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    Egoshooter
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Egoshooter
    Von Deike Stagge
    Filme mit ausschließlich subjektiver Kameraführung sind seit dem „Blair Witch Project“ keine Neuheit mehr. Statt die Wackelkamera für Gruseleffekte zu nutzen, verleihen die beiden Regisseure Christian Becker und Oliver Schwabe ihrem als Videotagebuch aufgemachten „Egoshooter“ durch diese spezielle Erzählweise erst die persönliche Note.

    Jakob (Tom Schilling) ist neunzehn Jahre alt und weiß noch nicht so wirklich, was er mit seinem Leben anfangen soll. Er wohnt bei seinem älteren Bruder Kris (Lennie Burmeister) und dessen schwangerer Freundin Karo (Lilia Lehner) und lebt in den Tag hinein. Kontakt zur Mutter gibt es kaum, der Vater spielt überhaupt keine Rolle. Statt über Unterhaltszahlungen finanziert Jakob sein Leben durch gelegentliches Anbetteln von Passanten.

    Sein größter Schatz ist eine Videokamera. Mit ihr hält er sein alltägliches Leben in kleineren und größeren Episoden fest: Hip-Hop-Konzerte seines besten Freundes Philip (Max Timm), das abendliche Abhängen auf Parties, den nächtlichen Einbruch in eine Villa, ebenso Selbstbefriedigung und ein Besäufnis mit Philips allein stehender Mutter. Er erzählt relativ unstrukturiert von seinen Träumen und Ängsten. Doch in seinem Dokumentationseifer überschreitet Jakob auch einige Grenzen. Er filmt unbemerkt seinen Bruder und Karo, in die er heimlich verliebt ist, beim Geschlechtsverkehr und löst damit eine folgenreiche Krise aus.

    „Egoshooter“ wirkt in der Auswahl seiner Handlungsepisoden fast schon willkürlich. Das Leben von Jakob verläuft in ungeordneten Bahnen und wird somit auch dementsprechend erzählt. Für den Zuschauer bedeutet das erhöhte Aufmerksamkeit, wenn man sich in den ersten zwanzig Minuten nur die Namen und Gesichter der einzelnen Beteiligten merken möchte. Personen tauchen auf und verschwinden wieder, nur in wenigen Fällen hat eine Handlung von Jakob auch Konsequenzen, die in das Videotagebuch aufgenommen werden. Das Charakteristische an diesem Film ist, dass er bis kurz vor Schluss keine merkliche Entwicklung durchmacht. Es werden lediglich Episoden aus dem Leben des Protagonisten aneinander gereiht, die ohne Tabus seine Lebensumstände dokumentieren und einen kleinen Einblick in seine Gedankenwelt geben. Das Publikum begleitet Jakob über 79 von ihm dafür scheinbar zufällig ausgewählte Minuten seines Lebens. An einigen Stellen wird diese episodenhafte Zusammenstellung anstrengend, weil publikumsfreundliche Übergänge fehlen.

    Die Hauptrolle von „Egoshooter“ ist mit Tom Schilling („Crazy“) gut besetzt. Der gerade im Drama „Napola“ aufgefallene Jungschauspieler drehte nicht nur den Großteil der Szenen selbst mit der Handkamera, sondern entwirft eine Charakterstudie seiner Figur, die sich allmählich zusammensetzt und seine Ängste vor Einsamkeit und Leere ebenso wie seine Sprunghaftigkeit und die Suche nach dem sexuellen Kick offenbart. Während der Dreharbeiten gab es für den Darsteller jederzeit die Möglichkeit, die Szenen zu improvisieren, da das Drehbuch bewusst sehr offen angelegt wurde. Dass er dieses Angebot dankend angenommen hat, beweist seine herausragende Leinwandpräsenz. Die Idee entstand aus einem früheren Projekt von Regisseur Oliver Schwabe, der für einen Dokumentarfilm des NDR ein Jahr lang Jugendliche ihr Leben filmen ließ, um daraus einen Beitrag fürs Fernsehen zu schneiden. Diese Vorerfahrung floß auch in die Ausgestaltung des Charakters von Jakob ein, der dadurch einen engeren Realitätsbezug erhält.

    „Egoshooter“ lebt als Charakterstudie von der Präsenz seines Hauptdarstellers und der Beziehung zu den anderen handelnden Personen. Diese Verhältnisse gibt der Film unbeschönigt und gänzlich unkommentiert wieder. Dennoch wird er wohl nicht auf ein großes Massenpublikum treffen, da er durch seine auf eine reine Zustandsbeschreibung festgelegte Erzählform in ernüchternden Bildern eher einen kleineren Interessentenkreis anspricht. Für anregenden Gesprächsstoff nach dem Kinobesuch sorgt die Umsetzung von „Egoshooter" aber allemal.
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