – Die Architektur von Peter Zumthor

So geht 3D richtig!

Von Janick Nolting

Wim Wenders („Perfect Days“) gehört zu den wenigen Filmschaffenden, die mit 3D immer noch etwas Interessantes anzufangen wissen. Die rund um den „Avatar“-Boom ausgelöste Aufbruchstimmung ist ja inzwischen ohnehin etwas eingeschlafen, oft genug fungiert 3D nur noch als mittelprächtiges Gimmick, um die Ticketpreise mit einem saftigen Aufschlag versehen zu können. Aber es geht eben auch anders! Wenders’ 3D-Filmen merkt man an, dass sich der Goldene-Palme-Gewinner (für „Paris, Texas“) genau überlegt hat, wie man die Stereoskopie als essenziellen Teil der Filmerfahrung nutzen kann. Im dokumentarischen Bereich ist „From Inside Out – Die Architektur von Peter Zumthor“ der nunmehr dritte abendfüllende 3D-Kinofilm von Wenders – und selbst wenn man ihn sich natürlich theoretisch auch in 2D ansehen könnte, würde der Zauber damit wohl verloren gehen.

Nach „Pina“ und „Anselm“ handelt es sich dabei wieder um Kunst über Kunst, einen hybrid zusammengebauten Essay, der das Medium Film mit anderen Formensprachen in Dialog treten lässt. Diesmal befasst sich Wenders, wie bereits der Titel verrät, mit dem 1943 geborenen Schweizer Architekten Peter Zumthor, mit dem er bereits 2013 gemeinsam am Kurzfilm „Notes From A Day In The Life Of An Architect“ für die Biennale in Venedig arbeiten konnte. Zumthor hat in seiner langjährigen Karriere zahlreiche eindrucksvolle Bauwerke und Räume entworfen, darunter etwa die Therme in Val, die Feldkapelle Bruder Klaus im nordrhein-westfälischen Wachendorf oder auch die David Geffen Gallerie des Los Angeles County Museum of Art. Deren Konstruktion und Neubau bildet nun den finalen Höhepunkt in diesem an herausragenden Stationen nicht armen Film.

Räume über Räume, von innen und von außen

Wim Wenders hat sich also mal wieder auf Reisen begeben und bleibt insofern seiner Marke treu. Er bewegt sich neugierig von Ort zu Ort und durch verschiedene Länder, um all die Gebäude zwischen Kunst und Funktionalität zu betrachten, ihren Reiz zu erforschen und sie filmisch zu inszenieren. Wie in den bisherigen 3D-Dokumentarfilmen des Regisseurs gelingt ihm dabei ein ungemein beeindruckendes Spiel mit der schieren Präsenz und Aura der Objekte, Fassaden, Bauteile, der drapierten Menschen und Landschaften. Das sind plastische, taktile Aufnahmen, die die Materialität der Dinge ins Visier nehmen, darunter immer wieder die typischen Schichtungen in den Bauwerken des Architekten, die Zumthor selbst mit einem Gewebe vergleicht.

„From Inside Out“ wäre auch eine interessante Bezeichnung für das Kino, das Wenders auf seine räumlichen Eigenarten befragt. Die Fläche der Leinwand wird zum Raum, der Raum zur Fläche, die Wahrnehmung einmal umgekrempelt und neu gekoppelt. Wenders lässt sein Publikum durch architektonische Öffnungen und das Fenster der Leinwand blicken und setzt es zugleich der Illusion aus, selbst Teil dieser fremden Räume zu werden, in sie eintreten zu können. Besonders verstärkt durch den 3D-Effekt.

Peter Zumthor schaut in eine seiner Bauten hinein – und gerade in 3D kommen die Überblendungen von realen Gebäuden zu papierenen Modellen besonders spektakulär rüber. DCM
Peter Zumthor schaut in eine seiner Bauten hinein – und gerade in 3D kommen die Überblendungen von realen Gebäuden zu papierenen Modellen besonders spektakulär rüber.

Hier gibt es keine hastigen Schnitte oder schnellen Bewegungen, wie man das heute oft bei nachkonvertierten Hollywood-Blockbustern erleben kann. Stattdessen lassen Wenders und seine Kameraverantwortlichen Franz Lustig und Sebastian Cramer dem Publikum ausreichend Zeit, sich in diese Raumbilder zu versenken, Weiten wie Tiefen auszukosten, auf Gebirge und Täler sowie auf die gigantischen Bauwerke zu schauen. Oder man verliert sich in so faszinierenden Einstellungen wie der einer Glasfassade, hinter der man den Architekten sieht, während sich Bäume in der Fensterfront spiegeln und den ausgeblendeten Raum zum Erscheinen bringen.

