Leben und Sterben auf der Osterinsel
Von Christoph PetersenIch habe wohl noch nie einem Schauspieler mehr als John Malkovich abgenommen, dass die Welt zwangsläufig vor die Hunde gehen wird. Der für „Ein Platz im Herzen“ und „In The Line Of Fire“ bereits zweifach oscarnominierte „Con Air“-Psychopath spielt Chris, einen CIA-Agenten mit Erinnerungslücken und Gehirntumor, der es satt hat, immer nur zu lügen. An seinen letzten verbliebenen Tagen im Jahr 1973 spricht er – ausgerechnet auf der Osterinsel – die Wahrheit aus:
Ganz egal, wie viele Menschen für die Demokratie in Chile auf die Straße gehen, ihr erster gewählter Präsident Salvador Allende wird so oder so am 11. September erschossen werden. Für Tausende junge Demonstrant*innen, die vom Militär im Nationalstadion in Santiago zusammengetrieben werden, bedeutet das Folter und Tod. Da fällt es schwer, nicht in einen defätistischen Zynismus zu verfallen. Dabei ist „Wild Horse Nine“ doch eigentlich eine Komödie! Oder?
Nach den Profikillern in „Brügge sehen... und sterben?“ und den Einseitig-plötzlich-nicht-mehr-besten-Freunden in „The Banshees Of Inisherin“ erzählt Martin McDonagh erneut von einer zwar gnadenlos abgefuckten, aber deshalb nicht minder berührenden Männerfreundschaft. Colin Farrell und Brendan Gleeson spielen darin wohl nur deshalb nicht zum dritten Mal die Hauptrollen, weil die irischen Landleute des Regisseurs nicht so ohne Weiteres als gestandene CIA-Veteranen durchgegangen wären.
Aber John Malkovich und Sam Rockwell („Moon“) sind mindestens ebenbürtig – vor allem, was das komödiantische Timing angeht, wenn gleich zu Beginn noch am Flughafen in Santiago ein staubtrocken-zynisches Pointen-Feuerwerk abgebrannt wird. Chris erzählt einer linken Studentin (Mariana Di Girólamo) frei heraus, dass sie als CIA-Agenten hier seien, um „die Demokratie in Chile zu destabilisieren“, und sein jüngerer Vorgesetzter Lee (Rockwell) tut alles, um die Situation irgendwie einzufangen. Zum Glück glaubt dem grantelnden Alten aber sowieso niemand.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
Es ist absolut rührend, wie sich Lee um seinen Mentor sorgt – und dafür notfalls auch alle Verantwortung gegenüber der CIA sowie seiner mit einem (Ex-)Clown fremdgehenden Frau Marge (Parker Posey) hintenanstellt. Fast wie jemand, der seinen Job auf Halt stellt, um sich persönlich um einen sehr guten väterlichen Freund zu kümmern, statt ihn ins Heim abzuschieben. Nur dass der väterliche Freund in diesem Fall mit einer buchstäblich und – noch schlimmer – metaphorisch geladenen Kanone herumrennt. Schließlich hat Chris in seinem Kopf jede Menge CIA-Geheimnisse gebunkert, womöglich sogar welche zur Kennedy-Ermordung.
Deshalb liegt auch dem Südamerika-Chef MJ (Steve Buscemi) ganz besonders daran, das Problem so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen, bevor Chris womöglich auf die Idee kommt, tatsächlich noch mit seinen Memoiren zu beginnen. Das anfängliche Zynismus-Zoten-Dauerfeuer weicht dabei nach und nach einer nachdenklicheren Stimmung. Statt schneller Pointen über die Zahl der von ihm in seiner Karriere ermordeten Menschen versinkt Chris immer mehr in einem sehnsüchtig-melancholischen Philosophie-Modus. Allerdings gibt es dabei neben grüblerischen Fragen wie jener, ob denn wohl auch Motten in den Himmel kommen, auch jede Menge brillant-dadaistische Bonmots.
So etwa bei einer längeren Ausschweifung über den Zusammenhang zwischen dem Maß an Demokratie, der Anzahl der Schwulen und der Qualität des Käses. Das mit dem Gouda und dem Emmentaler erinnert dabei fast zwangsläufig an die ebenfalls im Auto zwischen zwei Berufsmördern stattfindende Royale-mit-Käse-Diskussion aus „Pulp Fiction“, nur dass Martin McDonagh zwar ebenso geschliffen-präzise Dialoge wie Quentin Tarantino schreibt, beim „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“-Regisseur aber meist noch mehr dahintersteckt. Denn wie Chris einmal ernüchtert feststellt, braucht man sich nur einen der großen Köpfe anzuschauen – die anderen sehen dann eh alle gleich aus. Das macht die Osterinsel zum perfekten Schauplatz für eine gute Portion Selbstreflexion.
Als wäre er der Protagonist aus Christopher Nolans Gedächtnisverlust-Mindfuck „Memento“, trägt Chris zudem in seiner Tasche einen Zettel mit der Aufschrift „Lee ist nicht zu trauen“ mit sich herum – gepaart mit der CIA-Berufskrankheit Paranoia macht diese kryptische Erinnerung das Verhältnis der staatssanktionierten Killer-Kollegen nicht unbedingt einfacher, was Lees Fürsorge trotz des ständigen Misstrauens aber nur noch eindrucksvoller erscheinen lässt. „Wild Horse Nine“ liefert so eine der wohl schönsten Leinwand-Freundschaften seit langer Zeit – und das ausgerechnet zwischen zwei Männern, die gemeinsam um den Globus jetten, um die Welt im Auftrag ihres Landes für möglichst lange Zeit ins Chaos zu stürzen.
Fazit: Selten hat man einen in Bezug auf den Zustand und die Chancen der Welt pessimistischeren Film gesehen, der zugleich eine solch poetische Menschlichkeit ausstrahlt – auch weil John Malkovich hier die vielleicht beste Performance seiner Karriere abliefert. Und wer sich jetzt zu sehr Sorgen um seine gute Laune für den weiteren Abend macht: Martin McDonagh entlässt sein Publikum nicht nur mit jeder Menge brüllender Lacher, sondern als Abschluss des schmerzhaft-zynischen Realitychecks auch noch mit einem kathartisch-blutigen Finale aus dem Kinosaal.
Wir haben „Wild Horse Nine“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.