Mr. Nelson, Did You Kill People?
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Mr. Nelson, Did You Kill People?

Einer der seltenen Filme, die das Prädikat Anti-Kriegsfilm wirklich verdienen!

Von Janick Nolting

Der japanische Kultregisseur Shinya Tsukamoto hat die filmischen Extreme nie gescheut. Schließlich sprechen wir von dem Künstler, dessen Karriere unter anderem mit dem völlig abgefahrenen Cyberpunk-Albtraum „Tetsuo: The Iron Man“ begann. Über die Jahre hat er seine Figuren und sein Publikum anschließend wiederholt in Grenzerfahrungen und an den Rand der Überwältigung getrieben, wenngleich mit schwankender Intensität. Auch in „Mr. Nelson, Did You Kill People?“ ist Tsukamotos Hang zur Drastik und Reizüberflutung noch deutlich spürbar, wenn er sich ein weiteres Mal den Dimensionen und Folgen von Kriegen nähert. Es ist sein vierter historischer Stoff in Folge, allerdings sein erster in englischer Sprache. Gleich am Anfang prescht Tsukamotos neuer Film mit wuchtiger Energie, aber auch einer großen Verletzlichkeit voran. Sein Protagonist Allen Nelson (Mark Merphy) erwacht schweißgebadet im Dreck. Konservendosen überall, eine halb abgebrannte Kerze. Eine Ratte sucht Nahrung.

Allens Gang durch die Stadt wird zum Spießrutenlauf: Der Ruf einer Nachbarin oder ein Hupen im Straßenverkehr schallen derart laut, dass man gemeinsam mit der Figur regelrechte Schocks erlebt. Bei einer Panikattacke tanzt und flackert grelles Licht auf der Leinwand. Allen flieht unter ein Auto. Der Afroamerikaner leidet, wie schnell deutlich wird, an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er hat als Soldat in Vietnam gekämpft. Nun ist er auf sich allein gestellt, ein verwahrloster und geplagter Außenseiter, dessen Trauma gesellschaftspolitisch lieber verdrängt werden soll. Als ihn eine ehemalige Mitschülerin aufgabelt, überredet sie ihn, seine Erfahrungen mit einer Schulklasse zu teilen. Hitze, Tiere und ein paar andere Schlagworte stammelt er vor den Kindern zusammen. Doch dann folgt die zentrale Frage eines kleinen Mädchens: „Mr. Nelson, haben Sie Menschen getötet?“

Nelson (Rodney Hicks) braucht Jahrzehnte, um die Eindrücke aus Vietnam (inklusive seiner eigenen grausamen Taten) halbwegs zu verarbeiten. Kinoshita Group
Nelson (Rodney Hicks) braucht Jahrzehnte, um die Eindrücke aus Vietnam (inklusive seiner eigenen grausamen Taten) halbwegs zu verarbeiten.

Shinya Tsukamoto verfilmt hier das Leben eines Mannes, der tausendfach öffentlich über seine Kriegserfahrungen gesprochen hat. Der Regisseur stieß laut eigenen Aussagen während der Vorbereitung des Kriegsfilms „Fires On The Plain“ auf Nelsons Geschichte. Aber der Weg bis zu all den öffentlichen Auftritten war für den Protagonisten die reinste Qual, wie Tsukamoto uns rund zwei Stunden lang demonstriert. Der Filmemacher wählt dafür eine nicht-lineare Form. Er springt zwischen den Zeiten und zeigt, wie Nelson immer wieder von seinen Taten heimgesucht wird. Er verfolgt, wie Nelsons Familienleben im Häuslichen strauchelt und er sich davor fürchtet, den Horror der Elterngeneration zu wiederholen und der Nachwelt aufzubürden.

Zusammengehalten werden die Erzählebenen von Therapiestunden. Nachdem Nelson bei Panikattacken selbst seine eigene Frau gewürgt hat, trifft er sich mit dem Therapeuten Dr. Daniels und der Film kann sich dabei auf zwei ganz starke Charakterdarsteller verlassen: Rodney Hicks, der den älteren Nelson spielt, und Geoffrey Rush. Hicks verkörpert den tief sitzenden Schmerz mit gepresstem, unsicherem Sprechen, mit glasigen Augen, aber auch plötzlichen, impulsiven Ausbrüchen. Bei Oscarpreisträger Rush genügt derweil das reine Spiel mit der Fassung und Kontrolle. Ruhig, aber beharrlich bohrt er im Innern seines Gegenübers.

