Das Mädchen mit der Leica
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Das Mädchen mit der Leica

Dem Vergessen entrissen

Von Christoph Petersen

Die Fotografin“ mit Kate Winslet war 2024 ein waschechter Arthouse-Hit. Allein in Deutschland haben das Biopic über die Kriegsfotografin Lee Miller mehr als eine halbe Million Menschen im Kino gesehen. Das sind vielversprechende Vorzeichen für den überwiegend in deutscher Sprache gedrehten Film „Das Mädchen mit der Leica“, schließlich handelt er von Gerda Taro (Emilia Schüle), der ersten Kriegsreporterin der Geschichte, die bei der Ausübung ihres Berufes getötet wurde.

Als sie 1937 bei der Schlacht von Brunete mit 26 Jahren von einem Panzer erfasst wurde, erschienen rund 100.000 Menschen zu ihrer Beisetzung in Paris, die zugleich als Demonstration gegen den Faschismus fungierte. Aber nicht nur ihr Beruf ist den beiden Frauen gemein, sondern auch der Umstand, dass sie nach ihrem Tod wohl endgültig in Vergessenheit geraten wären, hätten nicht glückliche Zufallsfunde sie ins kollektive Gedächtnis zurückgebracht.

Erst 60 Jahre nach ihrem Tod hat die Welt endlich erfahren, was Gerda Taro (Emilia Schüle) als Kriegsfotografin tatsächlich geleistet hat. Vivo Film S.r.l.
Erst 60 Jahre nach ihrem Tod hat die Welt endlich erfahren, was Gerda Taro (Emilia Schüle) als Kriegsfotografin tatsächlich geleistet hat.

Im Fall von Lee Miller waren es ihr Sohn und ihre Schwiegertochter, die 1977 auf dem Dachboden Kisten mit mehr als 60.000 Negativen entdeckten. Bei Gerda Taro hat die Wiederentdeckung sogar noch einmal 20 Jahre länger gedauert – dafür war sie aber auch ungleich spektakulärer. Als ihre Arbeiten nach ihrem Tod aus Paris geschmuggelt werden sollten, landete der Koffer stattdessen vermutlich in der chilenischen Botschaft.

Erst 60 Jahre später tauchten die Fotografien plötzlich wieder auf – und zwar ausgerechnet auf einem Dachboden in Mexiko. Zwei Kriegsfotografinnen, zwei Dachböden, aber dann doch zwei ganz unterschiedliche Filme; denn wo sich „Die Fotografin“ als weitestgehend typisch-melodramatisches Hollywood-Biopic von der Stange erweist, entscheidet sich die italienische Regisseurin Alina Marazzi („9x10 Novanta“) für einen ungleich experimentelleren Zugang.

Der Vergessenheit entrissen

Alina Marazzi gilt als eine der prägendsten feministischen Stimmen des zeitgenössischen italienischen Kinos. So ist ihr Anliegen nur verständlicher, Gerda Taro – basierend auf dem gleichnamigen, preisgekrönten Roman von Helena Janeczek – jene Sichtbarkeit zu geben, die sie verdient. Schließlich hat die 1910 als Gerta Pohorylle in Stuttgart geborene Jüdin einst nicht nur ihren Geburtsnamen ablegen müssen, um internationalen Erfolg als Fotografin haben zu können, sie hat ihre Arbeiten auch stets unter einem gemeinsamen Banner mit dem später weltberühmt gewordenen Kriegsfotografen Robert Capa (ebenfalls ein Marketing-Pseudonym für Endre Ernő Friedmann) publiziert.

Nach ihrem Tod hat dann aber – wie so oft in der Geschichte – der Rest der Welt ganz natürlich angenommen, dass die Fotos doch alle nur vom Mann stammen können. Alina Marazzi räumt mit diesem jahrzehntelang überdauernden Fehlurteil endgültig auf und zeigt Gerda als von ihrem unstillbaren Freiheitsdurst und ihrer antifaschistischen Haltung Getriebene, die alle um sich wie ein menschlicher Hurrikan mitreißt. Leider kommt dieser absolute Drive nur selten beim Publikum an.

Auch gegen den Rat ihrer Freund*innen zieht es Gerda zurück in den immer brutaler werdenden Spanischen Bürgerkrieg. Vivo Film S.r.l.
Auch gegen den Rat ihrer Freund*innen zieht es Gerda zurück in den immer brutaler werdenden Spanischen Bürgerkrieg.

Gerade die reinen Spielszenen wirken mitunter wie die kammerspielartigen Reenactment-Einschübe in TV-Historienstücken – steif, bieder, mit Dialogen, in denen sich die Figuren hauptsächlich gegenseitig erzählen, was sie gerade machen oder vorhaben. So springt der Funke für diese an sich so faszinierende Persönlichkeit nicht über. Spannend wird es hingegen immer dann, wenn Alina Marazzi, die in ihrem berühmtesten Film „For One More Hour With You“ private Heimvideos zu einem Porträt ihrer Mutter verwoben hat, zeitgenössisches Archivmaterial einbaut. Manchmal liegt die Wahl auf der Hand, so sehen wir bei einem Kinobesuch des Bertolt-Brecht-Films „Kuhle Wampe“ etwa ebenfalls Ausschnitte aus dem Werk, das später zu einem maßgeblichen Dokument der Arbeiterbewegung werden würde.

Aber noch häufiger geschieht es auch rein assoziativ. Da dreht sich eine Figur um und statt des typischen Gegenschnitts sehen wir plötzlich historische Filmausschnitte oder Nachrichtenschnipsel, die fast noch besser die aktuelle Stimmung transportieren, als es eine tatsächliche Aufnahme des Ortes je könnte. Und einmal löst die Regisseurin inmitten ihrer Meditation über die Macht des Erinnerns die Grenzen zwischen Zeit und Raum sogar endgültig auf, wenn in Paris plötzlich mit Regenbogenfahne und Ukraineflagge gegen den fortschreitenden Faschismus demonstriert wird.

Fazit: Alina Marazzi bringt eine ganze Reihe von Elementen aus ihren formal experimentierfreudigen Dokumentarfilmarbeiten auch in „Das Mädchen mit der Leica“ mit ein, speziell was das Einbinden von originalen Fotografien und Filmaufnahmen angeht. Und genau das sind die Momente, die am besten funktionieren. Die reinen, oft kammerspielartigen Spielszenen wirken hingegen steif und museal, passen also so gar nicht zur getrieben-freiheitsliebenden Protagonistin. Nur wenn getanzt wird, erwachen die Figuren – und mit ihnen der Film – so richtig zum Leben.

Wir haben „Das Mädchen mit der Leica“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er als Eröffnungsfilm der Reihe Orizzonti seine Weltpremiere gefeiert hat.

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