Immer noch relevant – aber anders als erwartet!
Von Christoph PetersenBei der Produktion von „Das Kanu des Manitu“ hat Michael „Bully“ Herbig viel Budget investiert, um die finalen Szenen nicht nur im Südwesten der USA zu drehen, sondern eigens indigene Schauspieler*innen zu engagieren. Kritiker*innen sahen darin prompt den teuer erkauften Versuch, der Kunstfigur Abahachi – und damit stellvertretend Herbig selbst – eine Absolution vom Vorwurf der kulturellen Aneignung zu erteilen. „Borat“-Mastermind Sacha Baron Cohen geht mit einer vergleichbaren Thematik – je nach Sichtweise – nun sehr viel souveräner beziehungsweise ignoranter um: In der Amazon-Produktion „Ali G: Who Iz I?“ wendet sich seine titelgebende Kunstfigur, ein pseudojamaikanischer Vorstadt-Prolet, an eine Schwarze Expertin für kulturelle Aneignung. Mit ihr will er abklären, inwieweit er als weißer Mann überhaupt noch Schwarze Kultur- und Sprachcodes übernehmen darf. Das Ergebnis: Um sich korrekt zu verhalten, müsste er härter arbeiten als jemals zuvor in seinem Leben – also lässt er es bleiben.
Stattdessen folgt vor einem uneingeweihten Publikum aus Religionsvertreter*innen eine Wort-für-Wort-Wiederholung der Backpfeifen-Entschuldigung von Will Smith – samt anschließendem KI-Slop-Video, in dem sich Ali G von Nelson Mandela, Tupac und einem Black Jesus von allen Verfehlungen freisprechen lässt. Aber wenn es schon nicht um das Hinterfragen der eigenen Rolle geht, welche Relevanz hat die Figur dann 22 Jahre nach dem Ende von „Da Ali G Show“ auf HBO und 24 Jahre nach dem Kinospielfilm „Ali G In Da House“ überhaupt noch? Die ernüchternde Antwort nach „Ali G: Who Iz I?“ lautet: wenn überhaupt noch eine, dann zumindest keine bedeutende. Die ikonischen Slang-Sprüche mögen Superfans noch kurz ein nostalgisches Kichern entlocken, aber darüber hinaus erweist sich der Skull-Cap-tragende Möchtegern-Jamaikaner eher als Störfaktor in seinem eigenen Film – was aber nicht heißt, dass Sacha Baron Cohens furchtlose Cringe-Qualitäten an anderer Stelle nicht trotzdem zum Tragen kommen.
Amazon
Neben dem KI-Video, an dessen Ende nur noch eine einzige Zuschauerin im Saal verblieben ist, gibt es eigentlich nur zwei Szenen, in denen die Figur Ali G noch so richtig zündet – einmal im Umgang mit einem völlig überforderten Millionenvillen-Makler, der in ein Kriegt-er-ihn-noch-hoch-oder-nicht-Stille-Post-Spiel zwischen Ali G und seiner hochschwangeren Freundin Julie (Morgana Robinson ersetzt Kellie Bright) verwickelt wird, und einmal bei einer tatsächlich berührenden Potenzmittel-Verbrüderung in einem Schnapsladen. Ansonsten geht selbst vielen aufwändig vorbereiteten Pointen vorzeitig die Puste aus: So hat sich Ali G bereits eine ganze – ebenfalls unwissende – Crew vom Agenten bis zum Bodyguard für die Produktion einer dritten Staffel von „Da Ali G Show“ zusammengetrommelt, die er dann aber mit einer 12.400-Dollar-Rechnung im Hummerrestaurant sitzen lässt, als er zu seinem Erschrecken feststellt, dass das per Fax eingegangene Millionen-Angebot von HBO bereits 22 Jahre alt und damit längst nicht mehr gültig ist. Das klingt nach einem spektakulär eingefädelten Prank, verpufft aber nahezu wirkungslos.
Auch seine ersten Stehversuche als Social-Media-Star, bei denen er einen Astrophysik-Nobelpreisträger zu einem Try-On Haul, einen Politexperten zum Nudel-Mukbang und einen Iranveteranen zum ASMR-Glitzer-Stream bringt, erreichen längst nicht den Biss der Promi-Interviews aus „Da Ali G Show“, als er damals Donald Trump nur nach einer Minute zum Abbruch bewegte und den Mondfahrer Buzz Aldrin darüber ausfragte, wann die ersten Menschen auf der Sonne spazieren werden. So plätschern die ersten 50 Minuten von „Ali G: Who Iz I?“ vor sich hin – Fans werden genug finden, um sich trotzdem zu amüsieren, und Uneingeweihte werden sich fragen, warum es eigentlich jemals einen solchen Hype um die Kunstfigur gab. Aber dann drehen Sacha Baron Cohen und sein Team auf der Zielgeraden noch mal mächtig auf und zelebrieren ein elaboriertes Versteckte-Kamera-Szenario, bei dem man aus dem Staunen über die offenbar ebenso grenzenlose wie bösartige Dummheit der Vorgeführten gar nicht mehr herauskommt.
Die Moral von der Geschichte: Am besten die Babys zuerst!
Dabei geht es gar nicht so sehr um den Produzenten, der für Ali G nach dem Scheitern seines HBO-Deals ein offensichtlich hochgradig rassistisches TV-Format namens „The Free Speech Show“ – samt vom Publikum frenetisch gefeiertem Elon-Musk-Gedächtnis-Hitlergruß – auf die Beine stellt: Der südafrikanische Ex-Waffenhändler steht so offen zu seinen menschenfeindlichen Ansichten, dass man da auch nichts mehr entlarven kann. Aber wenn George Santos beim Studiospiel mexikanische Immigrant*innen und linke Aktivist*innen in einer Dusche stapelt, um die Puppen vor Ablauf des Zeitlimits per Knopfdruck mit Zyklon B zu vergasen, fasst man sich echt nur noch an den Kopf – besonders weil der verlegen kichernde Ex-Kongressabgeordnete seine Siegertaktik, zuerst die Babys zu wählen, weil dann mehr reinpassen, anschließend auch noch den ICE-Agent*innen mit auf den Weg gibt.
Aber selbst das ist ein Witz gegen das, was Sacha Baron Cohen als Mossad-Agent mit einer Gruppe von Einwanderungsgegnern bei einem vermeintlichen Selbstverteidigungskurs anfängt. Was sich da an Wahnsinn auf Wahnsinn auftürmt, will ich hier nicht mehr als nötig spoilern. Aber offensichtlich ist es in dieser Bubble inzwischen das Normalste von der Welt, dass man homophobe ISIS-Terroristen am besten mit einer neuentwickelten Waffe bekämpft, bei der man so lange an einer Penisprothese rubbelt, bis man den Widersacher mit einem Schuss aus seinem Arschloch eliminiert. Und während George Santos nur Baby-Puppen widerstandslos in die Gaskammer steckt, scheint es heutzutage nur noch minimal schwieriger zu sein, Menschen dazu zu bringen, für ihre MAGA-Ideologie tatsächlich selbst Neugeborene zu töten. Da liegen Lachreiz und Kotzreiz plötzlich ganz nah beieinander.
Fazit: Ali G hat mehr als 20 Jahre nach „Da Ali G Show“ als zentrale Figur der Popkultur offensichtlich ausgedient – aber was entlarvend-satirische Versteckte-Kamera-Pranks angeht, treibt es Sacha Baron Cohen eben immer noch weiter als jeder andere. Allein dafür, was er hier im finalen Drittel für bitterböse Unglaublichkeiten abliefert, lohnt sich das Reinschauen auf jeden Fall.
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