Godzilla Minus Zero
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Godzilla Minus Zero

Weniger Godzilla – aber ganz viel Herz!

Von Stefan Geisler

Es war einer der schönsten Augenblicke der jüngeren Oscar-Geschichte. Bei der Verleihung 2024 ging die Auszeichnung für die besten visuellen Effekte an das japanische Team von „Godzilla Minus One“, das sein Glück kaum fassen konnte und die mitgebrachten Mini-Godzillas voller Freude in die Luft reckte. Es war der erste Oscar-Gewinn für das fast 70 Jahre alte Godzilla-Franchise. Bei seiner bewegten Dankesrede verglich Regisseur Takashi Yamazaki sein Team mit Sylvester Stallones legendärem Leinwand-Underdog Rocky Balboa. Tatsächlich ist der Vergleich gar nicht so weit hergeholt: Mit einem bescheidenen Budget, das im Vergleich zur Konkurrenz wie „Napoleon“, „Mission: Impossible 7“ oder „Guardians Of The Galaxy 3“ geradezu mickrig war, setzte sich die Effekt-Crew durch – dank Leidenschaft, Einfallsreichtum und einem enormen persönlichen Einsatz.

Auch im Nachfolger „Godzilla Minus Zero“ sehen die Spezialeffekte wieder fantastisch aus. Selten wurde die japanische Kultfigur so eindrucksvoll und bedrohlich in Szene gesetzt – auch wenn ihr dieses Mal spürbar weniger Leinwandzeit zukommt als noch im Vorgänger. Das liegt einerseits an einem neuen Kaiju, das Godzilla die Show stiehlt, und zum anderen daran, dass Regisseur Yamazaki der Geschichte seiner menschlichen Figuren mehr Raum gibt. Herausgekommen ist bildgewaltiges Monsterkino, dem zwar die grandiosen Spannungsmomente des Vorgängers fehlen, was es aber durch eine Menge Herz und einen überraschend radikalen Umgang mit dem atomaren Schrecken des Zweiten Weltkriegs ausgleicht.

Godzilla ist zurück – und wie! Plaion Pictures
Godzilla ist zurück – und wie!

Zwei Jahre sind seit dem folgenschweren Angriff von Godzilla vergangen. Japan steht weiterhin vor den Trümmern seiner Existenz, von einem Aufschwung ist noch immer kaum etwas zu spüren. Immerhin haben es der Pilot Koichi Shikishima (Ryunosuke Kamiki), die frühere Diebin Noriko Oishi (Minami Hamabe) und ihre Kriegswaisen-Ziehtochter Akiko (Sae Nagatani) geschafft, die traumatischen Ereignisse zu verarbeiten und etwas Ruhe in ihr Leben einkehren zu lassen.

Doch das Familienidyll wird jäh zerstört, denn eine neue gigantische Kreatur taucht auf und droht, das Land erneut ins Chaos zu stürzen. Dabei scheint dieses Wesen noch einmal mächtiger zu sein als Godzilla. Wird es erneut gelingen, das Monster zu besiegen – oder ist Japan ein für alle Mal dem Untergang geweiht?

Die Menschen sind das Herz von "Godzilla Minus Zero"

Wie nah „Godzilla Minus Zero“ an seinen menschlichen Figuren ist, wird bereits in der allerersten Szene deutlich. Hier wütet ein drachenähnliches Monster in einer japanischen Kleinstadt. Doch das Ungeheuer ist nur eine Nebenfigur, die Kamera bleibt stattdessen dicht an den zwei Flüchtenden, die im explosiven Chaos versuchen, Schutz vor der hereinbrechenden Naturgewalt zu finden. Eher zufällig gerät dabei immer wieder die Kreatur ins Bild, die diese Zerstörung überhaupt erst anrichtet (fast so wie in der ersten Stunde des südkoreanischen Monster-Blockbusters „Hope“).

Es ist eine der großen Qualitäten von Regisseur Takashi Yamazaki, dass er die imposanten Zerstörungssequenzen in seinen Godzilla-Filmen nie zu einem reinen Schauwertspektakel verkommen lässt, sondern sie stets mit konkreten Folgen für die betroffenen Menschen verknüpft. Wo in Hideaki Annos „Shin Godzilla“ noch eine wahre Terror-Symphonie zelebriert und mit sichtbarer Freude ein durch Bürokratie gelähmtes Japan demontiert wurde, gibt es in Yamazakis Beiträgen zum Monster-Kosmos keinen Schauwert ohne Opfer.

Kann die neue Bedrohung tatsächlich noch rechtzeitig gestoppt werden? Plaion Pictures
Kann die neue Bedrohung tatsächlich noch rechtzeitig gestoppt werden?

In einem der besten Momente von „Godzilla Minus Zero“ fliegt beispielsweise Koichi durch ein Dorf, das durch Anti-Gravitationsstrahlen in schwindelerregende Höhen gerissen wurde – und muss dabei ohnmächtig zusehen, wie die Bewohner*innen in den noch vollständig erhaltenen Häusern ihrem unweigerlichen Tod entgegenblicken. Das ist faszinierend, wunderschön und tragisch zugleich. Sowieso ist „Godzilla Minus Zero“ emotional noch einmal ein ganzes Stück packender als sein Vorgänger …

… auch wenn er dafür etwas an Spannung einbüßt. Die Geschichte der zentralen Schicksalsgemeinschaft um Koichi, Noriko und ihr gemeinsames Adoptivkind wird glaubhaft vertieft und gewinnt merklich an Fallhöhe. Schließlich ist das neugewonnene Familienglück gerade in diesen Krisenzeiten ein fragiles Gut – und wird nicht nur durch Krankheiten, sondern eben auch den erneuten Kampf gegen das neue Kaiju auf eine harte Probe gestellt. Und wem bei den rührenden Abschiedsszenen mit Tochter Akiko nicht das Herz zerbricht, hat wohl eines aus Stein.