Das ist visuell extrem imposant geglückt! Auch dann, wenn die Kamera im Thermalwasser knapp über der Oberfläche treibt, von Angesicht zu Angesicht mit den schwimmenden Gästen, während die überwältigenden, aufgeschichteten Wände dahinter in den Himmel ragen. Oder wenn die Kamera gemeinsam mit der Autorin Siri Hustvedt das Innere des norwegischen Hexenmahnmals in Vardø betritt, wo der Wind schaurig durch die Öffnungen heult und die Wände bedrohlich wackeln und vibrieren.

Im Museum mit Werner Herzog

„From Inside Out“ schwächelt allerdings immer dann, wenn sich der Film nicht mehr auf solche kontemplativen Momente und Eindrücke allein verlässt. Er scheint sich selbst nicht so ganz über den Weg zu trauen, ob seine architektonischen Besichtigungen und die Aufnahmen von innen und außen an sich schon abendfüllend sind und den Film tragen. Also versucht er sich an Überleitungen und Zwischenspielen. Alte Archivbilder und prominente Gastauftritte gehören dazu. Neben Siri Hustvedt tritt etwa der Filmemacher Werner Herzog („Bucking Fastard“) im Kunstmuseum auf. Eine charmante Überraschung!

Dazu gibt es immer wieder Szenen, die irgendwo an der Schnittstelle von Dokumentar- und Spielfilm changieren. Sie theatralisieren den Raum, füllen ihn mit menschlichem Leben, etwa mit Gesängen, Musikinstrumenten oder auch einer tänzerischen Einlage vor einer Glasscheibe. Dazu erklingt wiederholt ein Stimmengewirr, gern auch im mysteriösen Flüsterton.

Bei Wim Wenders spukt es wieder

Wenders interessiert sich, wie schon in früheren Arbeiten, ebenso für das Gespenstische dieser Räume, in denen er Zeiten überblendet. Einmal lässt ein altes Familienfoto aus dem frühen 20. Jahrhundert ganz bildhaft halbdurchsichtige Gespenster durch ein Haus spuken. Wohlwollend könnte man also sagen: Es ist immer was los bei Wenders. Man kann selten sagen, was er als Nächstes zeigen wird, welche Ideen er noch auspackt, um seine Zumthor-Studie auszuschmücken und Menschen und Gebäude miteinander kommunizieren und performen zu lassen. Auch abseits der Wohnräume und Wohnhäuser, die er besucht.

So spielerisch das anmutet, so oft birgt es aber leider auch eine gewisse unfreiwillige Komik in seiner Schwere und pathetischen Träumerei – gerade in dem fragmentarischen Charakter, der weder einen näheren Bezug zu den auftretenden Gestalten und Lebensrealitäten noch genügend Raum für einen echten ästhetischen Eigensinn dieser kurzen Szenen erlaubt. Wenders scheint nicht nur nach dem Elementaren und Innersten, sondern auch nach dem Verwunschenen und Seltsamen zu suchen, das sich der reinen Materie, dem menschlichen Bau und Talent widersetzt oder entzieht. Seine umherwuselnden menschlichen Protagonist*innen werden Spiegel dieser Suche, aber er lenkt damit zu oft von dem eigentlichen Star seines Films ab.

Die Biografie von Peter Zumthor kommt sehr kurz

Daher ist besonders schade, wenn sich mitunter der Eindruck einstellt, dass „From Inside Out“ Peter Zumthor als Person recht oberflächlich erforscht. Über sein Leben erfährt man beispielsweise kaum etwas. In seinem Anselm-Kiefer-Porträt ist es Wenders zuletzt vergleichsweise besser gelungen, zwischen Kunstbetrachtung und Künstlerbiografie zu vermitteln und so einen Zugang zu dem Lebenswerk zu schaffen. Wenngleich auch dieser Film etwas mit all seinen inszenatorischen Abschweifungen zu kämpfen hatte. Dieses Mal scheint der Anblick der Bauten zu erschlagend, die Fülle an Stationen zu groß zu sein, um sich bei alldem nicht irgendwann zu verzetteln.

Fazit: Wim Wenders fährt wieder beeindruckende 3D-Bilder auf, die die Wucht und Atmosphäre der architektonischen Räume von Peter Zumthor spürbar werden lassen. Man will danach am liebsten direkt selbst zu diesen Orten reisen, was wohl das größte Kompliment ist, das man dem Film machen kann. Auch wenn „From Inside Out“ als Künstlerporträt letztlich zu sprunghaft bleibt.

Wir haben „From Inside Out – Die Architektur von Peter Zumthor“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Programms außer Konkurrenz seine Weltpremiere gefeiert hat.

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