Ein Hollywood-Star entschuldigt sich
Von Lutz GranertMit Millionen auf dem Konto setzte er sich zu einem Obdachlosen, dem er nicht nur Essen und Getränke bezahlt, sondern mit dem er auch ein langes Gespräch beginnt. In der U-Bahn gibt er seinen Sitzplatz für eine ältere Dame frei – und einen Teil seiner Gage für „Matrix“ reicht er an die (später für ihre Arbeit oscarprämierte) Spezialeffekt-Crew weiter. Solche und ähnliche Geschichten über die Gutmütigkeit und Bodenständigkeit von Keanu Reeves sind schon lange im Umlauf. Auch in Interviews tritt der allürenfreie Hollywood-Star stets bescheiden auf, was ihn nur noch sympathischer macht. Da würde ihm doch bestimmt niemand etwas Böses wollen – oder doch?
Der Titelheld der „John Wick“-Reihe war für Jonah Hill („Mid90s“) genau deshalb die Idealbesetzung für die Hauptrolle seiner um einen Erpressungsversuch kreisenden Hollywood-Satire, die zugleich als Metapher für das Heischen nach Aufmerksamkeit in den sozialen Medien zu verstehen ist. Aber obwohl sich in seinem Drehbuch zu „Outcome“ viele augenzwinkernde Gags über die Abgründe des Showgeschäfts als durchaus treffsicher erweisen, fehlt es der Apple-TV-Produktion trotz kurzer Laufzeit und hochkarätigem Cast bisweilen an Tempo und Substanz.
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Fünf Jahre nach seinem letzten Film lebt der Hollywood-Star Reef Hawk (Keanu Reeves) zurückgezogen in seiner Villa am Strand von Malibu. Seine zwischenzeitliche Heroin-Sucht konnte er mit der Unterstützung von Kyle Applebaum (Cameron Diaz) und Xander Alexander (Matt Bomer), seinen besten Freunden aus Kindheitstagen, erfolgreich geheim halten.
Als Reef mit einem ominösen Video erpresst wird, vermutet sein Star-Anwalt Ira Slitz (Jonah Hill) dahinter eine Racheaktion. Deshalb soll Reef alle Menschen abklappern, die er in der Vergangenheit verärgert haben könnte – und sich vorsorglich bei ihnen entschuldigen. Dabei entpuppt sich der Entschuldigungs-Dauerlauf als erstaunlich wirkungsvolle Form der Selbsttherapie …
Die Filmografie von Jonah Hill („Moneyball“, „The Wolf Of Wall Street“) wird bereits von allerlei überdrehten Charakteren bevölkert. In „Outcome“ hat er sich trotz eines völlig veränderten Erscheinungsbilds (Glatze mit grauem Vollbart) einen weiteren dieser auf Dauer potenziell ganz schön anstrengenden Parts auf den Leib geschrieben. Als ultrabeschäftigter Star-Anwalt erteilt er dem verunsicherten Reef noch beim „großen Geschäft“ auf dem Klo bierernst gute Ratschläge.
Oder er stellt in der Manier von Box-Ansager-Legende Michael Buffer die Expert*innen seiner Kommission für (mögliche) rassistische oder frauenfeindliche Vergehen vor. Das ist schon eine offensiv-alberne Witzfigur. Umso mehr lohnt ein Blick auf die Einrichtung seines riesigen Büros: Da finden sich etwa gerahmte Poster von Prominenten, die ebenfalls schon Sex-Skandale hinter sich haben – und auf einem Auto-Aufkleber wird gefordert, die „Kunst von Künstler zu trennen“. Im Hintergrund verbergen sich also die deutlich subtileren Gags.
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Vor allem bei der Darstellung des überhitzten Lebensstils in Beverly Hills sowie den vielen hochkarätigen Gastauftritten auf Reefs Entschuldigungs-Marathon trifft „Outcome“ humoristisch oft ins Schwarze. Besonders die Vermischung von Realität und Fiktion sorgt dabei immer wieder für hintergründige Belustigung. Die sich selbst verkörpernde Drew Barrymore offeriert Reef etwa vor Beginn ihrer Talkshow, dass sie ihn eigentlich gar nicht leiden kann.
In Wahrheit ist das natürlich ganz und gar nicht der Fall: Barrymore und Reeves kennen sich bereits seit dem Dreh zu „Abenteuer im Spielzeugland“ (1986), als er mit ihr zum 16. Geburtstag zu einer Motorrad-Tour aufbrach. Außerdem trifft sich der ehemalige Kinderstar Reef mit seiner Mutter (Susan Lucci), um über seine verlorene Jugend zu diskutieren, während die Fernsehkameras für ihre persönliche Reality-Show alles aufzeichnen. Das Mutter-Sohn-Gespann wird einmal sogar gebeten, eine Szene doch bitte nochmal zu wiederholen.
Das Wiedersehen mit seinem ehemaligen Manager Red Rodriguez (Filmemacher-Legende Martin Scorsese, der mit seiner Produktionsfirma Sikelia Productions einen mehrjährigen Exklusiv-Deal mit Apple TV abgeschlossen hat) gerät ebenfalls denkwürdig, wenn im Laufe des Gesprächs die scheinbar selbstverständliche Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit der Unterhaltungsbranche kritisch zur Sprache gebracht wird.
Gerade in den eher nüchtern inszenierten Dialogpassagen fehlt Regisseur Jonah Hill jedoch etwas das Gespür für Timing: Mit dem Verzicht auf eine Musikuntermalung geraten diese Szenen etwas zu gedehnt und wenig ergiebig. Nie kommt in der bemühten Ruhe eine dichte Atmosphäre auf. Zum Glück macht Keanu Reeves, der zuletzt auch wieder in „Good Fortune“ sein komödiantisches Talent unter Beweis stellte, hier den Unterschied: Er spielt den nachdenklichen und manchmal etwas unbedarften Hollywood-Star ebenso authentisch wie liebenswert, was „Outcome“ trotz gelegentlichen Leerlaufs über den Durchschnitt hebt.
Fazit: In seinen besten Momenten rechnet „Outcome“ erfrischend augenzwinkernd mit den Schattenseiten des Ruhms ab und hält Hollywood den Spiegel vor. Insgesamt fehlt es den teils nur sehr lose verbundenen Episoden aber trotz großartigem Star-Aufgebot an Substanz – da hat die ebenfalls für Apple TV produzierte und auch mit einem Gastauftritt von Martin Scorsese gesegnete Serien-Parodie „The Studio“ einfach noch eine ganze Ecke mehr zu bieten.