Zweimal mit Bier, einmal ohne
Von Jochen Werner„The Day He Arrives“ ist der Titel eines Films aus dem Jahr 2011, inszeniert vom südkoreanischen Filmemacher Hong Sang-Soo. Dieser erzählt darin, wie so oft, von einem Filmregisseur. Allerdings von einem, der keine Filme mehr macht. In drei Variationen auf denselben Abend tut er stattdessen das, was Männer in Hongs Filmen eben so tun: in Restaurants und Kneipen sitzen, über die Liebe, das Leben und die Kunst schwadronieren, sehr viel Alkohol trinken und Frauen angraben – meist vergeblich, siehe: „sehr viel Alkohol trinken“.
Der Titel von Hongs neuestem Film – tatsächlich dem dreiundzwanzigsten, den dieser überaus produktive Vielfilmer in den anderthalb Jahrzehnten seither fertiggestellt hat – nimmt sich nun wie eine Variation auf sein früheres, so melancholisches wie lustiges und elegantes Meisterwerk aus. Dass es in „The Day She Returns“ um eine Rückkehr geht und nicht etwa um eine Ankunft, ist eine Verschiebung eher kosmetischer Natur – denn im Grunde sind nahezu alle Protagonisten in Hongs Filmen Zurückkehrende. Oft Gescheiterte, deren einst vielversprechende oder von vornherein traumtänzerische Karriere bloß noch im sojuschwangeren Großsprech einen kümmerlichen Anschein aufrechtzuerhalten sucht. Künstlerdarsteller, die in ihre alte Heimat zurückkehren, weil dort noch niemand mitgekriegt hat, dass ihr intellektueller Glamour längst zur Pose geronnen ist.
Jeonwonsa Film Co
In „The Day She Returns“ bekommen wir es allerdings mit einer Protagonistin zu tun – einer Schauspielerin (gespielt von Hong-Stammdarstellerin Song Seon-mi), die nach zwölfjähriger Karrierepause und einer Scheidung vom Vater ihrer Tochter erstmals wieder eine Rolle angenommen hat. In einem Independent-Film. Warum denn auch nicht? Dieser namenlos bleibenden Schauspielerin begegnen wir bei einem Pressetermin in einem deutschen Restaurant. Hier wird sie in drei aufeinanderfolgenden, nummerierten Episoden von drei jüngeren Journalistinnen interviewt.
Erneut nutzt Hong das in seinem Werk allgegenwärtige Stilmittel der Wiederholung und Variation. Running Gags ergeben sich, wenn die allzu stereotype Schlussfrage in jedem Interview wieder mit demselben Gemeinplatz beantwortet wird. Und gleichwohl entwickelt sich in jedem Gespräch eine eigene Dynamik, die es der Protagonistin erlaubt, auf je individuelle Weise verlässlich aus dem durch die förmliche Situation gesetzten Rahmen zu fallen. Dabei weiß sie eigentlich schon nach dem ersten Interview: Vielleicht habe ich da zu viel erzählt.
Immerhin hat aber gerade die erste Journalistin das – ebenfalls zum Running Gag ausgebreitete – Angebot, man könne doch auch ganz unförmlich miteinander ein Bier trinken, noch abgelehnt. Sehr zum Unmut ihrer Gesprächspartnerin, auch wenn die mit wie stets bei Hong nicht ganz perfekt eingeübter Höflichkeit versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Das deutsche Bier, das es vor Ort vom Zapfhahn gibt, sei ganz vorzüglich, merkt sie immer wieder an, und die zweite wie auch die dritte Reporterin lässt sich dann auch gern überzeugen.
Der Alkohol spielte in Hongs Kino schon immer eine herausragende Rolle, als Zungenlöser, der jede mühevoll aufrechterhaltene Fassade spätestens im Vollrausch zum Einsturz bringt. Über Jahrzehnte und etliche Filme hinweg war es die koreanische Spirituose Soju, die eigentlich alle Hong-Protagonisten in beträchtlichen Mengen konsumierten. Seit einigen Filmen jedoch sind sie bedeutend diverser in ihrem Trinkverhalten geworden – und auch softer: vom harten Stoff zum Bier oder dem bierartigen Reisgetränk Makgeolli. In „The Day She Returns“ ist es das gute alte Münchner Hofbräu-Bier, doch die Protagonistin muss sich auch zurückhalten – der guten Figur wegen, die sie zum Comeback benötigt. Aber auch gesundheitliche Gründe spielen eine Rolle, wie sich überhaupt Hong in seinen jüngeren Filmen immer wieder den schweren Themen um Krankheit, Tod und dem unaufhaltsamen Schwinden der Sehkraft annähert.
Eigentlich würde die gesprächige Protagonistin aber doch weiterhin ganz gern, so wie früher, jeden Tag trinken, wie sie einer ihrer Interviewerinnen preisgibt. Hätte sie ihre Tochter nicht, sie wäre wohl Alkoholikerin, und am liebsten würde sie sich oft in eine Ecke setzen, den ganzen Abend still vor sich hin trinken und mit niemandem sprechen.
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In jedem der drei Gespräche gibt es diese Momente, wo etwas aus der Protagonistin herausbricht, was sie eigentlich lieber nicht erzählen würde. Über ihre Scheidung, über den Alkohol, darüber, dass sie die meisten Menschen im Grunde nicht ausstehen kann. Letzteres zieht sie zurück, wofür sind denn schließlich autorisierte Interviews da. Und am Ende verleiht Hong der ganzen Versuchsanordnung aus Schein und Sein, Variation und Wiederholung dann nochmal einen Extradreh, wenn er seine Protagonistin in die Schauspielschule schickt, wo sie das soeben Erlebte – beziehungsweise die Version, die ihr davon in Erinnerung geblieben ist – in einem Skript für eine kleine Spielszene niederschreiben und mit einer anderen Schülerin ausagieren lässt.
Das Ergebnis ist erneut: Wiederholung und Variation, mal erinnert, mal geschönt, mal ganz neu zusammenfabuliert, und die Szene, die Hong daraus konstruiert, ist teilweise tieftraurig und die ganze Zeit über schreiend komisch. Unsere Erinnerung, das ist das Drehbuch, das wir uns über uns selbst fortwährend verfassen, und was uns nicht ins Selbstbild passt, schreiben wir halt um. Und so richtig pompöser Blödsinn kommt eigentlich immer nur dann dabei heraus, wenn wir versuchen, dem ganzen Unfug einen Sinn oder gar Poesie abzuringen. Denn dann kommen wir ins Stocken und verhaspeln uns im Skript unseres eigenen Lebens.
Fazit: Mit „The Day She Returns“ liefert der südkoreanische Meisterregisseur Hong Sang-soo einen weiteren seiner großen, kleinen Filme ab, gleichermaßen traurig-melancholisch wie schreiend komisch. Darauf ein Hofbräu-Bier. Vom Fass.
Wir haben „The Day She Returns“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion Panorama seine Weltpremiere gefeiert hat.