Mein Konto
    Annelie
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Annelie
    Von Michael Meyns

    Einen „Hartz IV Film“ nennt Regisseur und Drehbuchautor Antej Farac sein Drama „Annelie“, doch was genau das sein soll ist auch nach oft zähen 111 Minuten nicht wirklich klar. Schauplatz des Films ist ein Annelie genanntes Wohnprojekt in München, das lange Jahre Wohnort für sozial schwache Menschen war und 2012 geschlossen wurde. Dies war für den bislang als Dokumentarfilmer aktiven Farac Anlass für sein Spielfilmdebüt, das als unentschlossene Mischung aus harschem, dokumentarischem Sozialrealismus, überzeichneter Groteske und Drama daherkommt und nur in einzelnen Momenten ein Gefühl für die soziale Realität Deutschlands vermitteln kann.

    Einst war Annelie eine Pension in München, doch längst werden die Appartements von Junkies, Prostituierten, Arbeitslosen und anderen Menschen bewohnt, die mehr oder weniger abseits der Gesellschaft stehen. Den Tag verbringen diese Gestalten mit Biertrinken und rumsitzen, mal im Hof, mal im Kiosk von Yogi (Christian Thomae). Der ist großer Kiss-Fan und versucht mit zunehmender Verzweiflung Karten für ein Konzert der Rocker zu verkaufen. Doch am großen Tag erweisen sich die Karten als gefälscht, was Yogi zu einer ungewöhnlichen Tat treibt: Er entführt seine Helden. Währenddessen versucht der abgehalfterte Schauspieler Max (Georg Friedrich) seine Affäre mit der Swingerclub-Betreiberin Gabi (Gabi Tichy) zu retten, die an seiner Heroin-Sucht scheiterte.

    Jahrelang wohnte Antej Farac gegenüber der Annelie, lernte etliche Bewohner kennen, erlebte ihre Dramen hautnah mit. Diese Nähe schaffte ein Maß an Vertrauen, ohne das dieser Film nicht möglich gewesen wäre. Doch eine reine Dokumentation über Leben und Leiden der Annelie-Bewohner war Farac offenbar nicht genug und so vermischt er dokumentarisches mit fiktivem. Wirken manche Szenen wie reine Dokumentaraufnahmen, die das Leben mit Hartz IV auf erschreckend unmittelbare Weise einfangen, sind viele Aspekte des Filmes – besonders natürlich die Kiss-Entführung – fiktiv und inszeniert. Im Gegensatz zu einem offensichtlichen Vorbild wie Ulrich Seidl, der in seinen besten Filmen „Hundstage“ und besonders „Import/Export“ auf brillante Weise reales und fiktives vermischt, Laien neben Profis stellt, scheitert Farac an dieser schwierigen Übung.

    Zwischen authentisch wirkenden Szenen schleichen sich immer wieder Momente ein, die grotesk überzeichnet sind und die Figuren fast bloßstellen. Und zwischen den „echten“ Menschen, die weniger spielen als sie selbst zu sein, bewegt sich Ausnahmeschauspieler Georg Friedrich („Contact High“), der nicht zufälligerweise auch schon mit Seidl zusammengearbeitet hat. Mit großer Authentizität spielt er seine Rolle als drogensüchtiger Schauspieler, der als allwissender Erzähler auch noch den ganzen Film zusammenhalten soll. Doch die Diskrepanz zwischen den berührenden Szenen um Friedrichs Rolle Max, und den impressionistischen Beobachtungen der echten Bewohner kann Farac nicht überbrücken.

    So ehrenwert der Versuch ist, einen Film über einen anderen Aspekt der deutschen Wirklichkeit zu drehen, Menschen eine Plattform zu bieten, die ansonsten gern ignoriert werden oder nur als Figuren einer Menagerie des Schreckens taugen: Das Ergebnis ist zu zerfahren, um zu überzeugen. Die künstlerische Überhöhung der Geschichte, die in einem überdrehten, fast surrealen Konzert ihr Ende findet, das wohl einen Moment der Hoffnung, des Glücks andeuten soll, will nicht zur harschen Realität der Einzelschicksale passen. Ein reiner Spielfilm oder eine wirkliche Dokumentation wäre dem Thema wohl gerechter geworden als diese unglückliche Mischung aus dokumentarischem Realismus und surrealer Überhöhung.

    Fazit: Antej Farac scheitert mit „Annelie“ beim Versuch das Schicksal von Hartz IV-Empfängern als Mischung aus Dokumentation und Fiktion zu erzählen.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top