“Min Dit” ist ein sehr bewegender Film, der mich nachhaltig beeindruckt und ziemlich sprachlos und betroffen zurückgelassen hat. Glücklicherweise bin ich durch einige Kommentare hier schon vor dem Anschauen sensibilisiert gewesen und habe mich etwas mit der zugrundeliegenden Thematik beschäftigt. “Min Dit” handelt vom Konflikt der kurdischen Minderheit in der Türkei, der Film ist von 2009, spielt aber deutlich früher, zumindest vor der Währungsreform 2005. Es ist auf alle Fälle sehr hilfreich, wenn man sich zuvor etwas mit den Hintergründen beschäftigt hat, da einem ansonsten einige wichtige Details entgehen und sich auch die ganze Dramatik nicht erschließt, vielleicht sogar das Gesehene etwas unverständlich bleibt. Denn der Film selbst liefert keinerlei Erklärungen, es gibt eine Exposition der Charaktere oder Einführung in die Thematik.
“Min Dit” hat abgesehen davon, dass es ein fantastischer Film ist, auch eine ganz konkrete filmhistorische und politische Bedeutung. Es war 2009 der erste kurdischsprachige Film, der in der Türkei im Kino gezeigt werden durfte (!), davor und auch wieder danach haben es diese Filme enorm schwer, werden entweder komplett verboten, zensiert oder mit erheblichen Auflagen belegt. Der Film fällt in die relativ kurze Phase, als man in der Türkei den Kurden ein klein bisschen toleranter gegenüber war. Der Regisseur Miraz Bezar hat in einem Interview berichtet, dass der Ausdruck “Min Dît” (“ich habe gesehen” auf kurdisch) in der Folge ein Symbol für das Durchbrechen des Schweigens geworden ist, ein stilles Aufbegehren der kurdischen Bevölkerung.
((ACHTUNG! SPOILER!))
Der Film zeigt uns die beiden Kinder Gülîstan und Firat, deren Eltern sich politisch gegen die Unterdrückung der kurdischen Minderheit in der Türkei engagieren und die auf der Rückreise nach einer Hochzeit von der türkischen Geheimpolizei JİTEM ermordet. Zunächst kommen die Kinder bei der Tante unter, nachdem diese aber auch (ebenfalls von der JİTEM) entführt wird, landen die Kinder auf der Straße und müssen sich fortan als Straßenkinder in der Millionenstadt Diyarbakir durchschlagen. Zu Beginn haben sie noch ihr kleines neugeborenes Schwesterchen dabei, das aber natürlich in der Obdachlosigkeit nicht überleben kann und kurze Zeit später verstirbt. Wir sehen eine sehr bewegende Szene mit Gülîstan und Firat an einem Grab, danach ist das Baby aus der Geschichte verschwunden, das ist in seiner Konsequenz und Tragik unfassbar traurig und man spürt auch eine deutliche Veränderung bei den beiden Geschwistern.
((SPOILER ENDE))
Die weitere Handlung soll an dieser Stelle nicht verraten werden, nur soviel: Nach einigen wirklich beunruhigenden und schlimmen Episoden, die die beiden Kinder auf den Straßen der riesigen Stadt zeigen, steuert der Film auf ein Ende zu, das zwar auf der Rückseite der DVD angeteasert wird (ich mach das jetzt nicht!), in seiner Konsequenz und Emotionalität aber ebenso überraschend wie erschreckend ist. Der Film lebt ganz überwiegend von dem eindringlichen Schauspiel der beiden Kinderdarsteller, die keine Schauspielausbildung haben, sondern direkt von der Straße gecastet wurden. Dadurch wirkt ihr Spiel unfassbar authentisch und berührend. Die Kamera folgt überwiegend Gülîstan und ruht auch oftmals ganz lange auf ihrem Gesicht, das die ganze Tragik und Unfassbarkeit der Situation ganz großartig versinnbildlicht.
