Kein Platz für Tauben
Von Christoph Petersen„Tristes Tropiques“ beginnt mit der bekannten Einblendung, dass alle eventuellen Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen rein zufällig seien. Aber dann folgt noch eine zweite Texttafel: Alle mitwirkenden Kinder hatten das Einverständnis ihrer Eltern – und besonders verstörende Szenen seien so gedreht worden, dass die Minderjährigen bei den entsprechenden Aufnahmen nicht am Set anwesend waren. Spätestens zwei Stunden später hat man verstanden, warum die Verantwortlichen ein solches Statement für nötig hielten. Nachdem er mit seinem knallhart-nihilistischen „New World - Zwischen den Fronten“ bereits das Mafia- beziehungsweise Yakuza-Kino entromantisiert hat …
… knüpft sich der südkoreanische Regisseur Hoon-Jung Park diesmal das Heroic Bloodshed vor, das John Woo einst mit Hongkong-Klassikern wie „City Wolf – A Better Tomorrow“, „The Killer“ und „Hard Boiled“ weltberühmt gemacht hat. Neben den betont stilisierten Schießereien waren Loyalität, Ehre und Freundschaft stets der Kern inmitten des Gun-Fu-Blutvergießens. Aber mit solchen aus der Zeit gefallenen Werten räumt das „The Witch“-Mastermind auch diesmal wieder gnadenlos auf – selbst wenn sein taubstummer Protagonist zunächst das genaue Gegenteil vermuten lässt.
Goldmoon Film
Der Plot kratzt – wie wir es von Hoon-Jung Park gewohnt sind – mit all seinen Fraktionen und Zeitebenen auch diesmal wieder an der Grenze zum Überkonstruierten: Der namenlose Master (Kim Myung-min) war einst ein legendärer Söldner in einem brutalen Bürgerkrieg. Ohne Rücksicht hat er mit seiner Einheit Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet, bis er irgendwann von einem Moment auf den nächsten entschied, aufzuhören – und sein eigenes Team ohne Vorwarnung mit Kopfschüssen und Machetenhieben exekutierte.
Stattdessen züchtete er sich im thailändischen Dschungel mit gekauften oder entführten Kindern seine eigene Auftragsmord-Armee heran – und führte sie unter dem kryptischen Namen „Tristes Tropiques“ zur Weltspitze. Inzwischen sind seine Killer*innen wie der taubstumm geborene Roo (Lee Sin-young) oder die stets ihren alten Teddy mitschleppende Jojo (Park Yu-rim) erwachsen. Als Feng (Chen Yi-wen), die rechte Hand des Anführers, die Botschaft überbringt, dass der Master ermordet worden sei, entbrennt ein erbitterter Krieg zwischen seinen Feinden, seinen Auftraggebern und seinen Schüler*innen …
Zu Beginn hat sich Roo gerade eine Auszeit genommen, um sich stattdessen in einem kleinen Coffee-Shop zum Nachwuchs-Barista ausbilden zu lassen. Seine Brüder und Schwestern wissen alle, dass sie ihm nur einen Vetropack-Fruchtsaft geben müssen, um ihn glücklich zu machen – und tatsächlich zaubert ihm das stets sofort ein besonders breites Lächeln ins Gesicht. Er wurde nicht nur taubstumm geboren, sondern ist auch „langsamer“ als all die anderen – und doch führt er seine Aufträge mit absoluter Präzision aus. Roo ist quasi der Forrest Gump unter den Profikillern – und damit eigentlich der perfekte Sympathieträger. Ähnliches gilt für Jojo, von der wir in Rückblenden erfahren, dass sie von ihrer eigenen Mutter an pädophile Freier verhökert wurde – bis der Master einen von ihnen mit zwei Kopfschüssen hingerichtet hat.
Aber solche menschelnden Momente sind im nihilistischen Kino von Hoon-Jung Park ja meist nur rote Heringe. Obwohl „Tristes Tropiques“ nach dem ethnologischen Buch-Klassiker „Traurige Tropen“ von Claude Lévi-Strauss benannt ist, spielt der Film kaum im Dschungel – die Ausbildung der Kinder bleibt sogar komplett außen vor. Stattdessen wird die Idee des isolierten, unerbittlichen Dschungels auf die thailändischen Betonwüsten übertragen: Ehre und Loyalität sind ebenso überholt wie die operettenhaften Shootouts aus John Woos „The Killer“ & Co. In „Tristes Tropiques“ hat die vergleichbar brillant inszenierte Action absolut nichts Schönes mehr an sich – ein Kopfschuss reiht sich an den nächsten, und die Brüderlichkeit war offensichtlich nie mehr als eine tropische Illusion.
Fazit: Das romantisierte Heroic-Bloodshed-Kino von John Woo logisch zu Ende gedacht! Sind die Tauben erst einmal davongeflogen, bleibt nur noch knallharter Nihilismus übrig …
Wir haben „Tristes Tropiques“ beim Fantasy Filmfest 2026 gesehen, wo er seine Deutschlandpremiere gefeiert hat.