Das letzte Aufbegehren eines Kultregisseurs gegen die Prüderie!
Von Selina SondermannGregg Araki gilt als eine der wegbereitenden Stimmen des New Queer Cinema der 1980er und 1990er Jahre. In seiner Teenage Apocalypse Trilogie, bestehend aus „Totally F***ed Up“, „The Doom Generation“ und „Nowhere – Eine Reise am Abgrund“, behandelte er etwa die Endzeitstimmung einer Jugend im Zeichen der AIDS-Krise und gesellschaftlicher Entfremdung. Wie weit sein Einfluss bis heute reicht, zeigte zuletzt „Club Kid“, um den beim Cannes-Filmfestival ein regelrechter Bieterkrieg zwischen den Studios ausgebrochen ist: Drehbuchautor und Regisseur Jordan Firstman lässt darin sein fiktives Alter Ego darüber sinnieren, wie sehr ihn Arakis „Mysterious Skin“ als Heranwachsender prägte.
Während er seit 2014 nur noch einzelne Serienepisoden – darunter für die Netflix-Hits „Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer“ oder „Tote Mädchen lügen nicht“ – inszenierte, führt ihn sein erster Spielfilm seit zwölf Jahren nun zurück zu seinen Wurzeln. Dies mag für seine Fans zwar ein Grund zum Feiern sein, der Anlass für das Leinwand-Comeback ist jedoch weniger erfreulich. Schließlich hätte man noch vor einigen Jahren zur Überzeugung kommen können, die sexuelle Revolution sei längst vollendet und der Kampf um körperliche Selbstbestimmung gehöre der Vergangenheit an. Stattdessen propagiert nun ausgerechnet eine Generation, die mit nie dagewesenen Freiheiten aufgewachsen ist, eine neue Debatte rund um die Grenzen sexueller Offenheit. Da muss Araki selbst mit 66 Jahren noch mal ran!
Magnolia Pictures
In „I Want Your Sex“ geht es um den Gen-Z-Protagonisten Elliot (Cooper Hoffman), der als mager bezahlter Assistent für die provokante Künstlerin Erika Tracey (Olivia Wilde) arbeitet. Weil das emotionale Spektrum seiner Freundin Minerva (Charli xcx) gerade von mildem Desinteresse bis zu unverhohlener Abscheu reicht, ist der junge Mann Feuer und Flamme, als seine Vorgesetzte eine sexuelle Beziehung vorschlägt. Dass ihn dieses Verhältnis in einen bizarren Kriminalfall verstricken wird, ahnt er zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht …
Zwar umschwirrt der Begriff „Erotikthriller“ die Bewerbung des Films, aber Gregg Araki präsentiert genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich vom Genre erwartet: Statt den Protagonisten und mit ihm das Publikum in ein fatales Netz der Begierde zu verstricken, bei dem die Lust zur Schlinge wird, belustigt man sich vielmehr an Elliots Naivität und Unbeholfenheit. Die Bedrohung liegt hier weniger in der Sexualität selbst als vielmehr in der Unfähigkeit, den physischen Akt richtig einordnen zu können. Die polizeilichen Ermittlungen dienen so vor allem als narrativer Rahmen.
Größtenteils funktioniert „I Want Your Sex“ als Komödie – schließlich steht Vergnügen auch für die Charaktere im Vordergrund. Das inhärente Machtgefälle wird zur erotisch-kreativen Spielwiese, auf der sich das ungleiche Paar buchstäblich austoben darf. Gleichzeitig macht sich Araki über die Kunstszene lustig, in der es ständig darum geht, Grenzen zu überschreiten. Wobei er mit einiger Selbstironie eingesteht, dass es bei seinen eigenen Werken kaum anders ist. Wie der einfordernde Titel bereits suggeriert, richtet sich der Film gegen das selbstauferlegte Zölibat der Gen Z und mokiert sich etwa über Diskussionen rund um mangelndes Einverständnis bei der unfreiwilligen Beobachtung von Händchenhalten in der Öffentlichkeit. (Man wünschte, dies wäre eine übertriebene Spitze, aber ein schnelles Scrolling durch TikTok belehrt mich direkt eines Besseren.) Ein tatsächlicher Diskurs bleibt jedoch aus, denn Elliot greift zwar zum Podcast-Mikrofon, um seinen zwiespältigen Gefühlen Luft zu machen, insgesamt aber hat er nur wenig mit der konservativen Jugend gemein, die sich Araki als Zielscheibe auserkoren hat.
Sowohl die quietschbunte Ästhetik als auch die aufgedrehte, experimentierfreudige und teils schräge Erzählweise tragen unverkennbar die Handschrift des Regisseurs, der wie kaum ein anderer das Chaos der Selbstfindung greifbar zu machen versteht. Immer wieder durchbrechen Verhörszenen die farbenfrohe Lebhaftigkeit des restlichen Films mit ihrer düsteren und vergleichsweise nüchternen Inszenierung. Vor den von Margaret Cho und Johnny Knoxville gespielten Kriminalbeamt*innen muss Elliot nicht nur seine Handlungen, sondern auch die Einvernehmlichkeit der Affäre und damit sein Begehren ständig rechtfertigen. Dass die institutionelle und moralische Bewertung intimer Erfahrungen in eine faschistisch anmutende Palette aus Grau- und Brauntönen gehüllt wird, spricht dabei für sich.
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Das Fundament des Films ist sein passionierter Cast. Nicht zuletzt aufgrund ihres medialen Images (nach Harry-Styles-Affäre und Jason-Sudeikis-Scheidung) erweist sich Olivia Wilde („Don’t Worry Darling“) als perfekte Besetzung für die unbändige Figur der Erika Tracey. Die Funktion ihrer Rolle entspricht einerseits recht klassisch der einer Femme fatale, Arakis Stil hingegen erfordert zusätzlich zu verführerischer Souveränität auch ein gewisses Maß an Selbstironie. Cooper Hoffman, der zuletzt in Stephen Kings dystopischem „Todesmarsch“ glänzen konnte, kontert mit ehrlicher Neugier und der spürbaren Bereitschaft, sich sowohl dem Charakter als auch dem Film in all seinen Facetten auszuliefern. Da Araki bereits in der Vergangenheit immer wieder popkulturelle Bezüge in sein Kino verwob, ergibt die Präsenz der Popikone Charli xcx („The Moment“) zumindest auf einer abstrakten Ebene Sinn, schauspielerisch rechtfertigen lässt sich ihre Anwesenheit aber nicht unbedingt.
Alles in allem wirkt „I Want Your Sex“ weitaus weniger radikal als Arakis Frühwerk. Die freimütige Aufbereitung ist auch für ein breites Publikum leicht zugänglich, dem Mainstream wird hier also nicht allzu sehr vor den Kopf gestoßen. Auch Praktiken wie Pegging dürften 2026 schließlich kaum noch jemanden nachhaltig schockieren – zumal Olivia Wilde genau diesen Begriff auch in ihrer eigenen neuesten Regiearbeit „The Invite“ untergebracht hat. Nur wer gezielt Anstoß nehmen möchte, wird sich von dem Dargestellten pikiert zeigen.
Fazit: „I Want Your Sex“ ist ein kunterbuntes Gedankenexperiment, das die Frage nach dem Schlimmsten, was passieren kann, wenn man sich seiner Lust hingibt, mit einem Augenzwinkern durchspielt. Gregg Araki kommt dabei trotz der Tortur seines Protagonisten zu dem Schluss, dass körperliche Liebe jedes Risiko wert sei – und liegt damit ganz sicher nicht auf einer Linie mit Gen-Z-TikTok.