Der Film ist überwiegend in kurdisch gehalten, es gibt aber immer mal wieder Szenen, in denen türkisch gesprochen wird. Das ist nicht trivial, sondern hat eine ganz konkrete Bedeutung, die für den Durchschnittsdeutschen (wie mich) nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, da sich die Sprachen (zumindest erging es mir so) ziemlich ähnlich anhören. Tatsächlich ist kurdisch aber von türkisch so weit entfernt wie deutsch von arabisch, ich habe den Film zusammen mit einem befreundeten Türken geschaut, der bei der Einordnung der Szenen geholfen hat. Die Kinder sprechen kurdisch als Muttersprache, dadurch wird ihre Identität als Kurden verdeutlicht und bildet auch eine stille Revolution gegen den Staat, der türkisch als Amtssprache vorsieht und selbst wenn das offizielle Sprechverbot für türkisch 1991 aufgehoben wurde, unterliegt die kurdische Sprache weiterhin erheblichen Repressalien. Die Polizei und auch die paramilitärische JİTEM spricht türkisch, und vor allem immer dann, wen die Kinder einen besonders positiven oder höflichen Eindruck machen wollen (., wenn sie Passanten Taschentücherpäckchen verkaufen wollen), wechseln sie ins türkische. Türkisch ist die Sprache der Unterdrücker und des ganzen staatlichen Unterdrückungsapparates. Aber wie gesagt, wer selbst kein türkisch oder kurdisch spricht, wird die feinen Nuancen vielleicht gar nicht bemerken, in der deutschen Synchronisation geht dieses Detail freilich komplett unter.
Ein weiterer interessanter Punkt ist das Geld bzw. die Währung. Zu Beginn bekommen die Kinder von ihrer Tante eine Zehn-Millionen-Banknote (!). Das Land war in den 1990er und frühen 2000er Jahren von einer heftigen Inflation geplagt, 10 Millionen türkische Lire entsprachen etwa 10 bis 20 Euro. Im Zuge einer Währungsreform wurden 2005 einfach mal sechs Nullen weggestrichen, es wird dadurch aber deutlich, wann der Film spielt. Diese fantastisch hohen Beträge sind in dem Film ein Sinnbild für den vermeintlichen Reichtum, den die Kinder besitzen, wenn sie mit einem 10-Millionen-Lire-Schein auf der Straße unterwegs sind. Denn wenn das Geld nicht auch selbst viel wert war, hat es den Kindern doch ein Stückchen Sicherheit und Beruhigung gegeben und verdeutlicht ziemlich krass die Kluft zwischen dem vermeintlichen Reichtum und ihrer hoffnungslosen Situation. Der Film ist voll mit solchen subtilen Verweisen, die aber gleichzeitig auch zum Entdecken und nochmaligen Anschauen einladen. Man braucht aber, wie gesagt, etwas an Vorwissen, um das Alles auch richtig einordnen zu können.
Mir war das bis gestern gar nicht so klar: Es gibt insgesamt etwa 40 Mio. Kurden (verteilt auf die Türkei, Syrien, Irak und den Iran), somit sind sie das größte Volk der Welt ohne eigenen Staat! Neulich bin ich darüber gestolpert, als ich einen Patienten von mir fragte, woher sein Name kommt und er antwortete, er sei Kurde. Ich war kurz verwirrt, da das ja kein Staat sei, etwas widerwillig erklärte er schließlich, dass er im Irak geboren sei. Mein syrischer Kollege hatte mich dann aufgeklärt, dass es für die Kurden ein Teil ihrer Identität ist, eben nicht Staatsangehöriger des Irak (oder der Türkei) zu sein, sondern, dass sie sich als eigenständiges Volk ansehen. Jetzt plötzlich macht das total Sinn!
FAZIT: Lange Rede, kurzer Sinn! “Min Dît: Die Kinder von Diyarbakir” ist ein absolut sehenswerter Film, der eindringlich, intensiv und emotional das Schicksal der unterdrückten kurdischen Minderheit in der Türkei thematisiert und anhand von zwei Kindern auf furchtbare Art und Weise direkt erfahrbar macht. Unbedingt anschauen!