Ich habe fast alle Filme von Haneke gesehen, "Das weiße Band" zweimal, obwohl trotz der technischen Perfektion keinesfalls mein Lieblingsfilm von ihm - dieser Film wirkt auf mich nämlich nicht wie von viele Kritikern dargestellt als Vorschau auf den Nationalsozialismus, sondern eher wie "Funny Games" infolge einer Drogenpandemie, wie ein Science-Fiction-Horrorfilm, knapp am Zombie-Film. Hier wird einfach eine ganze Gesellschaft als bösartig dargestellt, und nur der extrem naive, letztlich duckmäuserische Lehrer und die sich aufgrund ihrer Privilegien in den sonnigen Süden absetzen könnende Baronin erkennen das Böse, tun aber nichts Effektives dagegen, retten nur ihre eigene Haut.
Müssen ungleiche Abhängigkeitsverhältnisse und obrigkeitlicher Druck allein eine solche Dystopie rechtfertigen? Nun, ich hatte beim österreichischen Bundesheer sadistische Ausbildner, die bestenfalls Schaffner in einer Geisterbahn hätten werden dürfen, habe dort aber andererseits mit meinen Zimmerkameraden die einzige funktionierende echte Demokratie in meinem Leben genossen. Diese Burschen waren das gesamte soziale Spektrum vom Holzknecht bis zum Akademiker und ausnahmslos feine Charaktere, die wie Pech und Schwefel zusammenhielten. Die Begüterten unter ihnen haben sogar ohne jede Herablassung ihre Zuwendungen von zu Hause ganz selbstverständlich und aus eigenem Antrieb von sich aus zum Allgemeingut erklärt, also gewissermaßen einen nicht revolutionären, sondern evolutionären "Edelkommunismus" kreiert, was von niemandem missbraucht wurde und unseren Zusammenhalt vertiefte, alle gleich und glücklich machte. Ein egoistischer "Einzelfall" in der Gruppe hätte diese Harmonie bestimmt zerstört, aber unter uns gab es erfreulicherweise nur wirkliche "Gutmenschen", was allgemein sicher selten vorkommt, denn ein Schulfreund von mir kam an manchen Wochenenden mit einem blauen Auge vom Bundesheer heim.
Der Film spielt anfangs des 20. Jh., wieso gibt es heutzutage, wo das Schlagen von Kindern durch Laissez-faire und eine boomende Psychotherapeuten- und Pharmaindustrie ersetzt wurde, immer noch viele jugendliche Psychos, die herumrandalieren, mobben, kriminell werden, wieso mutieren verhätschelte europäische Smartphone-Bälger sogar zu Dschihadisten? Weil es entgegen allen weltfremden utopischen Ideologien eben auch das angeborene Böse gibt, wenn auch nicht in einer derart unrealistischen Anhäufung wie in diesem Film.
Und dass Haneke die Aufklärung der mysteriösen Kriminalfälle verweigert, nur dubiose Spuren legt, gemahnt mich an das verstockte, hinterfotzige Verhalten der Kinder in diesem Film.