Die Wahrheit hinter den Polit-Gepolter!
Von Thorsten Hanisch„Die Deutschen müssen mehr arbeiten!“ – so dröhnt es schon seit einer ganzen Weile immer und immer wieder aus dem Konrad-Adenauer-Haus in Berlin, womit die CDU zielsicher dieselben hitzigen Diskussionen anstößt, die im Kern alle um die eine Frage kreisen: Ist das tatsächlich eine berechtigte Forderung oder vielleicht doch nur polemisches Geschwätz einer von der Alltagsrealität völlig entkoppelten Politik-Blase? „Ich verstehe Ihren Unmut“ von Kilian Armando Friedrich wirkt wie eine eindringliche Antwort auf diese Fragestellung – und taucht tief ein in einen Bereich, der in der politischen wie medialen Wahrnehmung des Themas Arbeit oft keine Rolle spielt. Es geht um den Niedriglohnsektor, genauer gesagt um die Welt von Heike Kamp, der 59-jährigen Objektleiterin einer Gebäudereinigungsfirma.
Gespielt wird die Protagonistin von Sabine Thalau, die im „wahren“ Leben ebenfalls als Objektleiterin einer Reinigungsfirma tätig ist – sie weiß also, wovon sie da spricht. Als Heike kämpft sie sich Tag für Tag durch einen trostlosen Alltag und greift dabei auch schon mal zu unlauteren Methoden, da ihr schlichtweg nichts anderes übrigbleibt. Das beklemmende Sozialdrama zieht einen mit seiner semi-dokumentarischen Inszenierung, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion in vielen Momenten völlig verschwinden lässt, sowie der grandiosen Newcomerin in der Hauptrolle schnell in seinen Bann. Ein wenig stolpert er allenfalls über einen überflüssigen Nebenstrang um Heikes arbeitslosen Mitbewohner Detlef (Werner Posselt).
Real Fiction
Heike ist im Dauerstress. Die stämmige Frau mit den langen roten Haaren koordiniert, steuert und überwacht Reinigungsarbeiten in diversen Gebäuden. Dabei muss sie darauf achten, dass ihr Personal nicht nur arbeitet, sondern die anfallenden Aufgaben gründlich erledigt. Während Autofahrten fungiert sie als Ansprechpartnerin für nörgelnde Kund*innen und muss zudem noch ihren Chef Kemal (Kemal Karatepe) ertragen. Kemal ist nicht gerade gut drauf, denn er findet nicht ausreichend Personal und muss deswegen aufpassen, Subunternehmer Vadym (Denislav Mihaylov) nicht zu vergrätzen.
Da ist es nicht optimal, dass Heike versucht, einen illegal beschäftigten Mitarbeiter von Vadym abzuwerben. Vadym kriegt das allerdings mit und droht, die Zusammenarbeit zu beenden, wenn er nicht mehr Arbeitsstunden bekommt. Um die Forderungen zu erfüllen, muss Heike jedoch einen ihrer Mitarbeiter entlassen – und zwar einen Kollegen, den ihre Mitarbeiterin und Freundin Taja (Nada Kosturin) besonders schätzt …
Die äußerst agile Handkamera begleitet Heike zunächst bei ihrem Arbeitsalltag. Die Frau hetzt die Treppen rauf und runter, fordert Mitarbeiter*innen auf, ordentlicher zu arbeiten oder nicht zu trödeln. Ebenso füllt sie Reinigungsmittelkanister nach, sammelt schmutzige Putzlappen ein und hört sich im Auto an, was die Kundschaft Unerfreuliches zu sagen hat. Wenn die Kund*innen zur Abwechslung mal nicht schimpfen, meckert der Chef. Zeit zum Durchschnaufen gibt es nicht, was vor allem dadurch deutlich wird, dass Heike zwar ständig zur Zigarette greift, aber auch ihr Rauchen seltsam gehetzt wirkt, sie die Zigaretten gar nicht zu genießen scheint.
Heike tritt im Umgang mit den Mitarbeitenden zumeist barsch auf und überschreitet schon mal moralische Grenzen. Eine frühe Szene zwischen Taja und ihr offenbart allerdings auch, dass hier offensichtlich ein gutes Herz in allerwidrigsten Umständen unterwegs ist. „Ich verstehe Ihren Unmut“ handelt nicht nur vom gnadenlosen Arbeitsalltag am Rande der Gesellschaft, sondern ebenso davon, wie dieser Alltag Menschen umformt. Sabine Thalau spielt das mit viel Zurückhaltung, aber in den passenden Momenten auch mit der nötigen Explosivität. Die Konflikte des Films werden dabei nie überzeichnet, sondern bleiben stets realistisch – was sie nur noch eindringlicher macht.
Real Fiction
Heikes Geschichte fesselt von der ersten Minute, geht zu Herzen und mündet schlussendlich gar nicht mal so sehr in sozialen Pessimismus, wie man es vielleicht erwarten würde. Rätselhaft mutet allerdings ein Nebenstrang um Mitbewohner Detlef an. Nicht nur, dass die Verbindung zwischen Heike und Detlef völlig unklar bleibt, man kann sie gar nicht wirklich nachvollziehen: Detlef ist ein unsympathischer Drückeberger, der in einem steilen Kontrast zur superhart schuftenden Objektleiterin steht. Wollte man vorsichtshalber darauf hinweisen, dass es nicht nur ausgebeutete Arbeitnehmer*innen, sondern eben auch echte Faulpelze gibt? Es bleibt ein überflüssiges Plotelement, das den Film aber nicht arg runterzieht. Detlef taucht glücklicherweise nur am Rande auf und verabschiedet sich dann irgendwann auch ganz aus der Handlung.
Fazit: Ein packendes Sozialdrama im Niedriglohnsektor, das sich beklemmend real anfühlt und mit einer fantastischen Hauptdarstellerin aufwartet.