Warum töten Menschen?

Der Film vollzieht damit eine interessante Pendelbewegung zwischen zwei Fragen. Zu der Frage nach dem „Ob?“ gesellt sich nämlich bald auch die nach dem „Warum?“ des Tötens. Es sei eben sein Job gewesen. Frei nach dem Motto: Wer nicht tötet, wird selbst getötet. Mit Ausflüchten in die angebliche Notwendigkeit und Alternativlosigkeit gibt sich aber weder Dr. Daniels noch der Film zufrieden.

Wenn Shinya Tsukamoto den Krieg selbst bebildert, gibt er sich dem reißerischen Horror hin. Nicht nur mit lauten Geräuschen, sondern auch mit wackelnder Kamera und schmerzhaft expliziten Aufnahmen. Er zeigt spritzendes Blut, einen Kopf, der nach einem Schuss in sich zusammenfällt wie ein Ballon, aus dem man die Luft rauslässt. Die amerikanischen Soldaten tappen in brutale Fallen. Ein Massaker nach dem anderen richten sie an. Zurück bleiben brennende Dörfer und Leichenberge.

Die Kamera hält voll drauf

Sonderlich originell ist das nicht. Man hat derlei Bilder oft in Filmen über den Vietnamkrieg sehen können, aber sie sind hier besonders konsequent in ihrer Unverhohlenheit. Tsukamoto setzt auf das Plakative. Da gibt es keine großen Geheimnisse oder allzu viele Verfremdungen. Er zeigt die Abscheulichkeiten in bunten Farben, bei helllichtem Tage und in ultrahochauflösenden Digitalaufnahmen. Natürlich ergötzt sich der Film damit auch ein Stück weit am gruseligen Spektakel dieser Gewalt. Aber sein Antikriegscharakter ergibt sich sowieso erst aus dem Kontext.

„Mr. Nelson, Did You Kill People?“ gehört zum Glück nicht zu den Filmen, die am Ende doch noch Kameradschaft, Aufopferung oder Patriotismus glorifizieren. Trotz all der Gräuel, die man vielleicht angerichtet hat. Nein, hier macht man sich keine Illusionen, denn der Krieg kennt unter den Beteiligten keine Gewinner*innen, sondern nur verheerende Folgen für alle. Tsukamoto drückt vielleicht in seinen vier, fünf aneinandergereihten Schlussszenen etwas zu pathetisch auf die Tränendrüse, wenn es um allerlei Gesten der Annäherung und Verständigung geht. Aber das sind eher kosmetische Makel.

Das Kriegsgeschäft geht immer weiter

Der Film gibt einem bis dahin einige anregende Gedanken, Fragen und Beobachtungen zur Teilnahme an Kriegen mit auf den Weg. So geht es ihm etwa um die Verflechtung von rassistischer Diskriminierung, Armut, häuslicher Gewalt und einem Aufstiegs- und Weltfluchtversprechen des Militärs. Er erforscht die Entmenschlichung anderer als Ventil. Und plötzlich geht es nicht mehr nur um Vietnam. Im Rahmen des Drills und der Gehirnwäsche wird die Gewalt zum Rausch und zur Kompensation. Und diese unsicheren Kippmomente sind besonders eindringlich gelungen.

Spätestens wenn es darum geht, noch mehr junge Menschen für das Militär und damit auch für potenzielle Kriege zu gewinnen, erlangt der Film eine unheimliche Brisanz und Dringlichkeit. Denn wie passiert diese Werbung? Natürlich mit Leerstellen und Verharmlosungen. Auch das ist ein Thema dieses Films. Als sei der Nachwuchs alt genug für den Kampf, aber zu jung für dessen Bedeutung. Allen Nelson greift in dieses Prinzip ein. Er wird zu einem schuldbehafteten Helden, indem er öffentlich und immer wieder zu seinen eigenen Verbrechen steht.

Fazit: Shinya Tsukamoto erfindet das Genre des Antikriegsfilms keineswegs neu. Dafür gelingt ihm aber eine vielschichtige, einfühlsam erzählte und konsequent desillusionierende Annäherung an eine Persönlichkeit, die lernt, ihre eigene Schuld in eine Warnung für alle zu verwandeln.

Wir haben „Mr. Nelson, Did You Kill People?“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er seine Weltpremiere als Teil des offiziellen Wettbewerbs gefeiert hat.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren