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    Kabinett außer Kontrolle
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Kabinett außer Kontrolle
    Von Björn Becher

    Mit „The Thick Of It“ hat Armando Iannucci eine von vielen hervorragenden britischen Comedy-Serien der vergangenen Jahre geschaffen. Im Mittelpunkt steht der politische Strippenzieher Malcolm Tucker (Peter Capaldi), der immer wieder seine liebe Mühe hat, alle Kabinettsmitglieder auf Regierungslinie zu halten. Iannucci entlarvt in der urkomischen Satire das politische Treiben hinter den Fassaden der Macht. Mit „In The Loop“ legt er nun quasi ein Spielfilm-Sequel seiner Serie nach. Obwohl offiziell weder eine Fortsetzung noch ein Spin-Off, steht doch erneut Tucker im Mittelpunkt, nur wird der Blick dieses Mal etwas weiter gerichtet, nämlich nach Amerika. Die Klimax der brillanten Satire bildet eine UN-Abstimmung über die Kriegserklärung gegen ein Land im Nahen Osten, in der plötzlich (gefälschte) Beweise auftauchen. „In The Loop“ ist zwar rein fiktiv – die Parallelen zur Realität liegen aber natürlich auf der Hand.

    Offiziell darüber sprechen darf zwar niemand, doch die Spatzen pfeifen es schon lange von den Dächern: Die US-Regierung wird bald einen Krieg im Nahen Osten beginnen. Die Linie der britischen Regierung ist klar: Bloß nichts dazu sagen - aber wenn es dann soweit kommt, bedingungslos zum Bündnispartner stehen. Doch dann rutscht dem Secretary Of State For International Development, Simon Foster (Tom Hollander), in einem Radio-Interview die Aussage heraus, dass ein Krieg „unvermeidbar“ sei. Kommunikationschef Malcolm Tucker (Peter Capaldi) ist auf 180 und verordnet Foster erst einmal einen Maulkorb. Doch der tollpatschige Politiker laviert sich mit unbedachtem Herumgedruckse weiter in den Schlamassel. Das bringt Foster die Aufmerksamkeit zweier Kriegsgegner innerhalb der US-Regierung ein. Die gewiefte Politikerin Karen Clarke (Mimi Kennedy) will gemeinsam mit dem hochrangigen Offizier Lt. Gen. George Miller (James Gandolfini) beweisen, dass es durchaus Pläne für einen Krieg gibt und dieser falsch ist. Da ihr Rivale Linton Barwick (David Rasche), der eine Handgranate als Briefbeschwerer benutzt, den Krieg aber unbedingt will und tatsächlich schon im Geheimen vorbereitet, hat sie einen schweren Stand. So lädt sie Foster in die USA ein, um ihn wie eine Puppe zu lenken und für ihre Absicht, die Kriegsplanungen aufzudecken, zu missbrauchen…

    In „The Office“ beziehungsweise serie,Stromberg steht ein arroganter Chef im Mittelpunkt, der an Inkompetenz kaum zu überbieten ist und sich immer wieder mit Unbedachtem kräftig in die Scheiße reitet. Tom Hollanders Simon Foster ist eine Art Weichei-Version davon, die sogar vor eigenen Angestellten oder einem Vorort-Provinzling, der wegen einer einsturzgefährdeten Mauer rebelliert (herrlich schräg: Steve Coogan), die Hosen voll hat. Wunderbar tapst er durch das „große“ politische Washington und weiß bald selbst nicht mehr, welche Meinung er nun eigentlich vertreten soll. Peter Capaldi verkörpert den arroganten Gegenpart. Mit einer mehrminütigen Schimpftirade wird er standesgemäß in den Film eingeführt. Auch im weiteren Verlauf begeistern seine dauernden Wutausbrüche, die voller wilder Filmzitate stecken (zum Beispiel: „Was it you, the baby from Eraserhead?“ oder „You sounded like a nazi Julie Andrews!“).

