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    Mein blühendes Geheimnis
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Mein blühendes Geheimnis
    Von Ulrich Behrens

    Frauen, die weinen, interessieren den spanischen Regisseur Pedro Almodóvar, die Geschichte dieser Tränen und der Weg, den die Frauen zurücklegen, bis sie weinen. Auch in „Mein blühendes Geheimnis“ geht es um eine solche, todunglückliche Frau, von der Almodóvar erzählt.

    Nicht einmal die Stiefel von ihrem Mann Paco (Imanol Arias), mit denen sie sich Nähe zu ihrem in Brüssel arbeitenden Mann verschaffen will, bekommt Leo (Marisa Paredes) von ihren Füßen. Leo befindet sich in einer tiefen Krise. Sie eilt zu ihrer einzigen Freundin, der Psychologin Betty (Carmen Elias), um die Stiefel los zu werden. Betty ist entsetzt, sagt Leo, sie müsse sich endlich der Wirklichkeit stellen, anstatt in ihren Phantasien und Sehnsüchten zu leben, sich bei El País melden, um dort etwas Vernünftiges zu schreiben statt Groschenromane. Doch Leo leidet unter der Abwesenheit Pacos, der sich als Mitglied der NATO-Friedenstruppe gemeldet hat und in Brüssel befindet. Beide haben etliche Auseinandersetzungen über ihre Ehe hinter sich. Leo, die unter dem Pseudonym Amanda Gris kitschige Romane schreibt und sich bei ihrem Verlag drei Jahre verpflichtet hat, gelingt selbst das Schreiben dieser Bücher nicht mehr. Sie träumt nicht nur von einem realistischen Roman; sie schreibt ihn auch, wirft ihn aber in den Papierkorb, schreibt erneut, liefert ihn sogar bei den Vertretern des Verlags, Alicia (Gloria Muñoz) und Tomás (Juan José Otegui) ab, die diese Art von Realismus schlichtweg ablehnen, Leo sogar verklagen wollen, wenn sie nicht ihren Vertrag erfüllt.

    Auch mit ihrer eigenen Familie kommt Leo nicht mehr zurecht. Mutter Jacinta (Chus Lampreave) und Schwester Rosa (Rossy de Palma) leben zusammen, oder vielmehr: streiten die ganze Zeit über miteinander. Jacinta hasst Madrid, will wieder zurück in ihr Heimatdorf. Endlich nimmt Leo die Gelegenheit wahr, bei El País Artikel zu Literatur zu schreiben. Sie lernt Ángel (Juan Echanove) von der Redaktion kennen, der meint, ihr realistischer Roman habe das Zeug, veröffentlicht zu werden.

    „Mein blühendes Geheimnis“ ist ein stilles Melodram. In der Anfangsszene – einer Videoaufnahme, die Betty in einem Kurs für Ärzte organisiert – kündigt sich das Drama an, das der spanische Regisseur diesmal mit deutlich weniger Hysterie (und ohne Mord) inszenierte: Eine Frau, Manuela (Kiti Manver), wird von zwei Ärzten informiert, dass ihr Sohn nur noch künstlich beatmet werde, sein Gehirn aber tot sei. Manuela will dies nicht wahr haben, wehrt sich gegen die Realität. Ihr Sohn lebe; wenn er noch atme, dann lebe er auch noch. Die beiden Ärzte haben alle Mühe ihr beizubringen, dass er wirklich tot ist. Als ihr diese schreckliche Gewissheit bewusst wird, bitten sie die Ärzte zuzustimmen, dass man ihrem Sohn lebenswichtige Organe entnimmt, um anderen Menschen das Leben zu retten. Manuela weigert sich, nein, sie will ihren Sohn sehen, erst darüber nachdenken. Doch die Zeit drängt; sie muss sich sofort entscheiden ...

    Leo lebt in der Vorstellung von der großen Liebe zwischen ihr und Paco, dass über alle Streitigkeiten hinweg ihr Ehe Bestand hat, dass sie sich mit ihm aussöhnen wird, dass sie ohne ihn nicht leben kann, dass sie weiter trinken wird, wenn er so weit weg ist, dass sie nicht mehr schreiben kann, was man von ihr verlangt. Leo lebt in einer Traumwelt, die sie sich selbst geschaffen hat. Ihr Wunschdenken, ihre Phantasie prägt ihren seelischen Zustand, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Sie wirft Paco in den wenigen Stunden, in denen er in Madrid ist und nach denen er nach Split fliegt, vor, andere Menschen retten zu wollen, aber nicht sie. Dass er dies nur zum Vorwand nimmt, um nicht sie retten zu müssen.

    Das Drama Leos ist ihre Traumwelt, ihre selbst geschaffene Abhängigkeit von einem Bild, das sie sich von Paco macht und das so gar nicht der Realität entspricht und sie in die Unselbständigkeit, Hilflosigkeit und das Leiden treibt. Almodóvars große Fähigkeit besteht darin, diese Leidensgeschichte in einer Kombination von erzählenden und psychologischen Momentaufnahmen zu realisieren, die eben nicht davon lebt, einerseits belanglos die Kamera laufen zu lassen, andererseits das psychologische Lehrbuch zu zitieren. Das Psychologische ergibt sich aus der Erzählweise selbst, aus der Realität der handelnden Personen, denen man auf eine eigentümliche, ja authentische Weise nahe ist. Authentizität ergibt sich dabei nicht aus der Beschwörung des „Reinen“, „Unverfälschten“. Das Unverfälschte ist die Realität selbst, der die Kamera, die Schauspieler, das Drehbuch, die Musik, die Verschränkung der verschiedenen Handlungsebenen, die Geschichten und Geschichtchen, die in die Haupthandlung mit eingeflochten werden, so hautnah kommen, dass solche Filme fast dokumentarischen Charakter erhalten.

    Leo hat ein blühendes Geheimnis. Das ist die Entdeckung ihrer selbst, ihre eigene Authentizität. Ein wunderbarer Film über eine Frau, wie meist bei Almodóvar, für Frauen und Männer; eine Geschichte, die von den Tränen rückwärts geht und den ganzen dramatischen Weg aufrollt mit aller Liebe und Offenheit.

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