Achtung: SPOILER-Warnung

„Godzilla Minus Zero“ fuhr im Vorfeld des Kinostarts eine wirklich starke Werbekampagne auf, die Neugier weckt, ohne zu viel zu verraten – dazu nur: Godzilla an der Freiheitsstatue und der vorsichtig angeteaserte neue Kaiju. Gerade diese Punkte müssen in einer Besprechung zum Film aber verhandelt werden, ansonsten ist eine kritische Auseinandersetzung kaum möglich. Wenn ihr den Monster-Wahnsinn ohne Vorwissen im Kino genießen wollt, dann springt also besser direkt zum Fazit und lest die übrige Kritik erst nach dem Schauen des Films!

Im Vorfeld ist viel darüber spekuliert worden, ob wir es in „Godzilla Minus Zero“ noch mit einem weiteren Kaiju zu tun bekommen. Hardcore-Fans haben natürlich spätestens im zweiten Trailer erkannt, dass es sich dabei nur um den dreiköpfigen Weltraum-Drachen King Ghidorah handeln kann, der seit seinem ersten Auftritt in „Frankensteins Monster im Kampf gegen Ghidorah“ aus dem Jahr 1964 zu den markantesten Gegnern aus dem Figurenarsenal der japanischen Riesenechse zählt. Wie groß die Rolle Ghidorahs ausfallen würde oder ob es sich womöglich sogar nur um einen kurzen Cameo-Auftritt handeln könnte, war bislang jedoch nicht klar.

Eine der spannendsten neuen Figuren: Kanji Murakami (Min Tanaka)! Plaion Pictures
Eine der spannendsten neuen Figuren: Kanji Murakami (Min Tanaka)!

Tatsächlich übernimmt das geflügelte Riesenmonster jene Rolle, die im ersten Teil noch Godzilla zuteilwurde, während die namensgebende Schreckensechse diesmal in die zweite Reihe geschoben wird. Das ist jedoch nicht weiter dramatisch, denn das Franchise verfügt über ein reichhaltiges und überaus spannendes Figurenkabinett. Zudem wurde mit King Ghidorah einer der imposantesten Widersacher für die Fortsetzung ausgewählt. Wenn der dreiköpfige Drache hier abwechselnd mit Blitzen die Landschaft verwüstet und anschließend mit seinen blauen Anti-Gravitationsstrahlen ganze Dörfer in die Luft reißt, muss er sich in Sachen Zerstörungskraft vor Godzilla jedenfalls nicht verstecken.

In einer gelungenen Luftkampfsequenz werden sogar Erinnerungen an Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ wach: Ghidorah taucht immer wieder im Wolkenmeer unter, um die Piloten einen nach dem anderen auszuschalten. Das große Highlight ist aber zweifelsohne das finale Aufeinandertreffen der beiden Kaiju-Legenden, bei dem es ausgesprochen blutig zur Sache geht. Das ist großes Monsterkino, für das die Fans ihr Ticket lösen und das im Idealfall auf einer möglichst riesigen Leinwand genossen werden sollte. Wie passend, dass „Godzilla Minus Zero“ sogar auf vielen IMAX-Leinwänden gezeigt wird.

Ungewohnt radikale Bilder

Ähnlich kraftvoll ist auch die Auseinandersetzung mit dem Schrecken von Hiroshima und Nagasaki. Die atomare Angst wird in Japan nach wie vor lebendig gehalten und hat mit Godzilla eine ikonische Manifestation im Kino erhalten. In „Godzilla Minus Zero“ werden der Atombombenabwurf und die Folgen dieses Angriffs erstaunlich direkt angesprochen – schließlich handelt es sich bei Kanji Murakami (Min Tanaka) um einen Überlebenden der Abwürfe. In einer bedrückenden Rückblende sehen wir den Wissenschaftler durch die zerstörten Überreste von Hiroshima wanken, während um ihn herum schrecklich entstellte und bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Menschen um Hilfe schreien.

Wenn er in den Trümmern die verkohlten Überreste seiner Familie findet, sind das Bilder, die gerade für einen Godzilla-Film ungewohnt drastisch wirken. Dass sich Murakami fortan in wahnhafte Rachefantasien flüchtet und sogar davon träumt, die atomare Riesenechse als persönliche Vergeltung den Amerikaner*innen auf den Hals zu hetzen, macht ihn zu einem der interessantesten (und erfreulich ambivalenten) Neuzugänge der jüngeren Franchise-Geschichte. Da ist es fast schade, dass der Forscher hinter Koichi Shikishima und Noriko Oishi nur die dritte Geige spielen darf – ein wenig mehr Leinwandzeit dieser Figur hätte den ganzen Film wohl sogar noch stärker gemacht.

Fazit: „Godzilla Minus Zero“ ist ein würdiger Nachfolger für den modernen Kulthit „Godzilla Minus One“. Selbst wenn Godzilla dieses Mal eher zur Nebenfigur degradiert wird, bietet die Fortsetzung dank eines neuen Kaijus bildgewaltiges Kreaturen-Kino, in dem die menschlichen Schicksale und die Folgen der monströsen Zerstörung stets im Vordergrund stehen.

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