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    City On Fire
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    City On Fire
    Von Christian Horn
    Nachdem Hongkong-Regisseur Ringo Lam mit dem Van-Damme-Vehikel „Maximum Risk“ Anfang der Neunziger sein Hollywood-Debut gegeben hat, ist er eigentlich kaum noch der Rede wert. Misslungene Filme wie „Chucky und seine Braut“ bestimmen heute die kinematographische Ausschüttung des Filmemachers. Als er noch in Hongkong drehte, war das zwar nicht wesentlich anders (ein durchgängig guter Regisseur war Lam nie), aber ab und an landete er einen Treffer (wie etwa mit „Wild Search“), von denen „City On Fire“ aus dem Jahr 1986 ganz eindeutig der großartigste ist. Hier gelingt es Ringo Lam, seine kommerzielle Ader mit einem stilistischen Kunstanspruch zu kreuzen. Sein melancholischer, von einer schlichten Geschichte getragener Noir-Thriller nimmt den Zuschauer von Anfang bis Ende gefangen, indem er Spannung, Action, Humor und Dramatik mustergültig ausbalanciert.

    Der draufgängerisch-charismatische Undercover-Cop Ko Chow (Chow Yun-Fat; The Killer, Tiger und Dragon) muss im Verlauf einer Ermittlung einen Gangster verraten, der ihm zum Freund geworden ist und will aufgrund seiner Schuldgefühle die Karriere als verdeckter Ermittler an den Nagel hängen. Nun ist sein väterlicher Vorgesetzter (Sun Yeuh), ein Inspektor, aber durch einen jungen, aufstrebenden Ermittler (Roy Cheung) in Bedrängnis und kann seine Führungsrolle bei der Polizei nur mit Mühe behaupten. Um seinem Freund einen Gefallen zu tun, entschließt Chow sich dazu, eine letzte Undercover-Ermittlung durchzuführen. Und wie es im Kino des Öfteren der Fall ist, verläuft dieser „letzte Job“ weniger reibungslos als erhofft: Während Chow sich stückweise das Vertrauen Fus (Danny Lee; „The Killer“, Just Heroes), dem Anführer einer Bande von Juwelendieben, erarbeitet, sabotiert der aufstrebende Jung-Kommissar die Ermittlungen. Außerdem lässt Fu sich nicht leicht hinters Licht führen und sorgt für den einen oder anderen Nervenkitzelmoment. Immer schwebt über Chow die Gefahr, enttarnt und getötet zu werden; zudem fühlt er sich dem Gangster mehr und mehr freundschaftlich verbunden.

    Schon zu Beginn von „City On Fire“ etabliert Ringo Lam eine melancholische und latent bedrohliche Stimmung, indem er einen brutalen Messermord auf offener Straße zu traurigen Saxophonklängen inszeniert. Diese Atmosphäre hält er über die gesamte Spieldauer durch; einzig in den humorvoll-romantischen und verspielten Szenen zwischen Chow und seiner Verlobten (Carrie Ng), die den Thriller-Plot immer mal wieder unterbrechen, entspannt die Lage sich ein wenig. Wenn auch nur marginal, denn zumindest für unseren Protagonisten geht auch hier die emotionale Belastung weiter, da seine Verlobte sich (zu Recht) vernachlässigt fühlt und ihm mit Trennung droht – eine waschechte Beziehungskrise, die Lam allerdings teilweise zu überspitzt darstellt und durch Witz dramaturgisch entschärft.

    Rein inhaltlich ist „City On Fire“ nicht gerade mit Innovation gesegnet: Wieder treffen wir auf die für das Heroic-Bloodshed-Kino absolut typischen Themen wie Freundschaft, Ehre, Treue und – auf der Kehrseite – Hass, Neid und Verrat. Dass diese anhand einer Männergeschichte erzählt werden, ist ebenfalls mehr als üblich (man denke an die Filme John Woos, dessen „The Killer“ übrigens dieselben Hauptdarsteller in umgekehrten Rollen zeigt). Was „City On Fire“ sehenswert macht, ist hingegen die Inszenierung. Die erwähnte, melancholische Bluesmusik (komponiert von Teddy Robin) evoziert in Verbindung mit den bläulich-grauen, matt gehaltenen und klaren Bildern eine Atmosphäre der Ausweglosigkeit, die den Film nicht nur bereichert, sondern letztlich ausmacht. Die Spannung und Dramatik entwickelt sich innerhalb dessen sehr dynamisch aus den Charakteren heraus und wird nicht, wie bedauerlicherweise allzu oft, in diese hinein gepresst. Und dass Lam die Schießereien und Gewaltszenen sehr sachlich und realistisch umsetzt – ohne Übertreibungen, optische Ästhetisierungen und dergleichen – ist in diesem Kontext genau die richtige Wahl.

    Und letztlich ist es auch den großartigen Darstellern zu verdanken, dass „City On Fire“ funktioniert. Der ohnehin begabte Chow Yun-Fat ist in einer seiner besten Rollen zu sehen; er gibt den zwischen zwei Stühlen sitzenden Spitzel sehr facettenreich – mal traurig, mal heiter, dann wieder knallhart und dabei stets charmant. Auch Danny Lee, bei dem das keineswegs immer der Fall ist, kann begeistern und agiert sehr ebenbürtig neben Yun-Fat. Zuletzt sei noch Carrie Ng erwähnt, die mit „City On Fire“ in ihrer ersten großen Rolle zu sehen ist. Ihre übertriebenen Gesten und Mimen bereichern ihre Szenen mit Chow Yun-Fat ungemein, selbst dann, wenn sie nah am Abgrund zum Lächerlichen spielt (hier muss wieder einmal auf die deutsche Synchronfassung aufmerksam gemacht werden, die Carrie Ng mit einer von Grund auf nervigen Stimme bedacht hat, die leicht den Verdacht einer glatten Fehlleistung Ngs erwachen lassen kann).

    Völlig zu Recht gilt „City On Fire“ als einer der wichtigsten und besten Filme des Hongkong-Kinos. Die makellose und konsequente Inszenierung, das gelungene Schauspiel und die zwar wenig inspirierte, aber dennoch sehr effektive Geschichte liefern ein rundes Gesamtbild ab. Das hat übrigens auch unserem cineastischen Dieb Quentin Tarantino gefallen: Für seinen Debütfilm Reservoir Dogs hat er, ganz Postmoderne, die aufreibende Schlussszene aus „City On Fire“ adaptiert und auf Spielfilmlänge gestreckt. Auch Szenen aus dem vorherigen Geschehen hat er, teilweise mit identischer Bildgestaltung, übernommen… und das Original muss sich nicht verstecken.
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