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    Unsere Zeit ist jetzt
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Unsere Zeit ist jetzt
    Von Christoph Petersen
    Nach dem katastrophal schlechten, unverhohlen selbstbeweihräuchernden Bushido-Biopic „Zeiten ändern dich“ waren wir natürlich erst einmal skeptisch, als angekündigt wurde, dass nun auch noch ein Cro-Film in die Kinos kommen soll. Aber dann deutete immer mehr darauf hin, dass Martin Schreiers „Unsere Zeit ist jetzt“ keine simple Leinwand-Biographie werden würde - ganz im Gegenteil: Nach der Veröffentlichung der offiziellen Inhaltsangabe und des ersten Trailers konnten wir mit einem Mal gar nicht mehr abschätzen, was zum Teufel da eigentlich auf uns zukommt. Die Antwort überrascht (und zwar im positiven Sinne): Im Kern ist „Unsere Zeit ist jetzt“ nämlich eine starke, mit etlichen experimentellen und selbstironischen (Meta-)Elementen angereicherte romantische Komödie (nach „SMS für dich“ der zweite deutsche RomCom-Volltreffer in einem Monat), die sich zugleich auch noch auf drei völlig verschiedene Weisen dem Pandamasken-Phänomen Cro annähert.

    40.000 Euro sind für denjenigen reserviert, der Rapper Cro (spielt sich selbst) von sich und seiner Idee für einen CRO-Kinofilm am stärksten begeistern kann. Nach einer ersten Casting-Runde bleiben noch drei Konzepte übrig, die in den kommenden vier Wochen noch weiter ausgearbeitet werden sollen, bevor dann die finale Entscheidung fällt: Die Asperger-Autistin und Filmstudentin Vanessa (großartig: Peri Baumeister) will als Uni-Abschlussprojekt eine Tour-Doku über Cro drehen, während dem kunstbegabten Versicherungsangestellten Ludwig (Marc Benjamin) eher ein Animationsfilm über die Jugendtage des Rappers vorschwebt. Und der partymachende Frauenheld Dawid (der nächste Ronald Zehrfeld: David Schütter) schüttelt ohne Vorbereitung die Idee eines Films aus dem Ärmel, in dem Cro in 30 Jahren als fetter Mittfünfziger mit seinen goldenen Schlägern auf dem Golfplatz steht und von einem Comeback in der (bis dahin längst abgerissenen) Schleyer-Halle träumt. Während das Trio an ihren Projekten arbeitet, kommen sich die jungen Filmemacher zunehmend auch gegenseitig näher…





    Wenn Cro nicht wie in der im Chicago der 1930er Jahre angesiedelten, mit einem hochglanzpolierten Neo-Noir-Look versehenen Eröffnungssequenz Widersacher mit seinen Martial-Arts-Moves umnietet, fungiert der Rapper die meiste Zeit über als weiser Ratgeber für die drei Protagonisten. An seinen Szenen erkennt man schon, dass an ihm kein riesiges Schauspieltalent verlorengegangen ist, dennoch wirkt er trotz Pandamaske ungemein natürlich und ganz einfach wie ein richtig netter Kerl. Zudem beweist Cro im Gegensatz zu Bushido, der mit „Zeiten ändern dich“ schmerzhaft offensichtlich nur das selbstgeschaffene eigene Image untermauern wollte, hier echte Größe und lässt sich gerade in der Zukunftsepisode auch schön selbstironisch durch den Kakao ziehen, wenn sich der Mittfünfziger-Cro auf einem Spargelfest vor einer läppischen Handvoll Zuschauer eine Schlägerei mit Howard Carpendale liefert. Dort nimmt der Rapper dann auch endlich mal seine Pandamaske ab – und darunter steckt niemand Geringeres als Til Schweiger, der sich aus einem Berg nackter Frauenkörper wühlt und in einem komplett weißen Nicht-Raum ein surreales Streitgespräch mit dem schreibblockierten Dawid anzettelt.

    „Unsere Zeit ist jetzt“ steckt voller kleiner Experimente, rückhaltloser Albernheiten (grandios: Wotan Wilke Möhring als Cros Zukunftsmanager) und satirischer Spitzen. Sogar das Oberhausener Manifest wird an einer Stelle zum Teil verlesen – in einem großen deutschen Mainstreamfilm, unglaublich, normalerweise werden solche herausfordernden Eigenheiten von den verantwortlichen Redakteuren als erstes herausgestrichen. Aber das eigentliche Herz des Films bleibt trotzdem die in einer „Das süße Leben“-Reminiszenz mündende Dreiecksbeziehung zwischen Vanessa, Ludwig und Dawid, die vor allem aufgrund der drei herausragenden Hauptdarsteller mächtig zündet. Gerade Peri Baumeister dürfte in nächster Zeit mit Hauptrollenangeboten regelrecht überhäuft werden. Wenn man „Unsere Zeit erst jetzt“ neben seiner arg glattpolierten Hochglanzoptik überhaupt etwas vorwerfen will, dann, dass er vielleicht sogar etwas zu ambitioniert ist, denn hundertprozentig kommen all die verschiedenen Elemente des Films schlussendlich nicht zusammen. Aber VIEL lieber mit kreativem Karacho ein wenig über das Ziel hinausgeschossen als der immer gleiche feige Scheiß.

    Fazit: Die Macher um Regisseur Martin Schreier und Produzent Til Schweiger haben echt Eier in der Hose, denn selten zuvor hat ein Musikerfilm die Erwartungen so konsequent unterlaufen wie dieser. Womöglich wird „Unsere Zeit ist jetzt“ den einen oder anderen Cro-Fan herbe enttäuschen – aber Freunde romantischer Komödien und generell experimentellerer Kinoerfahrungen sollten ihn sich auf keinen Fall entgehen lassen.
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