Runner
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Runner

Darauf haben actionbegeisterte Kinofans seit Jahren gewartet!

Von Christoph Petersen

Angefangen hat es 2004 mit einer Teilnahme bei „American Idol“, der US-Variante von „Deutschland sucht den Superstar“. Aber von dem Auftritt blieb allein der spontane Striptease für Moderatorin Paula Abdul hängen, und das ein Jahr später veröffentlichte Hip-Hop-Album „This Is Next Time“ erfuhr ebenfalls kaum Beachtung. Statt Gesangsauftritten folgten kleinere Filmrollen – und 2010 schließlich der Durchbruch in der Football-Serie „Blue Mountain State“. Nur interessierte diese Sportart damals in Deutschland kaum niemanden. Weshalb es hierzulande noch einmal zwölf Jahre bis zum Serien-Start des Amazon-Superhits „Reacher“ dauerte. Doch jetzt ist es so weit: Alan Ritchson gilt – wie sollte es bei diesem Körperbau auch anders sein – endlich als ernstzunehmender Name im Actionfach. Die Frage ist nur: Wie geht es nun weiter?

Schließlich braucht das Kino dringend legitime Nachfolger für die Muskelmänner Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone. Jason Momoa hat sich bereits mit seinem ersten Stehversuch in „Conan“ für die Rolle disqualifiziert – und Jason Statham kann das auch nicht bis in alle Ewigkeit allein wuppen. Bisher sah es allerdings gar nicht gut aus, was die Leinwandambitionen angeht: Nach der Amazon-Actionkomödie „Playdate“, quasi Ritchsons Antwort auf „Kindergarten Cop“, setzte er auch bei Netflix‘ Sci-Fi-Spektakel „War Machine“ aufs Streaming. Erst jetzt folgt nach dem dialogfreien Action-Experiment „Motor City“ endlich das überfällige Debüt als Mainstream-Kinostar. Und „Runner“ liefert genau das, was wir uns erhofft haben: geradlinig-unterhaltsame Action ohne viel Brimborium, bei der schon das testosterontriefende Charisma des Hauptdarstellers ausreicht, um die knackigen 97 Minuten angenehm kurzweilig zu gestalten.

Alan Ritchson hat zum Glück nicht nur die Muskeln, sondern auch das rau-trockene Charisma seiner Vorbilder wie Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone. Splendid
Alan Ritchson hat zum Glück nicht nur die Muskeln, sondern auch das rau-trockene Charisma seiner Vorbilder wie Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone.

Der Titel ist zugleich generisch und mysteriös, aber am Ende ist ein „Runner“ eigentlich nichts anderes als ein besser bezahlter Paketbote, der gegebenenfalls nicht ganz so genau drauf achtet, ob das alles legal ist, was er da ausliefert. Deshalb ist es schon ein wenig affig, dass der Film mit einer an einen Dudeneintrag erinnernden Worterklärung beginnt (Quentin Tarantino hat es zwar in „Pulp Fiction“ ganz ähnlich gemacht, aber 1994 wusste eben tatsächlich kaum jemand, was „pulp“ eigentlich bedeutet). Dafür ist das Setup in der australischen Millionenmetropole Brisbane allerdings auf den Punkt: Der seit exakt einem Jahr trockene Alkoholiker Hank Malone (Alan Ritchson) soll eine Lieferung am Privatflughafen abholen, muss dort jedoch feststellen …

… dass der aus Hawaii eingetroffene medizinische Kurier Ben Bishop (Owen Wilson) die Spenderleber nicht einfach herausrückt, sondern mit ins etwa 80 Kilometer entfernte Krankenhaus an der Gold Coast fahren will. Allerdings ist der ungebetene und extrem redselige Gast auf der Rückbank schon bald Hanks kleinstes Problem. Denn offenbar wartet nicht nur die siebenjährige Ellie (Scarlett Crabtree) mit einer seltenen Blutgruppe auf das kostbare Organ, auch Kartell-Boss Damián Zaldívar (schön teuflisch: Rodrigo Santoro) scheint ein ganz besonderes, persönlich motiviertes Interesse an der Leber zu haben. Er hat sogar die versammelte lokale Bikergang angeheuert, um den titelgebenden Runner noch vor dem Erreichen des Krankenhauses aufzuhalten – und zwar mit absolut allen Mitteln, die dazu notwendig sind …

