The Wolf Of Fleet Street
Von Christoph PetersenVor dem Schreiben der restlichen Kritik zu Danny Boyles „Ink“ wollte ich nur kurz überfliegen, wie der Film nach der Pressevorführung hier beim Filmfest in Venedig sonst so angekommen ist – und gleich drei der ersten fünf Kommentare haben alle denselben „The Wolf Of Fleet Street“-Kalauer enthalten. Aber ich bin jetzt einfach mal bockig und sage: „Die Überschrift über diesem Artikel bleibt trotzdem so, wie sie ist!“ Ja, der Bezug zu „The Wolf Of Wall Street“ ist alles andere als originell, aber dafür passt er eben auch wie die Faust aufs Auge. In einem Artikel haben wir Martin Scorseses Börsenverbrecher-Biopic nicht von ungefähr zum unterhaltsamsten 3-Stunden-Film aller Zeiten gekürt, denn es macht aller moralischen Skrupel zum Trotz einfach unfassbar Laune, Leonardo DiCaprio bei seiner Tour-de-Force-Performance als Aktienhändler-Arschloch zu begleiten.
Ähnlich geht es einem nun auch mit „28 Years Later 2“-Star Jack O'Connell als Larry Lamb, jenem legendären Chefredakteur, der das strauchelnde britische Boulevardblatt The Sun innerhalb nur eines Jahres nach der Übernahme durch den berüchtigten Rupert Murdoch (Guy Pearce) zur meistverkauften Zeitung der Welt machte. Seine Methode: Gebt dem arbeitenden Volk endlich, was es wirklich lesen will – und dazu eine absolute Ruchlosigkeit. Ihn dabei zu begleiten, wie er zwischen November 1969 und November 1970 vom belächelten Außenseiter zum unangefochtenen König der Fleet Street (dem historischen Zentrum der britischen Zeitungsindustrie) aufsteigt, ist wie eine klassische Underdog-Story auf Steroiden – und man könnte im Wirbelwind des Erfolgs leicht verpassen, was auf dem Weg nach oben eigentlich alles angerichtet wurde.
StudioCanal
Zunächst ist es dabei noch Rupert Murdoch, spätestens seit der Gründung von Fox News in den USA (1996) als Grabträger des Journalismus gebrandmarkt, der das Team dazu pusht, immer noch weiter zu gehen – bis hin zum Neigungswinkel des Titelschriftzugs, der sich seiner Meinung nach möglichst weit nach vorne beugen soll, um so eine zusätzliche Dynamik auszustrahlen. Ein ästhetisches Gimmick, das nun auch der – von „Trainspotting“ über „28 Days Later“ bis „Slumdog Millionaire“ – ohnehin nie um ein weiteres visuelles Sperenzchen verlegene Danny Boyle in seinem Film übernimmt: Immer wieder lehnt sich die Kamera zur Seite und vermittelt dem Publikum fast schon das Gefühl, auf den Planken eines Bootes auf unruhiger See zu stehen …
… und das ist nur eines von vielen Stilmitteln, mit denen der Regisseur das Tempo konsequent am Anschlag hält. Da würde man wirklich nicht auf die Idee kommen, es mit einem verfilmten Theaterstück zu tun zu haben. Aber genau das ist der Fall. James Graham hat nicht nur 2017 das preisgekrönte Stück, sondern nun auch selbst das Skript zur Verfilmung verfasst – und seine schnörkellos-pointierten Dialoge gehen perfekt in Boyles gewohnt hyperaktivem Inszenierungsstil auf. Man wird – ebenso wie Lamb – mitgerissen vom Tempo, vom Erfolg, vom Verschieben der Grenzen, immer noch ein kleines Stückchen weiter. Man kann sich kaum dagegen wehren, dem in einem schäbigen Büro arbeitenden The-Sun-Team die Daumen zu drücken, dass sie den etablierten, selbstgerechten Redaktionen von The Daily Mirror & Co. mal so richtig zeigen, wo der Hammer hängt.
Dabei wird erstaunlicherweise nicht Rupert Murdoch als der alles bestimmende Strippenzieher entlarvt. Stattdessen startet der australische Mogul als durchaus überzeugter Disruptor, der selbst irgendwann die Kontrolle verliert über das, was er hier in Gang gesetzt hat. Schließlich ging es zunächst noch darum, Dinge anders zu machen – sich etwas Neues zu trauen, egal in welche Richtung. So landete auch Lambs Geliebte Jules Davies (Claire Foy als fiktive Figur, die der realen Joyce Hopkirk nachempfunden ist) bei The Sun, um eine Frauenseite zu machen – und zwar keine mit Kochen und Häkeln, sondern mit Sex-Tipps, wie auch SIE im Bett zu ihrem Recht kommt. Im Vergleich zur Konkurrenz regelrecht feministisch – aber wenn sich dann herausstellt, dass nackte Brüste auf Seite 3 noch mehr ziehen, dann war es das mit der progressiven Einstellung auch schon wieder. Die Revolution frisst ihre Kinder, das gilt offensichtlich auch auf dem Zeitungsmarkt.
„Ink“ ist in dieser Hinsicht auch ein erstaunlich treffendes Lehrstück dafür, wie Erfolgsgier alle denkbaren Ideale plattmacht. Als die Ehefrau von Murdochs Assistenten entführt wird, bricht The Sun mit allen damaligen Standards für Berichterstattung über aktive Verbrechen – und druckt selbst ihren persönlichen, handgeschriebenen Brief aus der Gefangenschaft für die ganze Nation zum Lesen ab. Murdoch, sichtlich mitgenommen, versucht einmal mehr, Lamb zurückzupfeifen – aber der zeigt nur wieder auf den damals noch nicht elektronischen, sondern mit Stricknadeln handgesteckten Chart, der den unaufhaltsamen Aufstieg des Blatts an die Spitze festhält. Da fängt man dann auch als Zuschauende*r an, die gedrückten Daumen langsam zu lockern. Schließlich grummelt es da schon im Magen, dass hier eine Entwicklung in Gang gesetzt wird, die 50 Jahre später zu einer globalen Fake-News-Flut führen wird. Dass Danny Boyle vor dem Abspann noch mal explizit Bilder von Donald Trump, Elon Musk und Andrew Tate zeigt, hätte da eigentlich gar nicht mehr Not getan.
Fazit: Nach „The Wolf Of Wall Street“ beweist auch „Ink“ einmal mehr, wie ungeheuer viel Spaß es mitunter doch macht, besonders unmoralisch agierenden Menschen bei der Arbeit zuzusehen.
Wir haben „Ink“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er als Eröffnungsfilm und Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.