    Der in Deutschland bisher noch recht wenig bekannte Capaldi beweist dabei wieder einmal sein schauspielerisches Talent, das ihn sogar zu einem Geheimfavoriten auf eine Oscar-Nominierung macht. Schon in dem „Torchwood“-TV-Event „Kinder der Erde“ spielte Capaldi einen harten Politiker, der tragische Entscheidungen treffen musste. Die Rolle des aufbrausenden Strippenziehers Malcom Tucker hat er zudem schon in Ianuccis Polit-Comedy-Serie „The Thick Of It“ großartig interpretiert. Das bewährte Konzept behalten Ianucci und Capaldi bei und so darf der Schotte Capaldi seinem Hang zum expressiven Spiel erneut freien Lauf lassen. Die Dialog- und Fluchsalven, die vor allem Capaldi dabei auf den Zuschauer loslässt, sind so schnell, dass man beim ersten Anschauen nur einen Teil davon überhaupt erfassen kann. Deshalb zählt „In The Loop“ auch zu den Filmen, die bei einer Synchronisation massiv an Qualität einbüßen werden.

    Ianucci karikiert wunderbar bösartig das amerikanisch-britische Verhältnis. Während die Briten immer ein bisschen größer erscheinen wollen, als sie es eigentlich sind, werden sie von den Amerikanern immer ein wenig kleiner gehalten, als sie es eigentlich verdient hätten. So kämpfen Foster und Tucker bei ihrem USA-Aufenthalt beständig darum, ernst genommen zu werden. Während Foster auf dem Papier ein Politiker von Format ist, wird er von der US-Regierung mit Gesprächspartnern abgespeist, die so aussehen, als dürften sie mit dem Eintritt der Pubertät erst in wenigen Jahren rechnen. Und wenn er eine seiner ausdauernden „Fuck“-Tiraden auf offener Straße loslässt, muss er sich von übergewichtigen Einheimischen vorhalten lassen, dass man diese Schimpfwörter in den USA nicht gebrauchen darf. Foster ist dagegen eine arme Wurst. Wenn er in Boxershorts im Bett seines Hotelzimmers mit Naturdokumentationen die Zeit totschlägt oder auf den Gängen der US-Politikbüros erfolglos versucht, irgendwie beschäftigt auszusehen, erhascht er das volle Mitleid des Zuschauers.

    „In The Loop“ bedeutet übersetzt „auf dem Laufenden“, was im Film die wenigsten Charaktere sind, der Zuschauer aber immer bleiben muss. Es gibt so viele Anspielungen, dass man diese gar nicht alle mitbekommen kann. Das Tempo ist durchgängig extrem hoch und die Einstellungen der britischen Politiker wechseln im Minutentakt. Hier gilt es allerdings ein kleines Manko festzustellen. Was bei einer Serien-Laufzeit erstklassig funktioniert, gerät über die volle Spielfilmlänge ein wenig strapaziös. Gegen Ende haut Iannucci dann eben doch die eine oder andere Salve zu viel heraus. Mit wachsendem Erstaunen wundert man sich als Zuschauer trotzdem darüber, wie es dem Film gelingt, über eine Laufzeit von mehr als 100 Minuten konstant so viel Dialogwitz zu präsentieren. Fast jeder Satz beinhaltet eine gelungene Pointe oder bereitet zumindest eine solche vor. Mit Erleichterung stellt man fest, dass Iannucci nicht alleine dermaßen brillant ist, sondern sich gleich vier Schreiberlinge seiner Serie „The Thick Of It“ zur Unterstützung herangeholt hat - darunter auch Jesse Armstrong, der Miterfinder der genialen Serie „Peep Show“.

    Fazit: Die Satire von Armando Iannucci ist voller erstklassig pointiertem Dialogwitz und eine Perle des aktuellen Kinojahres. Dass ein Kinostart abseits von Festivals noch ungewiss ist, liegt wohl allein daran, dass der exzellent gespielte Film in der deutschen Synchronisation wohl nicht einmal mehr halb so gut funktionieren wird.

    „In The Loop“ läuft als Eröffnungsfilm auf dem Britspotting Film Festival 2009

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