Da haben sich zwei gesucht und gefunden

Wenn die blonde Ellie mit Schläuchen in der Nase im Krankenbett liegt und ihrer zunehmend verzweifelten Mutter Kate (Leila George) trotz totaler Erschöpfung ein Rätsel präsentiert, bei dem die Antwort ausgerechnet „Engel“ lautet, grenzt das schon an emotionale Erpressung des Publikums. Aber es erfüllt seinen Zweck – ebenso wie die Anonyme-Alkoholiker-Münze zur einjährigen Trockenheit, die als Symbol der tragischen Vergangenheit des Titelhelden völlig ausreicht. Der actionerprobte Regisseur Scott Waugh („Act Of Valor“, „Need For Speed“) weiß, worauf es ankommt, und hält sich mit Nebensächlichkeiten gar nicht erst auf. Das gilt überraschenderweise nicht für die Beziehung der unfreiwilligen Reisegenossen – zumal dauerbrabbelnde Sidekick-Rollen wie Ben schon viele Actionkomödien zur Geduldsprobe gemacht haben.

Aber die Chemie stimmt einfach! Owen Wilson („Meine Frau, unsere Schwiegertochter und ich“) hält sich zumindest so weit zurück, dass man seinen gutgelaunten Charmeur schnell ins Herz schließt, während Alan Ritchson („The Ministry Of Ungentlemanly Warfare“) trotz seiner abgeklärten No-Nonsense-Attitüde ebenfalls ein beachtliches Maß an Empathie durchscheinen lässt. So ist „Runner“ einer der wenigen Filme mit Buddy-Konstrukt, bei denen man den gegensätzlichen Protagonisten am Ende tatsächlich abnimmt, dass sie beste Freunde sind, obwohl sie sich ja eigentlich erst vor wenigen Stunden das erste Mal getroffen haben (und sich selbst dann die meiste Zeit über gar nicht grün waren).

Das kommt im Buddy-Genre viel zu selten vor: Alan Ritchson und Owen Wilson nimmt man ihre plötzliche Freundschaft tatsächlich ab. Splendid Film
Das kommt im Buddy-Genre viel zu selten vor: Alan Ritchson und Owen Wilson nimmt man ihre plötzliche Freundschaft tatsächlich ab.

Das zweite zentrale Element ist selbstredend die Action – und schon bei einem ersten Angriff der Biker entwickelt „Runner“ inmitten eines gut besuchten Marktplatzes direkt eine überzeugende Körperlichkeit (die er anschließend auch in den Oldschool-Auto-Action-Sequenzen inklusive eines in der Mitte „durchgebrochenen“ SUV beibehält). Alan Ritchson nimmt man den Part dabei ohnehin ab – und Scott Waugh hat ihm hier fähige Stuntleute zur Seite gestellt. Anders als bei „John Wick“ oder sonstigen Einsätzen des 87Eleven-Stuntteams wird man atemberaubende Actionakrobatik oder ausufernd-choreografierte Plansequenzen hier zwar vergeblich suchen, aber gerade diese selbstbewusste Bodenständigkeit macht „Runner“ so sympathisch.

Nichts ist bahnbrechend, aber alles ist grundsolide – und dank der zwei Hauptdarsteller angenehm kurzweilig. Das gilt auch für den Härtegrad, der zwar gut reinknallt und bei dem auch keine Gefangenen gemacht werden, der aber trotzdem keine so übertriebenen Gewaltspitzen einstreut, dass er mit dem komödiantischen Ton anderer Szenen völlig brechen würde. Also: Alan Ritchson hat sich für sein Mainstream-Kino-Hauptrollen-Debüt eigentlich genau den passenden Stoff ausgesucht. Jetzt muss sich nur noch herausstellen, ob es an solchen geradlinigen Actionfilmen alter Schule tatsächlich noch breiteren Bedarf gibt – oder ob es womöglich doch seine (ökonomischen) Gründe hat, dass man solche klassischen Midbudget-Produktionen ohne übertriebene High-Concept-Gimmicks heutzutage kaum noch auf der großen Leinwand zu sehen bekommt.

Fazit: Wenn man ganz ehrlich ist, wären drei Sterne wahrscheinlich die passendere Wertung für „Runner“. Aber wir haben so sehr auf einen Kinostar wie Alan Ritchson gewartet, der mit antrainierten Muskeln und natürlichem Charisma einen simplen Actionstoff sicher über die Runden bringt, dass wir diesen halben Extrastern einfach als kleines Dankeschön drauflegen. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass Alan Ritchson trotz frisch unterzeichnetem First-Look-Deal mit Netflix noch den einen oder anderen Ausflug auf die große Leinwand unternehmen wird.

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