Es waren einmal zwei Schwestern, die taten alles gemeinsam …
Von Christoph PetersenDie Sardinenbüchse ist der Endgegner. Schließlich machen die Holbrooke-Schwestern Jean (Kate Mara) und Joan (Rooney Mara) alles gemeinsam. Selbst beim Staubsaugen fassen sie mit vier Händen an den Griff – und wenn sie an eine enge Stelle kommen, wo eine von ihnen kurz loslassen müsste, um sie zu passieren, geht das panische Geschreie los. Fast könnte man sie für siamesische Zwillinge halten, aber nicht nur sind sie nicht zusammengewachsen, sie sind noch nicht einmal Zwillinge. Aber wenn man versucht, den frickeligen Dosenmechanismus zwanghaft zu zweit zu bedienen, dann bleibt die Sardinenbüchse eben zu. Sogar gesprochen wird unisono – bis hin zum Sprachfehler im titelgebenden Beleidigungs-Schüttelreim „Bucking Fastard“.
Wenn euch der Titel des 79. Langfilms von Werner Herzog im ersten Moment seltsam vorkommt, müsst ihr nur die Anfangsbuchstaben der Worte tauschen. Das Synchronsprechen wirkt dabei zunächst wie ein einstudierter Zaubertrick, aber selbst in spontanen Situationen gelingt es perfekt. Deshalb wird vor Gericht sogar eine neue Regelung für die Schwestern erlassen: Erstmals in der britischen Justizgeschichte dürfen zwei Zeuginnen gemeinsam aussagen. „Bucking Fastard“ greift zwar ganz lose die Geschichte von Greta und Freda Chaplin auf, die in den 1980ern durch die britische Boulevardpresse internationale Bekanntheit erlangten. Herzog formt daraus jedoch keinesfalls ein klassisches Biopic, sondern ein modernes Märchen, wie es außer ihm sonst niemand könnte.
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Los geht es mit der angesprochenen Gerichtsverhandlung. Der örtliche Gigolo Gareth Mulroney (herrlich abgerissen mit offenem Hemd und umgehängter Krawatte: „Herr der Ringe“-Schönling Orlando Bloom) hat eine einstweilige Verfügung gegen die Schwestern beantragt. Nach einer aus seinen Augen lockeren Affäre mit ihnen (ja, auch Sex gibt es nur im Doppelpack) hat er eine andere Frau geheiratet. Aber für Jean und Joan währt die eine wahre Liebe ewig – und so attackieren sie ihren Geliebten regelmäßig mit Müllsäcken auf der Straße oder stecken sogar seinen SUV mit 100-prozentigem Alkohol in Brand.
Es macht einen spitzbübischen Spaß, den Schwestern bei ihren Missetaten zuzusehen, die sie nicht aus einer mutwilligen Böswilligkeit, sondern eher aus einer entwaffnenden Naivität heraus begehen. Ein wenig erinnert das an die Disney-Komödie „Verwünscht“ mit Amy Adams als Zeichentrick-Prinzessin, die in einen Brunnen stürzt und im realen Manhattan aus einem Gully gekrochen kommt. Jean und Joan wirken ebenfalls wie Figuren aus einem Märchen, die in der falschen Welt gestrandet sind. Also begeben sie sich auf die Suche nach einem passenden Ort, irgendwo zwischen Orkney und Atlantis, denn zu Hause können sie wegen der einstweiligen Verfügung ja eh nicht bleiben. Dabei treffen Jean und Joan auf einen hilfsbereiten Sozialarbeiter (Domhnall Gleeson), einen bösen Jäger und einen Fuchs mit den wohl traurigsten Augen der Welt.
Das Märchenhafte und das Außenseitertum sind dabei Elemente, die man sehr wohl mit Werner Herzogs bisherigem Schaffen in Verbindung bringen würde. Trotzdem käme er, würde man ein uneingeweihtes Publikum nach der ersten Stunde blind den Regisseur oder die Regisseurin von „Bucking Fastard“ tippen lassen, wohl nicht mal unter die Top 50 der naheliegendsten Namen. Aber für die letzten 30 bis 40 Minuten gilt genau das Gegenteil, denn die hätte so wohl nur exakt dieser eine Filmemacher erzählen können: ein vermeintlich sinnloser Tunnelbau ins Nirgendwo als existenzialistische Übung wie der von Klaus Kinski über den Hügel geschaffte 300-Tonnen-Flussdampfer „Molly“ in „Fitzcarraldo“. Und dann noch ein Loch in der Wand, bei dem man sich fragt, ob die Holbrooke-Schwestern mit dem Hindurchschlüpfen nicht plötzlich in einem ganz anderen Herzog-Film gelandet sind.
Seine treuen Fans werden es lieben, andere werden verwundert die Stirn runzeln. Aber worauf sich wohl alle werden verständigen können, ist die Brillanz der Performances von Kate Mara („House Of Cards“) und Rooney Mara („Verblendung“). Werner Herzog hat sogar auf eine Einladung zum Filmfest nach Cannes verzichtet, weil er dort keinen Platz im Wettbewerb erhalten hat, er seine Hauptdarstellerinnen aber nicht um die Chance auf einen Schauspielpreis bringen wollte. Also ist es dann einige Monate später das Filmfestival in Venedig geworden. Dabei ist es übrigens längst nicht nur das synchrone Sprechen, das einen derart gewaltigen Eindruck hinterlässt – so dass sich jetzt nur die Frage stellt, ob nach dem britischen Gericht auch die Oscar-Academy eine neue Regel einführt und erstmals eine Nominierung für zwei Schauspielerinnen gemeinsam zulässt.
Fazit: Werner Herzog liefert mit 83 Jahren noch mal ein ebenso herrlich-absurdes wie verschroben-berührendes modernes Märchen, bei dem während der ersten Stunde wohl so gut wie niemand auf die Idee kommen würde, dass es vom Regisseur von „Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ stammen könnte. Aber spätestens die letzte halbe Stunde ist dann doch wieder volle Kanne Werner Herzog! Das mag ein unbedarftes Publikum auf der Zielgeraden aus der Spur werfen, aber die zahlreichen Ultra-Fans des Regisseurs rund um den Globus werden gerade diesen Tropfsteinhöhlen-Abstecher ganz besonders abfeiern.
Wir haben „Bucking Fastard“ auf dem Filmfest in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.