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    Transamerica
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Transamerica
    Von Christoph Petersen
    Frodos gefährliche Reise zum Schicksalsberg in Tolkiens „Herr der Ringe“, um dort den Goldring in die kochende Lava zu werfen, ist ganz klar eine einzige Metapher für die Homosexualität des kleinen Hobbits. Wer eine unwiderlegbare Erklärung zu dieser Theorie hören will, muss sich wohl Duncan Tuckers „Transamerica“ ansehen. Ein durchaus lohnenswertes Opfer, denn außer der „Herr der Ringe“-Interpretation hat das Transgender-Road-Movie auch noch eine fantastische, für diese Rolle mit dem Golden Globe belohnte Felicity Huffman („Desperate Housewives“), eine wunderbar anrührende Geschichte und spannende Charaktere zu bieten.

    Lange musste die transsexuelle Bree (Felicity Huffman) auf die Operation sparen, die sie endlich zu einer vollständigen Frau machen soll. Doch eine Woche vor dem ersehnten Termin erhält sie eine unerwartete Nachricht aus New York. Ihr Sohn Toby (Kevin Zegers, Wrong Turn, Dawn Of The Dead), der noch aus unsicheren High-School-Zeiten stammt, als Bree noch Stanley und ein Mann war, sitzt wegen Drogenbesitzes im Jugendgefängnis. Eigentlich interessiert das Bree nicht die Bohne, aber ihre Therapeutin (Elizabeth Pena) droht damit, die Operation platzen zu lassen, wenn Bree sich nicht ihrer Vergangenheit stellt. Also fliegt sie nach New York und holt ihren Sohn aus dem Knast. Das Toby Bree verständlicherweise nicht für seinen Vater, sondern eine christliche Pflegerin hält, kommt ihr gerade recht und anstatt das Missverständnis aufzuklären, nimmt sie Toby mit auf eine Fahrt nach Los Angeles, um ihn auf dem Weg bei seinem Stiefvater loszuwerden. Als der sich jedoch als pädophil und gewalttätig herausstellt, muss das zerbrechliche Gespann es noch länger miteinander aushalten. Immer mehr fängt Toby an, Bree zu bewundern, aber als er die Wahrheit endlich herausfindet, bricht eine Welt für ihn zusammen…

    Transgender: eine Bezeichnung für Menschen, deren Identitätsgeschlecht nicht ihren körperlichen Geschlechtsmerkmalen entspricht. Transgender-Rollen gab es bisher im amerikanischen Mainstream-Kino fast ausschließlich nur als Gaglieferanten in Comedys oder zur Unterstreichung der Toleranz der Hauptfigur (z. B. in Burt Munro mit Anthony Hopkins). Mit „Transamerica“, dessen doppeldeutiger Titel zum einen für die Transsexualität seiner Hauptfigur und zum anderen für die Reise quer durch Amerika steht, ist nun zumindest ein aufwendigerer Independent-Transgender-Film entstanden, der mit seiner positiven, aber nicht beschönigenden Sicht auf die Menschen Mut macht, aufeinander zuzugehen. Auch wenn die Protagonisten etwas Besonderes sind, Bree ist Transsexuelle und Toby ist ein Stricher, wird eine so universelle Geschichte vom Wunsch nach Familie und Liebe erzählt, dass das Verständnis des Zuschauers vom „normal“ Sein aus den Angeln gehoben wird – entweder sind wir alle normal, oder wir sind alle etwas Besonderes, eine andere Interpretation lässt der Film nicht zu und das ist auch gut so.

    Die Qualität von „Transamerica“ zeigt sich am besten anhand von Felicity Huffmans Darstellung der transsexuellen Bree. Selbst wenn man weiß, wer die Hauptrolle spielt und Huffman schon aus anderen Produktionen kennt, ist sich der Zuschauer zu Beginn des Films einfach nicht sicher, ob Bree nun von einem Mann oder einer Frau gespielt wird (großes Lob auch an die Make-up-Abteilung). Auch nach einiger Zeit bleibt noch ein Rest Zweifel bestehen, aber man wird so schnell in die Geschichte hineingezogen und fiebert mit den Figuren bei ihrem Kampf um einen Platz im Leben so sehr mit, dass das Geschlecht der Hauptdarstellerin und sogar ihre großartige Schauspielleistung in den Hintergrund treten. Anders zum Beispiel als bei Capote, bei dem man Philip Seymour Hoffman zwar den ganzen Film über für seine Darstellung des exzentrischen Künstlers bewundert, mit seiner dargestellten Figur aber nur selten mitfühlt. Obwohl bei Transamerica das ganze Drumherum, das Thema Transgender und die Darstellung einer Transsexuellen durch einen „Desperate Housewives“-TV-Star, sich mit aller Kraft in den Vordergrund drängen will, kommt es an den komplexen Figuren und ihrer berührenden Geschichte nicht vorbei. Und das ist eine nicht hoch genug einzuschätzende Leistung.

    Mit dem Erfolg von Brokeback Mountain ist Hollywood momentan in einer toleranten Phase. Aber ist es wirklich tolerant, wenn man extra ins Kino geht, um sich endlich mal mit dem Thema Homosexualität auseinanderzusetzen? Für mich klingt das eher wie eine Mutprobe. Wirklich tolerant wäre es, wenn man ins Kino geht, weil einen die Geschichte oder der Regisseur interessieren und nicht die Sexualität der Protagonisten. Wirklich tolerant wäre es, wenn man ins Kino geht, weil einem die Schauspieler gefallen und nicht, weil die Schauspieler mutig genug sind, sich zu küssen. Ang Lees Film, der an sich wirklich gut ist, hat aber gerade diese eine Schwäche, dass er, indem er sehr genau kalkuliert, wie weit er gehen kann, dieses vorsichtige Herantasten an das Thema Homosexualität unterstützt. Die Intimitäten zwischen Heath Ledger und Jake Gyllenhaal bleiben auf bestimmte Szenen beschränkt, so dass dem Zuschauer wie in einem Horrorfilm Ruhephasen bleiben, um sich von dem Schock zu erholen. Nicht dass jeder Kinobesucher diese Zugeständnisse brauchen würde, viele genießen einfach nur einen guten Film, aber so wird es einem großen Teil (vor allem in den USA) doch erheblich einfacher gemacht, „tolerant“ zu sein. Nun kann man Brokeback Mountain und „Transamerica“, der mit einem Budget von nur einer Million Dollar einfach weniger Rücksicht nehmen muss, nicht wirklich vergleichen. Aber trotzdem schafft es „Transamerica“, obwohl transgender in Sachen Akzeptanz in der Gesellschaft noch weit hinter schwul rangiert, auf wundersame Weise, dass es nie um ein Thema, sondern immer um die Charaktere dahinter geht. Wenn Bree in Frauenkleidern ihren Penis rausholt und in den Straßengraben pinkelt, dann ist das halt so, wird aber nicht zu einem solchen Ereignis wie etwa die Liebesszenen in Ang Lees Cowboy-Film hochstilisiert. Das macht „Transamerica“ zu einem menschlichen Meisterwerk und filmisch ist er auch nur einen winzigen Schritt davon entfernt.
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